18.09.2019 Tim Ackermann

Hurra, die Schule brennt!

Eine Ausstellung in der Kestner Gesellschaft in Hannover zeigt, wie das California Institute of the Arts in den Seventies zur anarchischen Talentschmiede Amerikas wurde

Diese Kunsthochschule konnte sich nur ein Märchenerzähler ausdenken. Entwurfsskizzen von modernen Flachbauten, verteilt auf einem grünen Campus in den Hollywood Hills mit Blick auf die Horizontlinie des Pazifik, bekamen 1964 die Besucher bei der Weltpremiere von „Mary Poppins“ präsentiert – denn Walt Disney hatte seinem künftigen Kinohit einen viertelstündigen Werbefilm in eigener Sache vorangestellt: „The CalArts Story“. Disney war 1961 an der Gründung des California Institute of the Arts maßgeblich beteiligt gewesen und imaginierte nun den geplanten Campus „seiner“ Kreativschmiede als Ort moralischer Vervollkommnung: Die hübschen, wohlfrisierten Studenten in seinem Film malen, töpfern, schneidern oder zeichnen Elefanten im Zoo. „Ein gut ausgebildeter Künstler ist ein ausgesprochen nützliches Mitglied der Gesellschaft“, verspricht die Erzählerstimme. Und natürlich kam dann alles ganz anders.

Lernen und lehren am California Institute of the Arts

Als das California Institute of the Arts (CalArts) im Herbst 1971 nicht in Hollywood, sondern in einem wesentlich unglamouröseren Vorort von Los Angeles namens Valencia direkt neben einem viel befahrenen Freeway eröffnete, war Walt Disney nicht mehr am Leben – und zwischen seinen eher konservativ eingestellten Erben und dem angeheuerten Lehrpersonal knirschte es von Beginn an gewaltig. An die Kunstfakultät waren neben Allan Kaprow, dem Erfinder des Happenings, auch die feministische Künstlerin Judy Chicago sowie der Maler John Baldessari aus San Diego berufen worden. Letzterer hatte ein Jahr zuvor in seinem „Cremation Project“ alle seine Bilder verbrannt. 

John Baldessari, Teaching a Plant the Alphabet, 1972, Video, 18:40 min, s/w, Ton, Foto: Courtesy John Baldessari
John Baldessari, Teaching a Plant the Alphabet, 1972, Video, 18:40 min, s/w, Ton, Foto: Courtesy John Baldessari

Wie sehr dieses ungewöhnliche Team und die freigeistigen Leitlinien am CalArts – keine Noten, kein festes Curriculum und kein Statusunterschied zwischen Lehrer und Studenten – den Nerv der Zeit trafen und wie wichtig diese Hochschule für die weitere Kunstentwicklung nicht nur in Amerika war, das zeigt jetzt eine von Christina Végh und Philipp Kaiser hervorragend kuratierte Ausstellung in der Kestner Gesellschaft Hannover.

Kunst und Aktionismus

Umfangreiches Film- und Archivmaterial sowie eigens geführte Zeitzeugeninterviews machen neben den Kunstwerken den Pioniergeist der frühen CalArts-Jahre begreifbar. Im Anfangskapitel „Fluxus“ wird beispielsweise mit dem Dokumentationsfilm der Allan-Kaprow-Aktion „Scales“ von 1971 – Studenten legen auf eine existierende Treppe eine zweite Treppe aus Zementblöcken, laufen diese hinauf und bauen sie gleichzeitig wieder ab – schon deutlich, dass es mit dem Anspruch an die Nützlichkeit der Kunst für die Gesellschaft nicht so weit her war. 

CalArts, Grasstains Enviro Dance, 1981, Foto: California Institute of the Arts Archives, Photographic Materials Collection
CalArts, Grasstains Enviro Dance, 1981, Foto: California Institute of the Arts Archives, Photographic Materials Collection

Wohl aber kann es Sinn und Zweck von Kunstwerken sein, an den bestehenden Verhältnissen zu rütteln, wie dann das zweite Kapitel der Ausstellung wunderbar deutlich macht: Das Feminist Art Program (FAP), 1971 am CalArts von Judy Chicago und Miriam Schapiro geleitet, hatte als enge Gemeinschaft von rund 30 Künstlerinnen zunächst die größte Außenwirkung. In Chicagos Aktionsreihe „Atmospheres“ machten sie sich verschiedene Orte in Los Angeles mithilfe von Feuerwerk und Rauchbomben symbolisch zu eigen. Höhepunkt des FAP, an dem explizit keine Männer teilnehmen durften, war dann im Februar 1972 ein Gemeinschaftsprojekt: der Umbau eines Abrisshauses zum „Woman House“. Innerhalb eines Monats sahen 10 000 Besucher das riesige ­Environment, das Judy Chicago im Interviewfilm als „erste weiblich-fokussierte Installation, die den Mainstream erreichte“, beschreibt. In Hannover erinnern bedruckte Stoffbahnen mit Bildern und Texten an diesen Meilenstein der feministischen Kunst.

Raus aus dem Studio

Nicht weniger bedeutsam war im Bereich der konzeptuellen Arbeitsansätze die Post Studio Art Class, die John Baldessari am CalArts als legendären Leuchtturm pädagogischer Lockerheit einrichtete. „John stellte keine Aufgaben und gab keine Noten. Er hat auch fast nie etwas gesagt. Ich weiß nicht, wie überhaupt irgendjemand etwas bei ihm gelernt hat“, erzählt der Maler David Salle im Film des dritten Kapitels. Dennoch erwies sich das Konzept, feste Ateliers und Unterrichtszeiten durch improvisierte Ausflüge zu ersetzen, bei denen man beispielsweise Autoreifen Abhänge hinunterrollte, als horizonterweiternd. Dieses prozesshafte Arbeiten stimulierte den Malereistudenten Eric Fischl zu Werken wie „Young Revolutionaries“ (1979), bei denen er einzeln gemalte Blätter wie Module in scheinbar zufälligen Kompositionen arrangierte.

Eric Fischl, Young Revolutionaries, 1979, Öl auf Pergamyn, Foto: Courtesy der Künstler
Eric Fischl, Young Revolutionaries, 1979, Öl auf Pergamyn, Foto: Courtesy der Künstler

In der Post Studio Art Class landeten später auch einige Studenten, die ein ungezwungenes Verhältnis zur Bildwelt der Medien an den Tag legten und daher im letzten (und lustigsten) Kapitel unter dem Etikett „Pictures Generation“ präsentiert werden. Mitchell Syrop plünderte 1976 das Vokabular der Werbeindustrie, als er in die Aufnahme einer alten Scheune mit einem verwitterten Coca-Cola-Schild am Giebel den irritierenden Slogan hineinmontierte: „Vor langer Zeit … haben wir dich gekauft!“ Noch spöttischer und schöner ist nur die selbstreflexive Zeichnung „Matriculation“, die der frisch zugelassene Student Mike Kelley 1977 schuf. Im Vordergrund zeigt sie drei fröhliche Figuren – Bambi, Santa Claus und eine Prinzessin. Dahinter wartet das Märchenschloss aus Disneyland. Mit einem Schriftzug über dem Eingang: „CalArts“.

Service

Ausstellung

„Wo Kunst geschehen kann“

Kestner Gesellschaft, Hannover
bis 10. November

Dieser Beitrag erschien in

WELTKUNST Nr. 162/2018