15.01.2020 Angelika Storm-Rusche

Kopf in den Wolken

Das LWL-Museum für Kunst und Kultur in Münster würdigt William Turner, den bedeutendsten Landschaftsmaler der Romantik – und schon mehr als 100.000 Besucher haben die Ausstellung besucht. Wer nicht dazu gehört, hat noch bis 26. Januar die Gelegenheit!

William Turner (1775 – 1851) soll eine Menge von Marc Rothko (1903 – 1970) gelernt haben, wie Rothko einmal ziemlich selbstbewusst scherzte. Verständlich, wenn man Rothkos diffuse Farbfelder mit Turners atmosphärisch aufgelösten Landschaften vergleicht. Durch sie wurde er zum berühmtesten Landschaftsmaler Englands. Als aber dieser Joseph Mallord William Turner 1789 in die Londoner Royal Academy School of Arts eintrat, beherrschte nach dem Willen des Gründungsdirektors Joshua Reynolds noch die Historien- und Porträtmalerei den Unterricht. Der erst 14-jährige Schüler, längst im Kopieren und Zeichnen geübt, hatte hingegen schon die Architektur, mehr noch die Landschaft im Sinn.

Von Anfang an wusste er, dass sein Weg nicht in die rein nachahmende Kunst führen würde. Er strebte nach einer Landschaftsmalerei, die über die Sinne gleichsam unter die Haut gehen, die beim Betrachter „Horror and Delight“, Entsetzen und Entzücken, auslösen würde. Mit diesem packenden Gegensatzpaar lockt das LWL-Museum für Kunst und Kultur Münster sein Publikum in die wunderbare, gemeinsam mit der Tate Britain konzipierte Turner-Ausstellung. Hier dominieren heimische Meeresbilder und die auf den Reisen durch die Schweiz und Italien inspirierten Gemälde und Aquarelle. Übrigens hatte Turner die Anerkennung von autonomen „Ausstellungsaquarellen“ durchgesetzt, die fortan in Konkurrenz zur Ölmalerei in der Academy gezeigt werden konnten. Beiden Werkgruppen dienen in Münster themenverwandte Bilder anderer Maler zum Vergleich.

Auseinandersetzung mit Schauer und Schönheit 

Dabei ist der Einfluss des um zehn Jahre älteren Philippe-Jacques de Loutherbourg, weil er dem jungen Turner die Öltechnik beigebracht hatte, nicht zu unterschätzen. Auch sein Gemälde „Der Schiffbruch“ von 1793 zeigt die Naturgewalten, die Angst und Schrecken hervorrufen. Solche Motive entdeckte Turner noch vor seinen Kontinental-Reisen an der englischen Küste, nachweislich in seinem ersten Ölgemälde „Fischer auf See“ mit einem winzigen dem tosenden Meer ausgelieferten Boot. Der Vollmond unter tiefgrauen Wolkenfetzen sorgt für romantischen Schauer. Mit dem heimischen Motiv „Morgen in Cornisten Fells, Cumberland“ scheint er den Furcht erregenden „Blick auf die Schöllenen Schlucht am St. Gotthard Pass“ ahnungsvoll vorwegzunehmen. Die beiden Hochformate suggerieren unendliche Abgründe, wie sie der Schweizer Caspar Wolf, Pionier der Hochgebirgsmalerei, bereits 1774 / 77 – etwa mit der „Brücke und Dalaschlucht in Leuk“ – dargestellt hatte. Auch ihm war die Diskussion über „horror and delight“ aus Edmund Burkes Philosophical Enquiry into the Origin of Our Ideas of the Sublime and Beautiful bekannt, letztlich über das „Erhabene und Schöne“, das Turner zum Leitbild geriet. Beides fand er in der Schweizer Bergwelt. 

Turners Motive sind aufgelöst in Atmosphäre

Der „Niedergang einer Lawine in Graubünden“, die donnernde, selbst Felsen zertrümmernde Lawine, lässt sich als ein Bild entfesselter Natur und daher erhabenen Entsetzens (horror) lesen. Dagegen trifft der „Sonnenuntergang über einem (Schweizer) See“ in seiner verklärten Atmosphäre den Begriff erhabenen Entzückens (delight), um der Terminologie Edmund Burkes zu folgen. Dieses Gemälde repräsentiert den Maler Turner, der keine Konturen mehr kannte, der nur noch Luft und Licht malte. Die Sonne versinkt in ihrer eigenen Glut. Turners Bekenntnis „Atmosphere is my Style“ findet hier unvergleichlichen Ausdruck. Selbst die „Burg Theis“ lässt sich nur noch erahnen. Über dem Nebel, den Wolken entgegen schwebend hat sie alle Erdenschwere verloren. Auch von Venedig kennt man dieses die Architektur einhüllende Licht. In der Lagunenstadt aber knüpfte William Turner an die Malerei identifizierbarer Veduten an, während in Rom, wo er den „Konstantinsbogen“ malte, seine Erinnerung an Claude Lorrain lebendig wurde. Hier und im Gemälde „Tivoli: Tobias und der Engel“ herrscht das goldene Licht des verehrten Alten Meisters. Auch mit dem Mythos vom „Tod des Aktäon – Blick auf Montjovet im Aostetal“ dient eine Historie zum Vorwand; die archaische Landschaft aber ist das eigentliche Thema.

Moderne Meeresbilder

Mit seinen rauen Seestücken stand William Turner nicht ganz allein da. Auch John Constable wusste die Elemente auf Leinwand zu bannen. Sein „Regensturm über dem Meer“ ist so, wie der Sturm den Regen gnadenlos über das Meer peitscht, vergleichbar „horrible“ und bedrohlich. Turner jedoch taucht tief in das Meer ein; die Wogen im Gemälde „Schneesturm – Dampfschiff in der Hafeneinfahrt“ schlagen hoch über dem Schiff  und irgendwie auch über dem Betrachter zusammen. Die späten Meeresbilder sind es dann insbesondere, mit denen Turner seine Malerkollegen schließlich weit hinter sich ließ: Auf den „Drei Seeansichten“ – und nicht nur auf ihnen – stehen tatsächlich die Farbfelder von Marc Rothko vor Augen.

Kann es überhaupt eine bildliche Vorstellung von der alles verschlingenden Sintflut geben? Joseph Mallord William Turner hat sie geliefert: „Schatten und Dunkelheit – der Abend der Sintflut“, in dem Chaos (horror) regiert. Und dann die Erlösung: „Licht und Farbe (Goethes Theorie) – der Morgen nach der Sintflut – Moses schreibt die Genesis“, wo lichte Zuversicht (delight) herrscht. Für solche von Farbschlieren beherrschten Spiralen brachten die Zeitgenossen kein Verständnis auf. Diese Gemälde waren zu modern, einfach zu kühn. Vielleicht ist es Turner auch darum nicht gelungen, noch zu seinen Lebzeiten eine Professur für die Landschaftsmalerei an der Academy zu etablieren.

Service

Ausstellung

„Turner. Horror and Delight“

LWL Museum für Kunst und Kultur, Münster
bis 26. Januar 2020

Dieser Beitrag erschien in

KUNST UND AUKTIONEN Nr. 20/2019