25.11.2019 Peter Dittmar

Prophetische Träume: Miniaturen der Jaina

Die Miniaturmalerei der Jaina aus Indien erzählt im Kölner Rautenstrauch-Joest-Museum von Himmel und Hölle

Höllenqualen, die die sündigen Seelen erleiden müssen, scheinen weltumspannend die Kehrseite der himmlischen Gnaden zu sein, die den Religionstreuen zuteilwerden sollen. Das ist im Jainismus – neben Buddhismus und Hinduismus die dritten Religion in Indien – nicht anders als in christlichen Gefilden. Davon erzählt eine Handschrift in der Ausstellung „Heilige & Asketen – Miniaturmalerei der Jaina aus Indien“ im Rautenstrauch-Joest-Museum in Köln. Zwei Gehilfen der Unterwelt beginnen da gerade, einen Mann zu zersägen, während von einem anderen nur noch die Beine zu sehen sind, die aus einem Topf unter Feuer ragen.

Folio aus einer Handschrift des Sangrahanisutra, Lokapurusha – das Abbild der Welt Gujarat, 18. Jh., Schenkung Eva und Konrad Seitz, Abb.: © RJM, Foto: Patrick Schwarz, rba 2019
Folio aus einer Handschrift des Sangrahanisutra, Lokapurusha – das Abbild der Welt Gujarat, 18. Jh., Schenkung Eva und Konrad Seitz, Abb.: © RJM, Foto: Patrick Schwarz, rba 2019

Das geschieht in einer der sieben Höllen im Unterleib von Lokapurusha, dem kosmischen Menschen als Abbild der Welt – stets als Frau dargestellt. Die Körpermitte, eine Scheibe, ist der Ort der Lebenden: der Menschen, Tiere und Pflanzen. Und darüber – unter dem Kopf – befinden sich die verschiedenen Himmel als Wohnorte der Götter. Diese Götter werden jedoch nicht angebetet. Denn – da bestehen Parallelen zum Buddhismus – die Existenz wird als ein ewiger Kreislauf der Wiedergeburten aufgefasst. Und das Ideal ist, diesen Zyklus aufzubrechen, um des Nirwanas teilhaftig zu werden.

Leitgedanken und -figuren des Jainismus

Das verlangt von einem Jaina ein strenges asketisches Leben nach fünf Grundregeln. 1. Ahimsa: Gewaltlosigkeit, was das Töten von Menschen und Tieren – und damit jeglichen Kriegsdienst – aus-, eine vegane Ernährung einschließt. 2. Satya: Die Verpflichtung, keine Unwahrheiten – selbst keine Schmeicheleien – von sich zu geben. 3. Asteya: Nichts Unredliches tun – wozu Diebstahl genauso wie üble Nachrede gehören. 4. Brahmacharya: Keuschheit und eheliche Treue. Und schließlich 5. Aparigraha: Der Verzicht auf jeglichen unnötigen Besitz. Die Leitgestalten auf diesem Weg der Vollendung sind die Tirthankaras, deren Geschichte die Miniaturmalerei aufgreift. Vor allem geht es dabei um die Kalpa Sutra, die das Leben von Parshvanath, dem 23., und Mahavira, dem 24. und letzten Tirthankara, mit Regeln und Beschreibungen der religiösen Bräuche verbindet. Mahavira, der als Erneuerer des Jainismus gilt, lebte 599 bis 527 oder 539 bis 467 v. d. Z. – also vor oder in der Zeit Buddhas. Die Kalpa Sutra, im 4. Jahrhundert niedergeschrieben, ist älter als das Mahabarata und das Ramayana, also die Götter / Helden-Epen des Hinduismus.

Entdeckung durch das Lupenglas

Die Beispiele im Rautenstrauch-Joest-Museum – hauptsächlich Teil der 151 Blätter umfassenden Schenkung von Eva und Konrad Seitz – stammen aus der Zeit zwischen 1375 und 1620. Ihre Querformate von rund 25 mal 10 Zentimetern erinnern daran, dass ursprünglich Palmblätter als Schreibstoff dienten. Die Bilder, oft in zwei Register aufgeteilt, nehmen etwa ein Drittel der Fläche ein, die Texte zwei Drittel. Charakteristisch ist, dass die Körper meist frontal gemalt sind, die Köpfe jedoch im Profil – wobei das eigentlich nicht sichtbare Auge wie eine Blase vor der Gesichtslinie erscheint. Dabei verbinden sich realistische Details mit Sinnbildern, Stilisierungen und Ornamenten zu einer detailfreudigen Feinmalerei (deshalb hat das Museum für die Besucher ein Bündel Lupen bereitgelegt).

Geschichten vom rechten Leben

Die Bilder sind keine unabhängigen Kunstwerke. Die Erzählungen vom Leben und Wirken der Tirthankara wollen als Paradigma des rechten Lebens verstanden werden. Dass Neminatha, der 22. Tirthankara, auf dem Weg zu seiner Hochzeit die in einem Gehege lauthals klagenden Tiere, die für das Fest geschlachtet werden sollen, freilässt, seinen Besitz verschenkt und fortan das Leben eines Asketen führt, ist ein solches Beispiel. Andererseits deuten die Szenen mit Devananda und Trishala an, wie tief das Kastenwesen verwurzelt war. Als die Brahmanin Devananda durch 14 prophetische Träume – die in den Miniaturen mit Bildgleichnissen verdeutlicht werden – erfährt, dass sie mit Mahavira schwanger ist, greift Indra ein. Auf seine Weisung wird eines Nachts Devenandas Fötus mit dem Fötus von Trishala, der Frau von König Siddharta (nicht mit Hermann Hesses „Siddhartha“ verwandt) ausgetauscht, weil der Weltenerneuerer aus königlichen Geblüt sein muss. 

Service

Ausstellung

„Heilige & Asketen – Miniaturmalerei der Jaina aus Indien“

Rautenstrauch-Joest-Museum, Köln
bis 16. Februar
www.museenkoeln.de/rjm

Dieser Beitrag erschien in

KUNST UND AUKTIONEN Nr. 18/2019