06.06.2018 Sebastian Preuss

Wie die Dänen nach Greifswald kamen

Vor zwei Jahren schenkte der Kunstmäzen Christoph Müller dem Land Mecklenburg-Vorpommern 387 dänische Gemälde, Zeichnungen und Druckgrafiken. Nun ist die Sammlung erstmals vollständig im Pommerschen Landesmuseum in Greifswald zu sehen

Die Wiesen schimmern saftig, tief liegt der Horizont über der flachen oder sanft gewellten Landschaft. Darüber ein hoher Himmel, nordisch glänzend oder von schweren Wolken durchzogen. Und viel Wasser, schließlich sind wir im Land zwischen Nord- und Ostsee. Die Seefahrt spielt natürlich eine große Rolle, darum auch die Meeresbilder mit Schiffen, etwa vom wunderbaren Vilhelm Petersen. Man denkt an die holländischen Seestücke, doch spielt zwischen 1800 und 1850 in der dänischen Malerei die romantische Landschaftsauffassung eine viel prägendere Rolle. Immerhin hatte Caspar David Friedrich 1794–98 an der Kopenhagener Kunstakademie studiert und dort wesentliche Impulse erhalten. Später besuchten ihn Maler von dort immer wieder in Dresden.

Die dänischen Landschaftsbilder sind nicht so vergeistigt wie die der deutschen Romantiker. Sie sind näher an der wahren Natur, Einfachheit und Zurückhaltung ist wichtig. Und wenn Johan Thomas Lundbye oder Peter Christian Skovgaard mit dem lockeren Pinselstrich der Freilichtmalerei – die hier schon längst vor Barbizon und Impressionismus zum Programm der Akademie gehörte – eine Meeresbucht oder ein Waldstück mit einem hohen, idealischen und letzlich natürlich romantischen Grundton aufladen, dann tun sie das mit der sympathischen Dezenz und subtilen Delikatesse, die man in der dänischen Kunst des 19. Jahrhundert so häufig antrifft.

Den Dänen des 19. Jahrhunderts ist jedes Pathos fern. Hier wird nichts beschönigt, man weiß ohnehin, was man kann und was nicht. Feinmalerisch bis in die Nasenäderchen zeigt der bedeutende Porträtist Wilhelm Bendz einen Richter und seine Frau als selbstbewusste Bürger, die nicht viel Aufhebens von sich machen. Wir sehen Fischer bei der Arbeit, einen grübelnden Maler vor der Staffelei, derbe Bauerngesichter und arbeitsame Städter. Wenn eine Frau oder ein Mann nackt dargestellt wird, dann geschieht das mit der wissenschaftlich präzisen Beobachtung, wie sie der Akademiedirektor Eckersberg propagierte. Es gibt Stadtansichten, Interieurs und Genreszenen; sie alle kreisen um das Leben, so wie es war. Um das, was die eifrig reisenden Künstler in der Heimat, in Italien oder anderswo in Europa sahen.

In deutschen Museen konnte man diese faszinierende Kunst bislang wenig erleben. Nur Hamburg, Kiel und Flensburg besitzen Werkgruppen. Doch jetzt ist alles anders, denn der Mäzen Christoph Müller hat vor zwei Jahren seine Sammlung dänischer Malerei des 19. Jahrhundert an das Pommersche Landesmuseum in Greifswald geschenkt. Eckersberg und Abildgaard, Marstrand und Melbye, la Cour und Kyhn und viele mehr: Alle wichtigen Maler der Kopenhagener Schule bis 1900 (außer dem millionteuer gewordenen Hammershøi) sind mit Werkgruppen vertreten. 160 Gemälde gehören zu der Donation, außerdem rund 175 Zeichnungen und Aquarelle sowie 52 Druckgrafiken, insgesamt 387 Werke. Erstmals sind derzeit alle Bilder der Schenkung in Greifswald zu sehen; bis auf den Caspar-David-Friedrich-Saal hat das Museum seine gesamte Gemäldegalerie dafür freigeräumt. Künftig soll die Dänen-Sammlung in einem Erweiterungstrakt Teil der „Galerie der Romantik“ sein – fünf Millionen Euro vom Bund machen es möglich, noch in diesem Jahr sollen die Bauarbeiten beginnen.

Ursprünglich gehörte Müllers Liebe den Holländern und Flamen des 17. Jahrhunderts. In dreißig Jahren hatte er mit viel Kennerschaft eine Sammlung von 155 Gemälden aufgebaut, die er im Jahr 2013 dem Staatlichen Museum Schwerin stiftete. „Kosmos der Niederländer“ hieß damals die Eröffnungsausstellung dort. Schon zuvor hatte Müller begonnen, den Kosmos der Dänen um sich zu versammeln; die Wände seiner Berliner Wohnung sollten nicht leer bleiben. „Für mich sind sie die natürlichen Nachfolger der Niederländer“, sagt der Schwabe, der viele Jahre lang das Schwäbische Tagblatt in Tübingen besaß und auch als Chefredakteur leitete.

Das 19. Jahrhundert war das Goldene Zeitalter der dänischen Kunst, und vieles in der genauen, unaufgeregten Beschreibung von Land und Leuten erinnert uns heute tatsächlich an die Holländer in deren großer Epoche. Das alte dänische Imperium, zu dem bis zum Jahr 1814 noch ganz Norwegen gehört hatte, zerbröckelte damals bereits. Zwar gehörten Schleswig und Holstein (selbst Altona bei Hamburg, was kaum jemand weiß) noch zu Dänemark, aber im Krieg von 1864 verlor das Königreich seinen Südteil endgültig an die Deutschen. In dieser Situation waren auch die Künstler patriotisch gestimmt und malten das Land, so wie sie es liebten: bescheiden und protestantisch, der sanfte-herbe Charme von Land und Meer, die „feinen Linien unserer Hügel“, von denen Lundbye so sehr schwärmte. Selten war eine patriotische Kunst so sympathisch wie diese.

Service

Ausstellung

Die Dänen! Schenkung Christoph Müller
Pommersches Landesmuseum, Greifswald
bis 12. August