29.12.2019 Christiane Meixner

Farbverwandte

Die Schau „Inspiration Matisse“ in der Mannheimer Kunsthalle zeichnet nach, wie der Meister der Einfachheit eine ganze Epoche beeinflusste

Eine Eröffnung ohne ihn kam nicht infrage, dafür war die Ausstellung zu wichtig. Außerdem wollte Henri Matisse den Kunsthändler überzeugen, mehr Werke zu zeigen als ursprünglich geplant. Also machte er sich im Dezember 1908 persönlich auf den Weg von Paris nach Berlin, um dort 30 Gemälde, 30 Grafiken und Zeichnungen sowie zehn Bronzen in den Räumen von Paul Cassirer zu platzieren. Begleitet wurde er vom weit jüngeren Hans Purrmann, ­einem progressiven Künstler der Berliner ­Secession, der nach Paris gezogen war und Matisse seit diesem Jahr beim Aufbau einer privaten Kunstakademie half. Hier nahmen Maler wie Marg und Oskar Moll, Rudolf Levy oder auch Purrmann während der kurzen drei Jahre, in denen sich Matisse als Lehrer betätigte, die Impulse des Avantgardekünstlers begierig auf.

Malen wie Matisse

Sein Einfluss reichte aber weiter. Matisse, der sich selbst intensiv mit Vorbildern wie van Gogh und Cézanne auseinandersetzte, entwickelte anschließend einen eigenen Stil, der auf Verflächigung, die stete Reduktion und gleichzeitige emotionale Interpretation seiner Motive setzte. Damit beeinflusste er schon zu Lebzeiten zahllose Künstler. Wer dazu gehörte, zeigt die Ausstellung „Inspiration Matisse“ der Kunsthalle Mannheim und bietet mit über 130 Werken von Expressionisten wie Max Pechstein und Ernst Ludwig Kirchner, von August Macke, Gabriele Münter oder Alexej von Jawlensky reichlich Material, um diese These zu veranschaulichen.

Henri Manguin, „Les Gravures“, 1905, Abbildung: Henri Manguin, Carmen Thyssen-Bornemisza Collection on loan at the Museo Nacional Thyssen-Bornemisza, Madrid/VG Bild-Kunst, Bonn 2019
Henri Manguin, „Les Gravures“, 1905, Abbildung: Henri Manguin, Carmen Thyssen-Bornemisza Collection on loan at the Museo Nacional Thyssen-Bornemisza, Madrid/VG Bild-Kunst, Bonn 2019

Maßgeblich für den Durchbruch des französischen Künstlers sei Deutschland gewesen, wo das Werk von Matisse früh von ähnlich herausragenden Kollegen wie Kirchner oder Macke rezipiert wurde, stellen die Kuratoren der Mannheimer Schau, Ulrike Lorenz und ­Peter Kropmanns, fest. Gleichzeitig verorten sie Matisse innerhalb der Schau im Kontext der ­europäischen Moderne. Der Künstler beeindruckte und ließ sich beeindrucken. Das zeigt sich unter anderem im Verhältnis zu seinen französischen Künstlerfreunden Georges Braque, André Derain, Raoul Dufy, Othon Friesz, Henri Manguin, Albert Marquet, Kees van Dongen und Maurice de Vlaminck, die in Mannheim mit hochkarätigen Leihgaben vertreten sind.

Hochkarätige Leihgaben

In Zentrum der Schau aber glänzt das Werk von ­Henri Matisse, der im Dezember vor 150 Jahren im nordfranzösischen Le Cateau-Cambrésis geboren wurde. Sein Schaffen würdigt die Jubiläumsschau mit knapp 70 Gemälden, Bronzen und Holzschnitten; darunter Leihgaben aus aller Welt wie „Die Drei-Uhr-Sitzung“, eine luftige Atelierszene von 1924, die aus dem Metropolitan Museum of Art in New York nach Mannheim reiste. Oder die liegende „Odaliske mit grauer Hose“ (um 1926/27) aus der Sammlung von Jean Walter und Paul Guillaume, deren Heimat sonst das Musée de l’Orangerie in Paris ist.

Henri Matisse, „Place des Lices, Saint-Tropez“, 1904, Abb. Henri Matisse, Statens Museum for Kunst, Kopenhagen / © Succession H. Matisse / VG Bild-Kunst, Bonn 2019
Henri Matisse, „Place des Lices, Saint-Tropez“, 1904, Abb. Henri Matisse, Statens Museum for Kunst, Kopenhagen / © Succession H. Matisse / VG Bild-Kunst, Bonn 2019

Solchen Highlights steht eine Vielzahl von Bronzen ­gegenüber, die anschaulich machen, wie Matisse­ die plastischen Körper seiner Skulpturen immer weiter vereinfachte und sein Raumempfinden schulte. Sie münden in vier großen, reliefhaften Rückenakten, die bis 1930 sukzessive entstanden. Aus jenem Jahr besitzt die Kunsthalle Mannheim einen Bronzeguss der letzten großen Plastik, an deren Abstraktion der Künstler ebenfalls fortwährend arbeitete. So habe er zur „Klarheit der Form“ gefunden, resümiert der französische Kunsthistoriker Colin Lemoine im Katalog zur Ausstellung. Und dass erst die ­Arbeit als Bildhauer dem Künstler jene „souveräne Haltung“ ermöglicht habe, mit der er malend „eine Formensprache meisterhaft neu“ erfand.

Matisse und der Fauvismus

Anfangs sympathisierte Matisse noch mit dem Pointillismus, gab das Tupfende ebenso wie das Ornamentale jedoch wieder auf, als er den Sommer 1905 mit Familie im Fischerdorf Collioure verbrachte und dort André Derain traf. Das Licht, die roten Felsen und bunt gestrichenen Boote inspirierten ­beide zu Motiven, in denen die Farbe zunehmend ein Eigenleben führte. Im folgenden Herbst präsentierte Matisse sein Werk „Der rote Strand“ dann im Pariser Salon d’Automne neben Gemälden von Derain, ­Maurice de Vlaminck und Henri Manguin. Ihre Schöpfer seien „Fauves“, Wilde, schimpfte der Kunstkritiker Louis Vauxcelles. Sie würden sich derart auf die Malerei konzentrieren, dass ­ihnen der Gegenstand der ­Bilder abhandengekommen sei. Nun hatte die Bewegung einen Namen, doch Matisse wollte bald auch kein Fauvist mehr sein. Sich auf die Wucht der Farben zu verlassen schien ihm nicht die Lösung seiner künstlerischen Probleme. Er arbeitete weiter an der Formsprache.

Die Expressionisten reagierten widersprüchlich

1909 fand jene große Ausstellung bei Paul Cassirer statt, die Matisse weit über Berlin hinaus bekannt machte. Daran entzündete sich auch gleich ein Streit über seine Malerei. „Unverschämt“ fand Max Beckmann die Werke, „wüst“ nannten sie Kirchner und Max Pechstein abwertend auf einer Karte an Erich Heckel. „Inspiration Matisse“ schaut sich diese Reaktionen der deutschen Avantgarde, von Brücke und Neuer Künstlervereinigung in München allerdings genauer an. Gerade im unmittelbaren Vergleich der Bilder erweist sich die prägende Rolle des Franzosen, die besonders Kirchner später weit von sich wies. Mehrfach distanzierte er sich von Matisse – wohl auch um zu kaschieren, wie stark die Wirkung jener Schau auf ihn war. Längst ist bekannt, dass die Brücke-Künstler den Franzosen damals sogar baten, Mitglied ihrer Gruppe zu werden. Aber er lehnte ab.

August Macke, „Frau des Künstlers mit Hut“, Abbildung: August Macke, LWL-Museum für Kunst und Kultur, Münster
August Macke, „Frau des Künstlers mit Hut“, Abbildung: August Macke, LWL-Museum für Kunst und Kultur, Münster

„Die Reaktionen der Expressionisten auf die Kunst von Matisse waren in den Jahren 1908–1912 vielfältig und unterschiedlich, je nach persönlichem wie künstlerischem Temperament und Selbstbewusstsein“, schreibt der britische Kunstwissenschaftler Christian Weikop. Dennoch profitierten sie alle von der Begegnung, die Matisses Einfluss zum „festen Bestandteil der Geschichte des Expressionismus“ machte. Wer das bezweifelt, der braucht bei „Inspiration Matisse“ bloß genauer hinzusehen.

Service

Ausstellung

„Inspiration Matisse“

Kunsthalle Mannheim
bis 19. Januar

Dieser Beitrag erschien in

WELTKUNST Nr. 165/2019