24.08.2018 Renate Franke

Die Künstler und der Krieg

Bilder aus dem Dreißigjährigen Krieg: Das Berliner Kupferstichkabinett zeigt in einer Kabinettausstellung in der Gemäldegalerie eine Auswahl eindrucksvoller Druckgraphik, die nach 400 Jahren wieder brandaktuell ist.

Es war eine große Idee von Holm Bevers, dem Direktor des Berliner Kupferstichkabinetts und Kurator dieser Ausstellung, an den geistes- und kunstgeschichtlichen Wendepunkt zu erinnern: Weg mit dem althergebrachten, von Herrscherinteressen bestimmten  „Schlachtenbild“,  das den auftraggebenden Herrscher als Held des Geschehens in den Bildmittelpunkt stellt – es hatte keine Glaubwürdigkeit mehr. Der Krieg sah anders aus. Vor 400 Jahren entdeckten Europas Künstler unabhängig voneinander, aber doch nahezu gleichzeitig ihr Selbstbewusstsein und ihre Aussagefähigkeit. Sie machten sich auf, dem Wunsch nach persönlicher Aussage in selbstbestimmten Bildern Ausdruck zu geben. Das mit der Malerei auf eigene Faust verbundene finanzielle Risiko nahmen sie dabei in Kauf.

Hans Ulrich Franck, Landsknechte in einem eroberten Dorf, 1656, Radierung, (c) Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett
Hans Ulrich Franck, Landsknechte in einem eroberten Dorf, 1656, Radierung, (c) Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett

Erfindung des Individuums

In unserer bildüberfluteten Zeit ist kaum noch vorstellbar, welchen kunst- und geistesgeschichtlichen Wendepunkt die in der Ausstellung vorgestellten Radierungen und Kupferstiche aus dem Dreißigjährigen Krieg bezeichnen. Die Bilder von Jacques Callot, Hans Ulrich Franck und Matthäus Merian dem Älteren sind Zeugen eines kunst- und geistesgeschichtlichen Wendepunkts, der mit der Schlagzeile „Erfindung des Individuums“ trefflich beschrieben wurde, und in seiner Bedeutung kaum zu überschätzen ist.

Durst nach Fakten

Es war eine Zeit, zu der konventionelle Schlachtenbilder ganz auf Herrscherlob ausgerichtet waren – sie bestimmten das Bild vom Krieg. In diesem Kontext ist es erstaunlich, wie sehr sich Europas Künstler schon zu Anfang des 17. Jahrhundert von dieser Hofmaler-Bildtraditionen emanzipierten: Sie unternahmen es, die eigene Sicht auf den grausamen Krieg, seine Akteure und Folgen ins Bild zu setzen. Sie brachten eine an Fakten orientierte realistische Weltsicht ins Bild. Jacques Callot, 1592-1635, war der Großmeister dieser emanzipierten, auf Aussagen zur eigenen Weltsicht gerichteten Kunst.

Jacques Callot, Verwüstung eines Klosters (Les misères et les malheurs de la guerre, Blatt 6) 1633, Radierung (c) Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett
Jacques Callot, Verwüstung eines Klosters (Les misères et les malheurs de la guerre, Blatt 6) 1633, Radierung (c) Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett

Brandaktuell

Der vor 400 Jahren, im Mai 1618 mit dem Aufsehen-erregenden „Fenstersturz von Prag“ ausgelöste Dreißigjährige Krieg,  der erst 1648 nach dem Ablauf von dreißig Jahren mit dem Westfälischen Frieden von Münster und Osnabrück endete, war zunächst religiös motiviert, doch schon bald griffen territoriale und geistlich-konfessionelle Interessen ineinander – Parallelen zu den kriegerischen Auseinandersetzungen unserer Tage sind naheliegend. Die Künstler brachten schon damals ins allgemeine Bewusstsein, dass ein Bild sehr viel mehr sagt als tausend Worte.

Service

Ausstellung

„Bilder aus dem Dreißigjährigen Krieg – Druckgraphik aus dem Kupferstichkabinett“. Eine  Sonderpräsentation des Kupferstichkabinetts der Staatlichen Museen zu Berlin in der Gemäldegalerie SMB, bis 11. November 2018