01.09.2017 Simone Sondermann

Malen Androiden elektrische Bilder?

Der Neue Aachener Kunstverein zeigt ab 3. September neue Installationen und Papierarbeiten des Japaners Hiroki Tsukuda, dessen Kunst im Science-Fiction wurzelt

„Träumen Androiden von elektrischen Schafen?“ Unter diesem Titel veröffentlichte Philip K. Dick 1968 einen Roman, dessen Verfilmung zum Science-Fiction-Klassiker wurde. „Blade Runner“ erzählt die Dystopie eines endzeitlich anmutenden Jahres 2019, in dem vom Menschen ununterscheidbare Replikanten gegen ihre Erschaffer rebellieren, um Identität und Freiheit ringen und erschüttert die eigene Sterblichkeit begreifen.

Kunst aus dem Geist der Science-Fiction

Der Künstler Hiroki Tsukuda, dessen neuste Arbeiten ab 3. September im Neuen Aachener Kunstverein zu sehen sind, wuchs auf Shikoku auf, der kleinsten japanischen Hauptinsel, die bis heute landwirtschaftlich geprägt ist. In dieser abgeschiedenen Gegend begeisterte er sich jung für Science-Fiction, ebenso wie für Videospiele und ihre schier unendlichen virtuellen Realitäten. Nach einem Kunststudium in Tokio arbeitete er als Grafikdesigner, bevor er sich ganz der freien Kunst zuwandte – kleine Ausflüge ins Angewandte wie jüngst das Design eines Turnschuhs inbegriffen.

Hiroki Tsukuda (* 1978), o.T. Tusche, Kohle, 2017, 100x100cm (Abb.: Neuer Aachener Kunstverein)
Hiroki Tsukuda (* 1978), o.T. Tusche, Kohle, 2017, 100x100cm (Abb.: Neuer Aachener Kunstverein)

Die großformatigen Papierarbeiten des 39-Jährigen spielen mit den Apokalypsen und technoiden Paralleluniversen, die seit

den Achtzigerjahren durch Ridley Scotts oder John Carpenters Filme im kulturellen Gedächtnis verankert sind, auch Fritz Langs „Metropolis“ kommt dem Betrachter in den Sinn. Tsukudas Werke sind im Kern Collagen. In seinem Tokioter Studio montiert er am Computer aus dem visuellen Strom des Internets gefischte Bilder sowie eigene Zeichnungen und Kalligrafien (reine Fantasiegebilde ohne Bedeutung) und schafft daraus komplexe Welten. Anschließend bringt er die digitalen Vorlagen mit Tusche und Kohlestift virtuos auf Papier. Mit den Jahren wagte er sich an immer größere und außergewöhnlichere Formate. So wirken einige trapezförmige Triptychen allein durch die Größe wie eine kosmische Vision, während die schmalen hohen Blätter, die nun in Aachen zu sehen sind, an japanische Schriftrollen erinnern.

Hiroki Tsukuda (Abb.: Neuer Aachener Kunstverein)
Hiroki Tsukuda (Abb.: Neuer Aachener Kunstverein)

Installationen aus dem Baumarkt

Seit einer Soloschau in seiner japanischen Galerie Nanzuka im Jahr 2014 ergänzt er einige der stets schwarz-weißen Papierarbeiten durch Installationen, so auch im Neuen Aachener Kunstverein. Das Material für seine seltsamen Anordnungen gewinnt er stets vor Ort, am Straßenrand, im Baumarkt. Wie bei seinen ungewöhnlichen Blattformaten geht es ihm um einen Weg, „die Grenzen des Bildes zu erweitern“. Auf den ersten Blick mögen Tsukudas Arbeiten wie futuristische Architekturzeichnungen oder Stadtmodelle daherkommen (so versteckt er gern Gebäude von Kenzo Tange und Zaha Hadid in seinen Werken), doch der Künstler betont den Bezug zur Natur. Er habe weniger das All als Unterwasserwelten im Sinn, eher Quallen denn Maschinen. So entsteht vor den Augen des Betrachters eine Landschaft, weder organisch noch anorganisch, jenseits davon.

Zu den bewegendsten Szenen in „Blade Runner“ gehört der Moment, als die Replikantin Rachael erkennt, dass ihre Kindheitserinnerungen nicht die eigenen sind. Von ihrem Ich und seiner vermeintlichen Wirklichkeit bleiben nur Träume eines anderen – eine zweite Natur.

Hiroki Tsukuda (* 1978), o.T., Tusche und Kohle, 2017 (Abb.: Neuer Aachener Kunstverein)
Hiroki Tsukuda (* 1978), o.T., Tusche und Kohle, 2017 (Abb.: Neuer Aachener Kunstverein)

Service

Ausstellung

„Hiroki Tsukuda: Hour of Excavation“
Neuer Aachener Kunstverein
3.September bis 15.Oktober

Eröffnung: 2. September