27.01.2020 Alexandra Wach

Toxische Bürgerlichkeit

Im Museum Frieder Burda in Baden-Baden stellt Karin Kneffel noch bis 8. März die Wirkmacht der Malerei auf den Prüfstand

Räume, überall Räume, mit und ohne erkennbares Vorbild, realistisch und von der Wirklichkeit ins Diffuse abgewendet. Nicht nur an verschwommenen Oberflächen, auch an Wassertropfen herrscht in dieser dreißig Schaffensjahre umfassenden, angenehm luftig gehängten Retrospektive mit dem schlichten Titel „Still“ kein Mangel. Man findet sie vor allem auf beschlagenen Fensterscheiben, wo sie scheinbar als Filter zwischen dem Betrachter und der jeweiligen Raumillusion angebracht sind. Aber auch auf den monumentalen Stillleben von Äpfeln, Trauben und Pfirsichen gleich im Erdgeschoss, die, mit dünnen Pinselstrichen altmeisterlich gemalt, zugleich in beinahe poppig leuchtender Farbpracht erblühen, und doch auch umweht sind vom Hauch der Vergänglichkeit, die sich mit surrealer Toxizität kreuzt, als gelte es, gleich mehrere Stile in einem Gemälde zu versöhnen.

Karin Kneffel (* 1957), „ohne Titel“, Öl / Lwd., 2007, 190 x 150 cm Abbildung: © VG Bild-Kunst, Bonn 2019
Karin Kneffel (* 1957), „ohne Titel“, Öl / Lwd., 2007, 190 x 150 cm Abbildung: © VG Bild-Kunst, Bonn 2019

Natürlich spiegeln sich neben ironischen Smileys auch Reflexionen in den Tropfen, Andeutungen der in Vorzeichnungen und am Computer mitunter über Monate entworfenen Kompositionen, eines gepflegten Gartens oder der bedrohlichen Umrisse des in nächtliches Licht getauchten Nachbarhauses. Diese Szenerien können schon mal dazu verleiten, einen Ausschnitt aus einem Hitchcock-Film erkennen zu wollen.

Verschmelzung von Raum und Zeit

Was passiert hinter dem Glas dieses unheimlichen Aquariums, fragt man sich, warum sind die Tulpen so erschlafft, welche Wirklichkeit bricht dort gerade in sich zusammen, welche Hoffnungen, die niemals in Erfüllung gegangen sind? Die 62-jährige Karin Kneffel, geboren in Marl im Ruhrgebiet, liebt verspielte Irritationen und Zeitsprünge, gepaart mit bürgerlichen Interieurs, in denen Teppiche und Tierfelle ein Eigenleben führen, während Hunde gelassen auf dem glatt polierten Boden dösen. „Ich möchte, dass Räume und Zeiten, Gegenwart und Vergangenheit in meinen Bildern verschmelzen“, sagt sie in dem Katalog-Interview. „Was ist Realität, was Fiktion, wo fängt die Bildwirklichkeit an?“ Und wenn sie existiert, kann man sich auf das opulent Erzählte verlassen, das jeden Moment den Ton wechseln könnte?

Karin Kneffel, „ohne Titel“, Öl / Lwd., 1996, 200 x 200 cm, Abbildung: © VG Bild-Kunst, Bonn 201
Karin Kneffel, „ohne Titel“, Öl / Lwd., 1996, 200 x 200 cm, Abbildung: © VG Bild-Kunst, Bonn 201

Bekannt geworden mit menschelnden Tierporträts von Hähnen und Lämmern im quadratischen Kleinformat, zeugen in Baden-Baden im Museum Frieder Burda rund 140 Arbeiten von einem ausgeprägten Interesse an der Privatheit, die von der Wahl-Düsseldorferin schon mal auf Lobbys und Kinos ausgedehnt wird. Aber auch an dem Motiv der Flammen kommt man nicht vorbei. „Die Faszination für das Feuer“, so Kneffel, „war eine malerische Herausforderung, weil ich mir nicht vorstellen konnte, wie das gehen könnte, die Bewegung des Feuers quasi malerisch einzufrieren.“ Kalt und warm zu vereinen, das gelingt dieser „stillen“ Tiefenanalytikerin mühelos. Mal wähnt man sich auf dem Terrain einer die eigenen Regeln allzu streng befolgenden Konzeptkunst, dann mitten im Sinnestaumel eines von Rauschmitteln getäuschten Bewusstseins. 

Auseinandersetzung mit der Kunstgeschichte

Dass bei der Meisterschülerin von Gerhard Richter die Kunstgeschichte eine prominente Position zugewiesen bekommt, wundert da nicht weiter, etwa wenn sie Werke eines Kirchner oder Chagall, deren Provenienz lange nicht geklärt war, aufgreift, oder Kerzenmotive in den Mittelpunkt stellt, die unweigerlich auf ihren Lehrmeister verweisen. Nicht zu vergessen die Rückenansicht seiner Tochter „Betty“, der man gleich mehrfach begegnet. Velázquez’ „Las Meninas“ versetzt sie gar in einen veritablen Auflösungszustand. Ein Zentrum sucht man vergeblich, wenn sich die Figuren des berühmten Klassikers unter die Besucher des Prados mischen. Da ist Kneffel dann schon längst im Fach des Trompe-l’Œil angekommen, wäre da nicht wieder die dazwischen gelegte Glasscheibe, die alles in einen somnambulen Zustand taucht. 

Dem Kanon der Malerei zum Trotz

Zu diesen selbstbewussten Umdeutungsgesten passt die Lust am Widerspruch. Obst etwa hat sie nur gemalt, weil man ihr auf der Akademie in Düsseldorf gesagt hatte, es wäre nicht mehr zeitgemäß, zu dekorativ, zu verbraucht. Denkverbote sind für die Malerin dazu da, um umgangen zu werden. Deswegen die riesigen Formate, die an die Pop Art erinnern. Ob Bilder in Bildern, Ausflüge in den Frankfurter Städel, Wilhelm Lehmbrucks Frauenskulpturen, Ludwig Mies van der Rohes Krefelder Auftragsvillen, die eigenen Studenten, die sie an Richter-Bildern schult – Kneffel multipliziert die Perspektiven und reflektiert mit entwaffnender Unbekümmertheit über das eigene Metier. Der Rekonstruktion folgt sogleich die Dekonstruktion, nicht selten in mehreren Ölschichten, die jeweiligen Motive übereinandergelegt. Die Moderne ist bei ihr ohnehin zum Distinktionsmobiliar einer privilegierten Schicht verkommen. 

Karin Kneffel, ohne Titel, 2016, 180 x 220 cm, Privatbesitz, © VG Bild-Kunst, Bonn 2019
Karin Kneffel, ohne Titel, 2016, 180 x 220 cm, Privatbesitz, © VG Bild-Kunst, Bonn 2019

Spuren alternativer Lebensentwürfe findet man in diesen mit Trophäen gespickten Habitats jedenfalls nicht. Vielleicht tauchen deswegen immer wieder Putztruppen auf, die den Staub vergangener Zeiten beseitigen, einen besseren Durchblick auf Gewesenes überhaupt erst möglich machen. Den Abschied von der heroischen Epoche der männlichen Genies markiert Kneffel mit roter Farbe, hervorhebenden, abhakenden oder durchkreuzenden Zeichen, die etwas aus dem Kanon durchstreichen. Und sie schreibt sich damit selbst in den imaginären Club ein, der Frauen den Zutritt lange genug verwehrte.

Service

Ausstellung

„Karin Kneffel – Still“

Museum Frieder Burda, Baden-Baden
bis 8. März, Katalog 35 €
www.museum-frieder-burda.de

Dieser Beitrag erschien in

KUNST UND AUKTIONEN Nr. 1/2020