Biennale in Venedig

Die Metamorphosen von Venedig

Die Kuratorin der Kunstbiennale Cecilia Alemani wählte ein Büchlein der Surrealistin Leonora Carrington als Leitmotiv ihrer Ausstellung „The Milk of Dreams“. Darin geht es um die Macht der Verwandlung

Von Petra Schaefer
26.04.2022

Blättert man in dem 2013 erstmals veröffentlichten Kinderbuch „Die Milch der Träume“ der britisch-mexikanischen Surrealistin Leonora Carrington (1917–2011), springen einem die fantasievoll aquarellierten Figuren fröhlich entgegen. Allen voran der doppelköpfige Schnurrbart-Schnurrbart-Mann, die Spinnen fressende Tochter und seine gertenschlanke Frau, die immer auf dem Kopf steht. Carringtons Geschichten führen nicht wie Honigmilch in das Land der Träume, sondern in ein schauriges Panoptikum mit „wirklich ekligen“ Gestalten.

Die Kuratorin der diesjährigen Kunstbiennale in Venedig Cecilia Alemani wählte das schmale Büchlein als Erzählgrundlage ihrer gleichnamigen Ausstellung, weil die Grenzen sprengende Vorstellungskraft zeige, dass „sich jeder verändern kann, verändert werden kann, etwas werden kann oder jemand anderes werden kann“.

Wie brutal-radikal das Transformationsbedürfnis bei Carrington selbst war, beschreibt ihre Kurzgeschichte „Die Debütantin“, die zum Auftakt im Katalog der Biennale abgedruckt ist. Die Protagonistin, wie Carrington aus wohlhabendem Haus, schickt am 1. Mai 1934 an ihrer Stelle eine Hyäne, der sie zugeneigt ist, zum Ball. Damit die Verwandlung des Tiers zur jungen Debütantin gelingen kann, opfert sie ihre Zofe, denn schließlich „hasst sie Bälle“. Die Hyäne frisst die junge Dienerin mit Haut und Knochen und zieht ihr Gesicht als Maske an. Zunächst scheint das Unternehmen zu gelingen, doch schließlich verrät der animalische Geruch den Schwindel. Das Tier reißt die Maske herunter, frisst sie und verschwindet in der Dunkelheit der Nacht.

Leonora Carrington Biennale Venedig Giardini
Leonora Carringtons Tafelgemälde „Porträt von Madame Dupin“ von 1949 zeigt ein Mischwesen mit einem zarten weiblichen Körper und einem übergroßen dunklen animalischen Kopf. Gertrud V. Parker Collection. Courtesy Gallery Wendi Norris, San Francisco. © Estate of Leonora Carrington Artists Rights Society (ARS), New York; VG Bild-Kunst Bonn, 2022

Das Thema der Maskierung greift Cecilia Alemani in der zentralen Ausstellung der Biennale in der Zeitkapsel „Die Hexenwiege“ auf, die sie im Untergeschoss des Hauptpavillons in den Giardini museal präsentiert. Hier zeigt sie einige Hauptwerke von Leonora Carrington zusammen mit anderen „Neuen Frauen“ wie Gertrud Arndt, Leonor Fini, Josephine Baker und Rosa Rosà, die sich künstlerisch mit der Überwindung der Dualismen Mensch/Natur, Frau/Mann, Geist/Körper auseinandersetzten. Leonora Carringtons Tafelgemälde „Porträt von Madame Dupin“ von 1949 zeigt ein Mischwesen mit einem elegant gekleideten, zarten weiblichen Körper und einem übergroßen dunklen animalischen Kopf, der an einen schwarzen Schmetterling erinnert. Die großen hellen Augen schauen wach aus dem Bildraum heraus, als könne der Kopf jeden Moment mit den Flügeln schlagen und sich vom Körper frei machen. Doch an der Figur rankt eine Pflanze hoch, die sie physisch und metaphorisch mit der Erde verbindet.

Hauptpavillon Giardini Venedig Biennale
Der Pavillon für die Hauptausstellung in den Giardini von Venedig mit Werken von Cosima von Bonin. © Courtesy La Biennale di Venezia; Foto: Marco Cappelletti

Eine großartige Ergänzung zu dieser kleinen Tafel, die in der Überfülle der Kunstbiennale leicht übersehen werden kann, ist Leonora Carringtons überlebensgroße Holzskulptur „Die Katzenfrau (die große Dame)“ von 1951, die bis Mitte September in der Peggy Guggenheim Collection in Venedig und anschließend im Museum Barberini in Potsdam im Rahmen der Ausstellung „Surrealismus und Magie“ zu sehen sein wird. In diesem Totem-artigen Werk verknüpft die Malerin die Figur der Katze – im alten Ägypten war die Gottheit Bastet ein Symbol für Weiblichkeit – mit den Flügeln eines Schmetterlings und hochaufragenden Bäumen und verdeutlicht, welche animalische Stärke in dem scheinbar zarten weiblichen Wesen steckt.

Leonora Carrington Biennale Venedig
Leonora Carringtons überlebensgroße Holzskulptur „Die Katzenfrau (die große Dame)“ von 1951 ist in der Peggy Guggenheim Collection ausgestellt. © Foto: Matteo De Fina; VG Bild-Kunst Bonn, 2022

In Leonora Carringtons Bildwelten stecken viele ikonografische Elemente, die auf wundersame Weise interepochal und transkulturell in den Positionen zeitgenössischer Künstlerinnen Widerhall finden. Bildlich konkretisiert sich dies in der Figur der Sphinx, der wachenden Chimäre, die nicht nur in Carringtons Gemälde „Ulus Hose“ von 1952 im Hauptpavillon auftaucht, sondern auch in der brandneuen Arbeit der mit dem Goldenen Löwen preisgekrönten Künstlerin Simone Leigh im US-Pavillon.    

Zur Startseite