15.03.2019 Tim Ackermann

Kakteen, Selfies und freie Liebe

Eine Schau im Bucerius Kunst Forum in Hamburg zeigt, wie hip die Zwanzigerjahre waren – aber auch, dass man das böse Ende schon vorausahnen konnte.

Vernünftige Entscheidung, die ganze Sache über die Dinge anzugehen. Haben die Maler der Neuen Sachlichkeit den Menschen nicht auch eher dinghaft betrachtet, ihn mit nüchternem Auge objekthaft evaluiert? So wirkt er ja in manchen Bildern auch nicht menschlicher als zum Beispiel die einsame Gabel auf dem berühmten Foto von André Kertész im Jahr 1928, mit dem die Ausstellung „Welt im Umbruch“ im Hamburger Bucerius Kunst Forum beginnt. 

Carl Grossberg,
Carl Grossberg, "Der gelbe Kessel", 1933, Foto: Von der Heydt-Museum Wuppertal

Und wer würde den fünf Glasgefäßen auf einer Tischplatte, 1927 von Hannah Höch gemalt und jetzt neben Kertész’ Foto zu bewundern, ihren ähnlich hohen Individualitätsgrad absprechen? Die Lichtbrechungen im Glas dienten Höch als Vorwand zu abstrakten Formenexperimenten, die aussehen, als hätte Robert Delaunay seine Rotorenbilder in Grisaille geschaffen. Trotzdem sind die Dinge ganz präzise dargestellt: Im vordersten Gefäß spiegelt sich winzig die Künstlerin am Atelierfenster vor der Staffelei. Und paradoxerweise ist dieses Bild im Bild auf den Kopf gestellt.

Modernität und Kontinuität der Malerei

Modern ist an der Malweise eigentlich kaum etwas. Die Hamburger Überblicksausstellung zur Kunst der Zwanziger- und frühen Dreißigerjahre zeigt eben auch, dass im Reich der Malerei zu dieser Zeit die größten Umwälzungen längst stattgefunden haben. Expressionismus, Kubismus, Konstruktivismus, Abstraktion – alles schon erprobt. In  Gemälden wie Christian Schads barbusigem „Halbakt“ (1929) kehrt die Pinselführung, im Gegenteil, fast zurück zum Altmeisterlichen, so fein sind Achselhärchen und die blauen Adern unter der Haut wiedergegeben.

Rudolph Schlichter,
Rudolph Schlichter, "Margot", 1924, Foto: © Viola Roehr von Alvensleben, München

Dafür wirkt der Bubikopf der Halbnackten sehr modern und ebenso die machohafte Pose, mit der sie – ausgestreckt im Bett – am Betrachter vorbeischaut. Die Modernität liegt in der Haltung, die letztlich auch die des Malers ist, der diese Sichtweise transportiert.

Motive aus Vergangenheit und Gegenwart fallen zusammen

Irre, wie nah diese „Welt im Umbruch“ der unsrigen scheint: Man sieht Tattoos, Schnurrbärte, ja selbst die gegenwärtige Sukkulentenliebe scheint vor neun Jahrzehnten schon einmal ein Inneneinrichtungstrend gewesen zu sein, wie die Sammlung von Kakteen in Marianne Brandts Foto „Fenster im Bauhausatelier“ (um 1930) verrät. Die Fotografie entpuppt sich in jenen Jahren ohnehin als experimentierfreudig: Um 1930 entsteht auch das vielleicht sogar allererste Selfie der Welt, als der Fotograf Umbo (Otto Umbehr) beim Sonnenbaden die Kamera eine Armeslänge über den eigenen Kopf hält und auf den Auslöser drückt.

Georg Scholz,
Georg Scholz, "Arbeit schändet", 1921, Foto: Staatliche Kunsthalle Karlsruhe

Vorboten einer dunklen Zukunft

Es ist eine Zeit der extremen gesellschaftlichen Gegensätze, die dem Außergewöhnlichen zur Sichtbarkeit verhilft. Den Gegenpart zu Schads burschikosem Halbakt bildet Otto Dix’ „Bildnis des Juweliers Karl Krall“ (um 1923), in dem der Porträtierte die manierierte Armhaltung einer Revuetänzerin zur Schau stellt. Und gleichzeitig knallen schon die Marschierstiefel der Nazis aufs Pflaster, die dann in Wilhelm Heises gemalter Stadtansicht  „Der Stiglmaierplatz München bei Nacht“ (1935) auch tatsächlich verbildlicht werden. So leicht und schnell kann die Freiheit in die Katastrophe umschlagen: Die politischen Collagen und Zeichnungen von Karl Hubbuch oder Erwin Blumenfeld am Schluss der Schau beweisen, dass man das böse Ende schon damals vorhersehen konnte.

László Moholy-Nagy, Militarismus, 1924/1940, Foto: Bucerius Kunst Forum, Hamburg
László Moholy-Nagy, "Militarismus", 1924/1940, Foto: Bucerius Kunst Forum, Hamburg

Service

Ausstellung

„Welt im Umbruch. Kunst der 20er-Jahre“

Bucerius Kunst Forum, Hamburg
bis 19. Mai

Dieser Beitrag erschien in

Weltkunst Nr. 154/2019