Modigliani in Wien

Viel mehr als nur Schwanenhälse

Zu Lebzeiten schockierte Amedeo Modigliani mit seinen Werken das Publikum. Nun bekommt der italienische Künstler in Wien eine Imagekorrektur

Von Nina Schedlmayer
04.10.2021
/ Erschienen in WELTKUNST Nr. 190

Ein Knie aufgestellt, eines am Boden, so betrachtet Albertina-Direktor Klaus Albrecht Schröder die Skulptur „Kopf mit verziertem Sockel“ von Amedeo Modigliani: ein stark gelängter Kopf mit einem Mund in Form eines Rings, blinde Augen, gekerbte Stirn, im Sockel, fein eingeritzt, eine enigmatische Zeichnung. Das Werk wurde gerade ausgepackt und steht nun am Boden in der Schau „Modigliani. Revolution des Primitivismus“ in der Wiener Albertina, die im Augenblick dieser Beobachtung fast fertig gehängt ist.

Wer würde nicht in die Knie gehen vor diesem schlichten wie rätselhaften Kopf, den Modigliani 1912 schuf? Gleich im ersten Raum der Ausstellung findet die atemberaubende Skulptur ihren Platz – umringt von Werken Picassos, Artefakten aus außereuropäischen und prähistorischen Kulturen sowie weiteren Skulpturen Modiglianis, dieses 1884 in Livorno geborenen Kunstmarktstars, dessen Auktionspreise gern für Schlagzeilen sorgen. Zuletzt 2018, als einer seiner Akte für 157 Millionen Dollar versteigert wurde.

Bloß 35 Jahre wurde er alt, ein kränklicher Mann von nur 1,60 Metern Körpergröße, 1920 verstorben im Pariser Hôpital de la Charité an tuberkulöser Meningitis. Seine Krankheit hatte ihn bereits 1914 dazu gezwungen, die Bildhauerei aufzugeben. Dabei hatte er sogar in Carrara studiert, ebenso in Florenz und Venedig, bevor er 1906 nach Paris zog und dort in die brodelnde, aber ärmliche Kunstszene am Montmartre eintauchte.

Modigliani Albertina Wien
Beim Porträt „Jeanne Hébuterne” (1918) orientierte sich Amedeo Modigliani an Renaissancebildnissen. © Fonds de dotation Jonas Netter

Es ist müßig, darüber nachzudenken, ob der Sohn einer sephardisch-jüdischen Familie in der Bildhauerei seinen Kollegen und Zeitgenossen Constantin Brâncuși überflügelt hätte oder nicht; Beispiele für seine progressive Haltung liefert die Schau jedenfalls. Der Pariser Kurator Marc Restellini, Herausgeber von Modiglianis Werkverzeichnis, thematisiert darin ausführlich den Einfluss des sogenannten Primitivismus; in einem Katalogessay befasst er sich eingehend mit den problematischen Implikationen eines eurozentristischen Blicks. Er beschränkt sich dabei nicht auf Modigliani, sondern zeigt seine Werke gemeinsam mit solchen von André Derain, Brâncuși und Picasso. „Die Ausstellung räumt mit der Vorstellung auf, dass Modigliani kitschig ist“, erklärt Restellini im Gespräch. „Er war Avantgardist, ein Intellektueller, sehr gebildet, umgab sich mit klugen und künstlerisch veranlagten Frauen.“

Durch die Schau wandernd, enthüllt sich der Besucherin, wie der Künstler Schritt für Schritt zu seinen Formen fand. So inspirierten ihn die Karyatidenfiguren der griechischen Antike zu Zeichnungen und Gemälden von einerseits bewegten, freien Körpern, andererseits starren, strikt frontalen Kompositionen. Modiglianis Einflüsse sind vielfältig und stark geprägt durch das ethnografische Museum im Palais du Trocadéro. Restellini: „Modigliani schuf Synthesen zwischen Skulpturen der Khmer, der Kykladen, Ozeaniens und vieler anderer Kulturen.“ Auch aus der neuzeitlichen europäischen Kunstgeschichte bezog Modigliani seine Inspiration: Das Porträt von Jeanne Hébuterne, seiner letzten Lebensgefährtin, erinnert an frühe Renaissancebildnisse, etwa jene von Piero della Francesca.

Modigliani Albertina Wien
Eher untypisch für Modigliani ist die düstere Darstellung seines Künstlerkollegen Diego Rivera von 1914. © Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf

Die Schau stellt Modigliani als Künstler dar, der seine gleichaltrigen Kollegen inspirierte – nicht umgekehrt. „Picasso war sehr beeindruckt von Modigliani. Er hat – wahrscheinlich unter seinem Einfluss – aufgehört, kubistisch zu arbeiten“, vermutet Restellini. Zeigt er in der ersten Ausstellungshälfte Modigliani gemeinsam mit Werken seiner Zeitgenossen und ethnografischen Artefakten, so verschwinden diese später; in den anderen Räumen liegt der Fokus auf Modiglianis eigenen Aktgemälden und jenen Porträts, die zu seinem Markenzeichen wurden: Schwanenhälse, schief gelegte Köpfe, leere Augen.

So überzeugend und differenziert die Ausstellung den Künstler in den Kontext seiner Zeit einbettet, so wenig reflektiert sie einen anderen Aspekt seiner Werke: nämlich die Art, wie er Frauen darstellt, die sich vor einem voyeuristischen Betrachter räkeln oder passiv die Hände übereinanderlegen. Man hätte doch gern mehr über die Geschlechterrollen bei Modigliani erfahren als nur die Tatsache, dass er Affären und Partnerschaften mit Dichterinnen, Intellektuellen und Künstlerinnen hatte.

Der Anspruch, Modigliani eine Imagekorrektur zu verpassen, ist jedenfalls erfüllt. Zudem erzählt die Schau mit ihrem Fokus auf der Bedeutung der außereuropäischen Kultur für die Moderne ein Stück Avantgarde-Geschichte.

Service

AUSSTELLUNG

„Modigliani. Revolution des Primitivismus“

Albertina, Wien,

bis 9. Januar 2022

albertina.at

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