26.11.2018 Peter Dittmar

Die Meister der Magie

Eine Ausstellung im Essener Folkwang Museum zeigt das unbekannte Italien der Zwischenkriegszeit

Ein Morandi, der – obwohl ein Stillleben – nicht wie ein Morandi aussieht. Ein de Chirico, der auf seltsame Weise antike Gestalten und Renaissance-Architekturen mischt, und den man eher seinem Bruder Alberto Savinio zuschreiben würde (der in dieser Ausstellung nicht vorkommt). Eine nackte Konditorstochter, die als „La Gourmandise“ vor allerhand Süßigkeiten in Gläsern und auf dem Tisch sitzt, und die man – stünde der Name nicht auf einem Stück Cassata – gewiss nicht mit Leonor Fini verbände. Obwohl auch Casorati, Campigli, Severini hier vertreten sind, wirkt der Versuch der Ausstellung „Unheimlich real“, die „Italienische Malerei der Zwanzigerjahre“ mit bislang wenig beachteten Beispielen vorzustellen, eigenartig weltfern. Das liegt nicht nur daran, dass das Gros der 32 Künstler dieser Auswahl bislang jenseits der Alpen kaum Beachtung fand.

Antonio Donghi, Der Jongleur, 1936, Öl auf Leinwand, Privatsammlung, Foto: Museum Folkwang
Antonio Donghi, Der Jongleur, 1936, Öl auf Leinwand, Privatsammlung, Foto: Museum Folkwang

Als Darmstadt und Bielefeld 1988 der „Kontinuität des Figurativen in der italienischen Malerei 1920 – 1987“ nachspürten, waren neben den vertrauten Namen lediglich vier „Unbekannte“ dabei – Ubaldo Oppi, Cagnaccio di San Pietro, Achille Funi und Antonio Donghi (mit dem Jongleur, der jetzt auch in Essen hängt). Und ein Jahr später, als zuerst die Royal Academy in London „Italian Art in the 20th Century“, danach der Palazzo Grassi in Venedig „Italian Art 1900 – 1945“ vorstellten, begnügte man sich wiederum mit Carrà, Casorati, de Chirico, Morandi und Severini. Essen verspricht also eine Entdeckungsreise in die bislang vernachlässigten Gefilde eines „magischen Realismus“.

Bilder aus einer Zeit politischer Umbrüche

Sie führt, thematisch in neun Kapitel aufgeteilt, von „Unbewohnten Häusern“ über „Verstörende Akte“ schließlich zu „Rätselhaften Begegnungen“. Wenngleich der erste Blick eine enge Verwandtschaft zur „Neuen Sachlichkeit“ nahelegt, unterstellt der Ausstellungstitel, unter der Oberfläche einer realistischen Wiedergabe der Personen, Gegenstände und Landschaften sei eine zweite, „unheimliche“ Bedeutung zu entdecken. Ein politischer Stachel, der wider den Faschismus à la Mussolini löckt, kann das jedoch nicht sein. Denn hier feiern weder die Macchiaioli des 19. Jahrhunderts – enttäuscht vom Risorgimento – mit ihrer Abwendung vom „Moloch Stadt“ und der Hinwendung zum Dorf als verlorenem Paradies eine Wiederkehr. Noch klingt der sozialrevolutionäre Impetus eines Giuseppe Pellizza da Volpedo nach. Noch wird das destruktive Pathos der Futuristen („Der Krieg als Hygiene“) gefeiert, obwohl mehrere dieser Maler dem Futuristischen Manifest zugestimmt hatten. Politisch wäre allenfalls „Der Verbannte“ von Arturo Nathan zu deuten, der – frontal mit gesenktem Blick in ein gelbes Tuch gehüllt – vor einer irrealen, wüstenartigen Ebene und einem Gewässer mit Walen im Hintergrund auf einem grünen Würfel sitzt. Jedoch mit jener Unbestimmtheit, die mehr hinein- als herausliest.

Klassische Bildmotive lassen nur schwer hinter die Oberfläche blicken

Die meisten Gemälde wirken eigenartig starr. Denn während die Futuristen die Bewegung ins Bild bannen wollten, erscheint, was die Realisten, die in Essen versammelt sind, malten, eher statisch. Man könnte ihre Bilder für Momentaufnahmen von jenen „Lebenden Bildern“ halten, die in vergangenen Jahrhunderten eine beliebte Unterhaltung waren. Deshalb fällt es schwer, bei den Porträts und Selbstporträts von Bruno Croatto, Astolfo de Maria oder Cesare Monti – statt des Bemühens, durch Augenkontakt mit dem Betrachter Distinktion zu gewinnen (wie es für repräsentative Bildnisse üblich war) – „Distanzierte Blicke“ zu erkennen. Und die Andeutung, die „unerotische Nacktheit“ der „Verstörenden Akte“ von Cagnaccio di San Pietro oder Mario Tozzi könne Gesellschaftskritik bedeuten, verrät immerhin Fantasie.

Giorgio de Chirico, Italienischer Platz (Souvenir aus Italien), 1924-25 Öl auf Leinwand, Rovereto, MART-Museo di arte moderna e contemporanea di Trento e Rovereto © MART - Archivio Fotografico e Mediateca
Giorgio de Chirico, Italienischer Platz (Souvenir aus Italien), 1924-25Öl auf Leinwand, Rovereto, MART-Museo di arte moderna e contemporanea di Trento e Rovereto © MART - Archivio Fotografico e Mediateca

Die Renaissance zum Vorbild

Obwohl die Zeitschrift Valori plastici 1922 eingestellt wurde, beeinflussten ihre Ideen einer „Rückkehr zur Ordnung“ als Kampfansage an Futurismus und abstrakte Malerei in der Zwischenkriegszeit die Kunstwelt Italiens. Das spiegelten vor allem die Ausstellungen des „Novecento“, die offizielle Sympathien genossen. Nicht zuletzt spielte dabei das Bemühen eine Rolle, an die italienische Renaissance anzuknüpfen. Typisch ist dafür „Die verlassene Stadt“ von Carlo Sbisà, der einen Jüngling in Ritterrüstung als Staffage auf einen Platz stellt, der bewusst die Gemälde einer idealen Stadt (wie sie Leon Battista Alberti zugeschrieben werden) nachmalt. Nicht anders ist es bei den Porträts von Achille Funi, die im Hintergrund den Ausblick auf eine charakterisierende Landschaft öffnen, wie man es von Piero della Francesca kennt.

Entdeckungen außerhalb des Kunstkanons

Die Ausstellung macht deutlich, dass es jenseits des „Internationalismus“ von Picasso, Warhol, Richter & Co. zu allen Zeiten eine Malerei gab und gibt, die kaum über die nationalen Grenzen hinaus wirkte. Der Vortizismus in England und die Regionalisten in Amerika sind dafür typische Beispiele. Die „Magischen Realisten“ aus Italien gehören offensichtlich auch dazu. Sie veränderten weder die Kunstwelt noch die Kunstgeschichte. Aber die Begegnung mit ihnen ist eine Erfahrung, die bereichert. Denn sie erinnert daran, dass der Kanon der Kunstgeschichte ein Trampelpfad ist, neben dem durchaus scheinbar unscheinbare Pflanzen zu entdecken sind.

Service

Ausstellung

„Unheimlich real – Italienische Malerei der 1920er Jahre“

Museum Folkwang, Essen
bis 13. Januar

Dieser Beitrag erschien in

Kunst und Autkionen Nr. 18/2018