23.01.2020 Peter Dittmar

Ein letzter Brief vom letzten Menschen?

Gemälde und Skizzenbücher voll malerischer Strenge und existenzieller Fragen: Das Kunstmuseum Bonn zeigt Norbert Schwontkowski

Das Kunstmuseum in Bonn ist gewiss kein Malerei-Museum. Das unterstreicht nicht zuletzt alljährlich die „Videonale“. Und auch sonst sind hier stets Installationen und raumgreifende Inszenierungen zu finden. Doch gegenwärtig beherrschen Leinwand und Farbe alle Räume: In den Sälen der oberen Etage wird in „Jetzt“ die „Junge Malerei in Deutschland“ durchdekliniert. Und in den Räumen für Wechselausstellungen verspricht in fast 70 Gemälden und zahlreichen Skizzenbüchern „Norbert Schwontkowski“ einige seiner Geheimnisse preiszugeben. 

Mit malerischer Strenge

Von großen Auftritten hält der Maler allerdings nichts. Er gibt sich zurückhaltend, bescheiden, huldigt malerischer Strenge. In seinen künstlerischen Mitteln. Und bei seinen Motiven. Bei „Licht an“ ist es nur eine Glühbirne, die an einer längeren Leitung hängt und nichts beleuchtet – nicht einmal den Raum definiert. Ist sie sich selbst genug? Soll sie als Gleichnis für die vergebliche Hoffnung auf „Erleuchtung“ verstanden werden? Das Gemälde beantwortet die Frage nicht. Nicht anders ist es mit den „3 Türen“. Sie lehnen nebeneinander schräg an der Wand. Den dunklen Keil zwischen Tür- und Wandfläche nimmt man als Schatten wahr. Aber das täuscht. Denn dann müssten auch die Türgriffe einen Schatten werfen. Also sind die Keile Mauern, Verbauungen, wurden die Türen nicht beiseite gestellt und nur angelehnt. Verschließen sie also Zugänge, die in einen Keller führen? Oder in Abgründe?

Solche Zweifel wecken die Bilder immer wieder. Ihre Anschauung, ihre Titel begnügen sich scheinbar mit Gewissheiten, malerisch eigenwillig definiert. Anscheinend geschieht nichts, bewegt sich nichts, ist wenig zu sehen, meist nur ein karger Ausschnitt aus der Wirklichkeit. Meine Arbeiten – so hat er einmal angemerkt – „erzählen nichts, entziehen sich dem Dialog, der Konversation, dem Gequatsche“. Doch dessen ungeachtet drängt sich nach dem ersten Augenschein ein „Und?“ auf. Denn das, was sich anfangs eindimensional gibt, deutet beim genaueren Betrachten einen Doppelsinn und Mehrdeutigkeiten an. Das Fremde bleibt fremd und befremdlich. Masken und Köpfe, nur Weiß auf Grau gemalt, schwärmen nicht von „One World“, sondern beschwören Unbekanntes, Geheimnisvolles – eben das Andere von „The other Continent“. Und immer wieder klingen Anspielungen an. „Flaute“ – zwei Masten mit gerefften Segeln (ohne das Schiff zu zeigen) – erinnert an Joseph Conrads Schattenlinie. Beim „Novemberspiegel“, den kahlen Bäumen, die sich in Pfützen spiegeln, ist M. C. Eschers „Pfütze“ gegenwärtig. Bei den drei gebogenen Straßenlaternen erinnert der Titel – „Sich verneigende Figuren“ – an Paul Klees Radierung. Und wenn „Ahab“ von den Tauen mehrerer Harpunen an eine helle Wand gefesselt wird, zitiert Schwontkowski natürlich Melville, auch wenn der Maler das Ende des Kapitäns der „Pequod“ mit dem des Harpuniers Fedallah, des Parsen, vertauscht hat.

Wasser als wiederkehrendes Thema

Sonst aber fragt man sich: Wo sind die Menschen geblieben? „Der Schlaf“ zeigt keinen Schläfer, im „Winterstudio“ erscheint kein Künstler, vom „Besuch“ wissen lediglich eine Bank und ein Garderobenständer mit einem Hut und fünf Baskenmützen. „Im Saal“ einer Gemäldeausstellung sieht man nur einen Priester. Durch das weite „Hochwasser“ watet lediglich ein Mann mit Fahrrad. Und am „Frühen Morgen“ wartet ein junger Mann mit Bündel am Straßenrand auf eine Mitfahrgelegenheit – wie zwei Autoscheinwerfer im Dunst andeuten. Da wo sich viele Menschen bewegen – auf der Kino- und Unterhaltungsmeile („Unser kosmisches Leben“) oder auf der belebten Straße vor den kristallartigen Häusern („Alle wollen nach Hause“) –, erscheinen sie lediglich als winzige Strichfiguren. Zugleich sind diese beiden Bilder eine Ausnahme, weil sie nicht mit Farben sparen. Denn sonst bevorzugt Schwontkowski eine Art Grisaille-Malerei, die Beschränkung auf Abstufungen einer Farbe. Sehr oft sind das verschiedene Grau-Varianten. Aber bei dem „Ohne Titel“ von 1999 können es auch Gelbtöne sein, die durch die unterschiedlichen Richtungen der Pinselstriche den Eindruck einer Wasseroberfläche – einer Überschwemmung oder eines flachen Sees – erwecken. Denn Wasser (meist bedrohlich als Überflutung) und Feuer (gebändigt in einer Art Lagerfeuer) sind Themen, die immer wiederkehren.

Spiel mit der Sprache

Schwontkowski, 1949 in Bremen geboren, 2013 in Bremen gestorben und deshalb lange als ein regionaler Maler wahrgenommen, bekannte einmal in einem Vortrag, dass die „Sprache oder, einfacher noch: Worte oder, noch einfacher: Buchstaben“ ein inspirierendes Element seiner Kunst seien. Deshalb verwundert es nicht, wenn er bei seinen Titeln ironisch mit Wörtern jongliert. „Ornament“ nennt er die Zweige mit Rosendornen, die – elegant geschwungen – den Bildraum füllen. „Good Year“ ist kein Glückwunsch, sondern der Blick in eine Werkstatt voller Autoreifen. „Bosch (die Kälte des Weltalls)“ zeigt lediglich einen Mann, der nächtlich den Kühlschrank frequentiert. Und der „11. Versuch die Welt zu begreifen“ wird einem tristen Zeitgenossen vor monochromen Hintergrund (bei dem unklar bleibt, ob er den Boden oder eine Wand charakterisiert) zugesprochen. Als „Existenzialismus ohne Pathos“ hat ein Kritiker einmal das Werk von Schwontkowski – diese Anmutung des Tiefsinns im Banalen – charakterisiert. Dem entspricht in der Ausstellung, die auf sympathische Weise Augen und Kopf herausfordert, als Coda – wiederum Grau in Grau – das Gemälde mit einem Briefumschlag, der im Wasser versinkt, als „Letzter Brief vom letzten Menschen“.

Service

Ausstellung

„Norbert Schwontkowski – Some of My Secrets“

Kunstmuseum Bonn
bis 18. Februar, Katalog 38 €
www.kunstmuseum-bonn.de

Bremen Kunsthalle
21. März bis 2. August
www.kunsthalle-bremen.de 

Den Haag Kunstmuseum
ab Herbst
www.kunstmuseum.nl

Dieser Beitrag erschien in

KUNST UND AUKTIONEN Nr. 1/2020