22.11.2019 Matthias Ehlert

Späte Rückkehr nach Halle

Das Kunstmuseum Moritzburg in Halle rekonstruiert seine verlorene Sammlung und erinnert daran, welch lebendiges Zentrum der Moderne die Stadt einst war

Es hätte etwas Großartiges werden können. Das modernste Kunstmuseum Europas mit lichtdurchfluteten weißen Räumen hoch über der Saale auf dem Lehmannsfelsen. Weit vorausblickende Architektur, gepaart mit dem Besten aus zeitgenössischer Kunst, mit Beckmann, Klee, Nolde, Kokoschka, ­Feininger, Kandinsky. Eine „Akropolis für Halle“, mit der sich die mitteldeutsche Großstadt an die Spitze der Avantgarde gesetzt hätte. Steht man vor dem Entwurf von Walter Gropius, den der Bauhaus-Direktor 1927 für die neue „Stadtkrone“ von Halle einreichte, kommt man ins Träumen, und das nicht nur als Hallenser. Doch Weltwirtschaftskrise und Machtergreifung der Nationalsozialisten ließen die Träume schon früh zerplatzen.

Ernst Ludwig Kirchner, „Damen im Café“, 1914/1915, Leihgabe des Brücke-Museums in Berlin, Foto: Nick Ash, Brücke Museum Berlin
Ernst Ludwig Kirchner, „Damen im Café“, 1914/1915, Leihgabe des Brücke-Museums in Berlin, Foto: Nick Ash, Brücke Museum Berlin

Die Gropius-Pläne sind Teil einer fulminanten Ausstellung im Kunstmuseum Moritzburg, die unter dem Titel „Bauhaus Meister Moderne. Das Comeback“ daran erinnern will, welch lebendiges Zentrum der Moderne die Stadt einst war. Der Hauptfokus liegt dabei auf der Rekonstruktion der Sammlung, die unter den beiden Direktoren Max Sauerlandt und Alois J. Schardt aufgebaut und mit den „Entartete Kunst“-Beschlagnahmungen der Nazis zerstört wurde.

Max Sauerlandts Einsatz für die Moderne in Halle

Max Sauerlandt kam 1908 mit 28 Jahren nach Halle, nachdem er zuvor dem Hamburger Museumsdirektor Justus Brinckmann assistiert hatte. Was Sauerlandt an Kunst in Halle vorfand, empfand er als beschämend. Mit viel Spürsinn für Gegenwartskunst und einer gehörigen Portion Schlitzohrigkeit machte er sich daran, dies zu ändern. Er überredete einen örtlichen Bauunternehmer, sich von Max Liebermann porträtieren zu lassen und das Resultat dem Museum zu spenden. Den Kunsthändler Paul Cassirer bedrängte er so lange, bis der ihm ein psychologisch tief blickendes Doppelporträt von Max Beckmann und seiner Frau Minna zu einem Bruchteil des verlangten Preises verkaufte. Und 1913 erwarb er, gegen den Protest seiner städtischen Geldgeber, das scheinbar respektlose, in kräftigen Farben auf die Leinwand geworfene „Abendmahl“ von Emil Nolde, wofür er sich einen Rüffel des Museumspapstes Wilhelm von Bode einhandelte. Innerhalb weniger Jahre bekam Halle so ein Haus mit deutschen Impressionisten und Expressionisten. Beckmann hatte hier die erste Museumspräsentation überhaupt.

Emil Nolde. „Das letzte Abendmahl“, 1909, Statens Museum for Kunst, Kopenhagen, Foto: SMK Photo, Jakob Skou-Hansen © Nolde Stiftung Seebüll
Emil Nolde. „Das letzte Abendmahl“, 1909, Statens Museum for Kunst, Kopenhagen, Foto: SMK Photo, Jakob Skou-Hansen © Nolde Stiftung Seebüll

Unter Alois J. Schardt wuchs die Sammlung weiter

Nach dem Ersten Weltkrieg setzte sich diese Entwicklung bruchlos fort. Obwohl Sauerlandt wieder nach Hamburg gewechselt war, vermittelte er Halle Ende 1924 den Ankauf einer wegweisenden Privatkollektion. Mit der Sammlung von Rosy und Ludwig Fischer erreichte der Bestand an moderner Kunst neue Dimensionen, auf einen Schlag verfügte man jetzt über die umfangreichste Kirchner-Sammlung in einem Museum, ergänzt um Werke von Heckel, Rohlfs, Nolde, Marc und Kokoschka. Unter Alois J. Schardt, der das Museum von 1926 bis 1935 leitete, hielt man weiter Schritt mit den neuesten Entwicklungen. Erworben wurden nun etwa El Lissitzkys konstruktivistische Entwürfe, vor allem aber Arbeiten der Bauhaus-Meister Kandinsky, Klee, Feininger und Schlemmer, die im benachbarten Dessau wirkten. Lyonel Feininger wurde von Schardt 1929 dazu überredet ein Halle-Bild zu malen, statt einem wurden es am Ende elf Werke. Die Genese dieses einzigartigen Bilderzyklus von Dom, Türmen und Straßenschluchten, die in ihrem Spiel mit Architektur und hartem Licht an Fritz Langs Filme denken lassen, kann man in der Ausstellung eindrucksvoll nachvollziehen. Gezeigt werden nicht nur Feiningers Skizzen, sondern auch die Fotos, die er dafür auf seinen Streifzügen durch Halle anfertigte.

Rückkehr auf Zeit

Ein dritter Direktor muss schließlich noch erwähnt werden: Thomas Bauer-Friedrich, dem mit seinem Team diese eindrucksvolle Bilderheimkehr geglückt ist, die von ­einer Präsentation zur Gropius-Stadtkrone und einer Sonderschau mit fünf Bauhaus-Meistern flankiert wird. In Japan, in Florida, in wenig bekannten Privatsammlungen hat man die verstreuten Bilder aufgespürt und auf Zeit zurückgeholt. Manches davon, etwa Noldes „Mulattin“ oder Schlemmers „Geländer-Szene I“, war lange nicht mehr zu sehen. Schon dafür lohnt sich der Besuch auf der Moritzburg.

Service

Ausstellung

„Bauhaus Meister Moderne. Das Comeback“

Kunstmuseum Moritzburg Halle (Saale)
bis 12. Januar

Dieser Beitrag erschien in

WELTKUNST Nr. 164/2019