„Kollektive der Moderne“ im Lenbachhaus

Niemand ist allein

Die Geschichte des 20. Jahrhunderts ist auch eine Geschichte der Kollektive. Das Lenbachhaus zeigt nun künstlerische Gruppen aus aller Welt, die eine andere Moderne prägten

Von Simone Sondermann
18.10.2021
/ Erschienen in WELTKUNST Nr. 191

Während im China der 1970er-Jahre die europäische Moderne allenfalls im Verborgenen rezipiert wurde, führte man im Brasilien der 1920er-Jahre die Auseinandersetzung mit dem westlichen Kanon deutlich offensiver. Die Grupo dos Cinco, die sich 1922 in São Paulo zusammenschloss, gab der brasilianischen Kunst in den nur wenigen Monaten, in denen die beiden Malerinnen Tarsila do Amaral und Anita Malfatti sowie die Schriftsteller Mário de Andrade, Oswald de Andrade und Menotti del Picchia gemeinsam agierten, entscheidende Impulse. Ihre zentrale Fragestellung – hundert Jahre nach der Unabhängigkeit des Landes 1822 – war die nach dem Eigenen einer brasilianischen Kultur in Abgrenzung zur einst kolonialen westlichen. Auch aus den Erfahrungen der Gruppe entwickelte Oswald de Andrade 1928 sein „Antropófago“-Manifest, das der neuen Kunstrichtung seinen Namen gab. Antropófago, zu Deutsch Kannibale, steht für die Idee, sich das Fremde der einstigen Kolonialkultur einzuverleiben, es zu verschlingen und daraus etwas überbordend Neues entstehen zu lassen. Tarsila do Amarals „Schreckgespenst“ von 1924, das in der Ausstellung zu sehen ist, ein üppig farbenfrohes und zugleich in einem spielerischen Kinderbuchstil reduziertes Werk mit einem freundlichen Ungeheuer im Zentrum, ist programmatisch für den neuen modernismo. Die Malerin wurde mit ihrer eigenwilligen Bildsprache aus brasilianischen und europäischen Elementen zur bedeutendsten Künstlerin Brasiliens.

Im Nachbarland Argentinien waren in den 1920er-Jahren die Artistas del Pueblo und die Martínfierristas aktiv. Wie bei der Grupo dos Cinco fällt der interdisziplinäre Charakter der Kollektive auf. Bildende Künstlerinnen und Künstler blieben nicht unter sich, sondern bildeten Gemeinschaften mit Schriftstellern und Theaterleuten. Neue Wege der Distribution zu finden, in Form von Zeitschriften, Theateraufführungen und Ausstellungen an öffentlichen Orten, war ein verbindendes Element fast aller in der Schau vertretenen Kunstkollektive und ein wichtiges Thema, das die Ausstellung herausarbeiten wollte. So produzierten die Artistas del Pueblo rund um Abraham Regino Vigo, José Arato, Agustín Riganelli, Guillermo Facio Hebequer und Adolfo Bellocq vor allem Druckwerke wie Zeitschriften und Pamphlete sowie Bühnenbilder für Theateraufführungen, die sich an die Arbeiterklasse richteten und mit der russischen Revolution sympathisierten. Auch im Zentrum der bürgerlicheren Martínfierristas stand eine Zeitschrift, die 1924 bis 1927 erscheinende Martín Fierro, und zu den Mitgliedern gehörte Jorge Luis Borges, der später mit seinem magischen Realismus die lateinamerikanische Literatur entscheidend prägte.

Ausstellung Gruppendynamik Lenbachhaus Emilio Pettoruti Flötenspieler
Zu den argentinischen Martínfierristas gehörte Emilio Pettoruti. „Der blinde Flötenspieler“ entstand 1920. © Lenbachhaus/Foto: Sothebys, Maya Mehta/Fundación Pettoruti

Ein weiteres Leitmotiv der Schau ist das Nation Building. Wurde in Argentinien und Brasilien selbst hundert Jahre nach der Loslösung von Spanien und Portugal noch um die nationale Identität gerungen, begleiteten die Kollektive in Indien und Pakistan diesen Prozess der Selbstfindung zeitgleich zur staatlichen Unabhängigkeit und Trennung beider Länder in ein hinduistisches Indien und ein muslimisch geprägtes Pakistan. Die Bombay Progressive Artists’ Group, gegründet im Jahr der Unabhängigkeit 1947, wurde zum berühmtesten und heute gut erforschten Kunstkollektiv des jungen Indien. Ihre Werke schafften es auf Briefmarken. Das später auf dem internationalen Kunstmarkt erfolgreichste Mitglied war Francis Newton Souza, der in den 1950er-Jahren nach London übersiedelte. Sein Gemälde „Birth“ erzielte mit 4 Millionen Dollar 2015 einen Rekord für ein Werk moderner indischer Kunst. Auch Maqbool Fida Husain, dessen „Village Woman“ von 1954 Kubismus und traditionelle indische Malerei zusammenbringt, wurde zum Star der indischen Kunstwelt.

Dem Lenbachhaus ist mit dieser Schau – trotz pandemiebedingter Transporthindernisse – Erstaunliches gelungen. Leihgaben aus aller Welt geben Einblicke in künstlerische Produktions- und Lebenswelten, die die europäisch dominierte Idee der Moderne enorm erweitern. Die Schau verabschiedet überzeugend die Idee des Kunstschaffenden als Solitär und lässt den frischen und mitunter eisigen Wind der politischen, wirtschaftlichen und soziologischen Wirklichkeit in den wohltemperierten Betrachtungsraum des Museums. Eine belebende Erfahrung.

Ausstellung Gruppendynamik Lenbachhaus Tayo Adenaike
Tayo Adenaikes „Denker (Unsere Gedanken unterscheiden sich)“ von 1986 im Geist der nigerianischen Nsukka Schule. © Lenbachhaus/Peter Wolff/Tayo Adenaike

Service

AUSSTELLUNG

„Gruppendynamik. Kollektive der Moderne“,

Lenbachhaus,

19. Oktober bis 24. April 2022

lenbachhaus.de

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