12.02.2020 Tim Ackermann

Knopf am Kopf

Im Museum Folkwang in Essen widmet sich die Ausstellung „Der montierte Mensch“ facettenreich der Technikbegeisterung in der Kunst

Identitätsverwirrungen zwischen Maschinen und Menschen bieten Stoff für gute Unterhaltung. Und das weit bevor Harrison Ford 1982 in Ridley Scotts SciFi-Noir-Thriller ­„Blade Runner“ auf Replikantenjagd ging. Mit den mechanischen Automaten zog bereits im 17. Jahrhundert eine Frühform der künstlichen Intelligenz in die Höfe Europas ein. In seiner Schau „Der montierte Mensch“ beschränkt sich das Museum Folkwang allerdings auf Kunst von 1900 bis in die Gegenwart – jene Epoche, in der die Maschinen nicht nur die Industrieproduktion, sondern alle Lebensbereiche durchdrungen haben.

Die Futuristen bilden den Auftakt

Den technikbegeisterten italienischen Futuristen gehört der erste Raum: Fortunato Deperos „Motociclista“ (1927) braust durchs Bild, verschmolzen mit seiner Maschine, eingehüllt in eine zackige Wolke aus Lärm und Geschwindigkeit. Daneben steht Umberto Boccionis Skulptur „Forme uniche della continuità nello spazio“ (1913/2004), die eine Figur beim Vorwärtsrennen eingefroren zeigt. Die Bewegungsunschärfe liegt wie ein Bronzepanzer über der roboterhaften Form. Die visuelle Reduktion des Menschen auf seine Mechanik ist ein produktiver Kunstgriff, wie auch Alexander Rodtschenko in den Dreißigerjahren mit Fotografien von Sportleraufmärschen in Moskau bewies. Im Gegenzug wird die Maschine anthropomorphisiert: Carl Grossberg macht in „Der gelbe Kessel“ (1923) einen ebensolchen zum Zentrum eines Porträts, und in Konrad Klaphecks Gemälde „Der Krieg“ (1965) marschieren fünf Bohrmaschinen wie ein Trupp Soldaten auf.

Tony Oursler, „Digital Study for Fa\p0s“, 2016, Magasin III Museum & Foundation for Contemporary Art, Sweden, courtesy of the artist
Tony Oursler, „Digital Study for Fap0s“, 2016, Magasin III Museum & Foundation for Contemporary Art, Sweden, courtesy of the artist

Der lustvoll hybride Maschinenmensch beschäftigt die jüngere Kunst: Die Engländerin Helen Chadwick verkleidet sich 1977 für Fotos als Küchengeräte. Und der Amerikaner Jon Rafman erzählt im computeraniminierten Film „Codes of Honor“ (2011), wie er als Teenager mit seinem Avatar in einem Kung-Fu-Videospiel Heldenhaftes vollbrachte. „Alles danach im Leben schmeckte wie eine Enttäuschung“, ist sein Fazit.

Konrad Klapheck, „Der Krieg“, 1965, Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf © VG Bild-Kunst, Bonn 2019, Foto: Walter Klein, Düsseldorf
Konrad Klapheck, „Der Krieg“, 1965, Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf © VG Bild-Kunst, Bonn 2019, Foto: Walter Klein, Düsseldorf

Service

Ausstellung

„Der montierte Mensch“

Museum Folkwang
Essen, bis 15. März

Dieser Beitrag erschien in

WELTKUNST Nr. 167/2020