17.07.2017 Lisa Zeitz

Spazieren: die schönste Art, die Documenta zu erleben

Gerd Harry Lybke, der Galerist von Neo Rauch und Olaf Nicolai, trifft sich in Kassel mit Lisa Zeitz und stößt dabei auf ein trojanisches Pferd, Froschimitatoren und einen alten Bekannten, der unter die Archäologen gegangen ist

Mit seinem knallblauen Anzug ist Gerd Harry Lybke, genannt Judy, schon von Weitem zu erkennen. Wir treffen uns am Friedrichsplatz, um unseren Spaziergang durch den Park zu beginnen. Die Gustav-Mahler-Treppe verbindet die Innenstadt mit der  Karlsaue, wo 1955 die erste Documenta als Anhängsel der damaligen Bundesgartenschau stattfand. Beim Herabschlendern gleitet unser Blick über die Weite der barocken Parkanlage, die jetzt, nachdem der Regen aufgehört hat, mit ihren Alleen sehr verlockend aussieht. Von der großen Wiese, die sich wie eine offene Bühne vor der Kulisse der Orangerie ausbreitet, strahlen die Sichtachsen und Kanäle aus.

Gerd Harry Lybke vor Olaf Holzapfels Projekt »Zaun«. Foto: Melanie Vogel
Gerd Harry Lybke vor Olaf Holzapfels Projekt »Zaun«. Foto: Melanie Vogel

Trojanisches Pferd?

Am Anfang des sogenannten Küchengrabens blitzt zwischen den Bäumen eine gelbe Holzkonstruktion hervor. Beide kennen und schätzen wir den Künstler: Olaf Holzapfel, 1967 in Dresden geboren, setzt sich mit Fachwerk auseinander, mit Räumen und Grenzen. Zaun heißt sein Projekt,- zu dem auch eine Ausstellung im nahegelegenen Palais Bellevue gehört. „Sieht ein bisschen aus wie das Trojanische Pferd“, sagt Lybke. „Aber ist das so ein idealer Ort dafür, zwischen den Bäumen?“ Gerade die kleine Lichtung gefällt mir, weil man sich vorstellen kann, dass Pioniere mit diesem Gerüst den ersten Schritt gemacht haben, irgendwo im amerikanischen Westen sesshaft zu werden. Was hier, in einem barocken Park mitten in Europa, eine lustige Vorstellung ist. Oder doch nicht so lustig, denn Kolonialherrschaft ist eines der Themen im Fokus der Documenta. In einer Publikation, die es im Palais Bellevue gibt, erläutert Holzapfel seine Theorien, aber hier liegt sie nicht aus. „Das finde ich gut an Olaf“, sagt Lybke. „Trotz der großen Gedankengebäude sind seine Werke in der Umsetzung schön leicht. Zwischenräume, innen, außen, man kann damit was anfangen, auch wenn man sein Pamphlet vorher nicht studiert hat.“ Ich erwähne eine Anekdote, die den Künstler beeindruckt hat: Theo van Doesburg nahm in den Zwanzigerjahren Diagonalen in seine Arbeit auf, woraufhin Piet Mondrian ihn einen Verräter nannte. Lybke lacht: „Das waren noch Kämpfe damals. Heute gibt es weniger Grenzen. Comedy und Politik! Geheimnis und Offenbarung! Da gibt es keine Unterscheidung mehr.“ Wir gehen weiter am Kanal entlang.

Anfänge 1983 in Leipzig

Noch zu DDR-Zeiten gründete Lybke 1983 seine Galerie Eigen+Art in Leipzig, um befreundete Künstler zu unterstützen. Nach der Wende betrieb er in Tokio für einige Monate das, was man heute eine Pop-up-Galerie nennt: „Alle wollten nach Westen, wir gingen nach Osten!“ Es folgten Paris, London und New York, nicht zufällig an derselben Adresse wie der legendäre Galerist Leo Castelli, der zu Lybkes Freude in diesem halben Jahr zu allen seinen Vernissagen in Hausschlappen kam. 1992 kam dann der Sprung nach Berlin, wo er heute neben seiner Stammgalerie auch das Eigen+Art Lab unterhält. Im selben Jahr erlebte er seine erste Documenta. „Das war riesig, der Wahnsinn.“ Besonders Jeff Koons’ monumentale Blumenskulptur „Puppy“ ist ihm in Erinnerung, die in Kassel unerwünscht und deshalb 40 Kilometer entfernt vor Schloss Arolsen installiert war. Bei der nächsten Documenta 1997 waren dann schon fünf Künstler seiner Galerie dabei: Christine Hill mit der Volksboutique, Jörg Herold, die Brüder Nicolai sowie Yana Milev, lauter Konzeptkünstler, während Judy Lybke heute vor allem als Galerist von Neo Rauch bekannt ist. Damals konnte er dessen Malerei jedoch kaum verkaufen: „Das ging erst 2000 los.“

Das chilenische Kollektiv Ciudad Abierta hat einen spielerischen Pavillon errichtet. Foto: Melanie Vogel
Das chilenische Kollektiv Ciudad Abierta hat einen spielerischen Pavillon errichtet. Foto: Melanie Vogel

Ciudad Abierta

Wir biegen ab, wo durchscheinende Stoffe zwischen den Bäumen über einer hölzernen Konstruktion aufgespannt sind. Ein Architekturprofessor aus Chile, Iván Ivelic, stellt sich uns vor. Er ist Teil des Kollektivs Ciudad Abierta und erklärt, wie das Projekt, der Pavillon der Gastfreundschaft, als spontane Kreuzung aus Poesie, Architektur und Design ganz spielerisch entstanden sei: „Wir sind ohne Plan hier angekommen.“ Es soll ein Ort der Gemeinschaft sein, man könne auf den Balken entlangbalancieren, Gedichte vortragen oder picknicken. „Gibt es auch eine Küche?“, will Lybke wissen. Es gibt keine Küche. Judy Lybke wendet sich den Zelten zu, wo Stuttgarter Studenten wohnen, die beim Aufbau geholfen haben. Wäsche hängt auf Leinen, eine Schaukel an einem Baum. „Die Seite finde ich eigentlich interessanter,“ sagt er. „Das ist Poesie.“

 

In der Karlsaue spaziert es sich besonders schön, und aus dem Küchengraben tönt Klangkunst von Benjamin Patterson. Foto: Melanie Vogel
In der Karlsaue spaziert es sich besonders schön, und aus dem Küchengraben tönt Klangkunst von Benjamin Patterson. Foto: Melanie Vogel

Klang-Graffiti aus dem Kanal

Das nächste Kunstwerk tönt uns direkt aus dem Kanal entgegen. Lautes Gequake und geflüsterte Botschaften dringen aus schwarzen Lautsprechern, die wie große Zylinder aus dem Wasser ragen. Der Fluxuskünstler Benjamin Patterson, 1934 in Pittsburgh geboren und letztes Jahr in Wiesbaden gestorben, hat die Symphonie der quakenden Frösche erdacht. Wir lehnen uns auf das Geländer der Brücke. Ob die Gummiente, die da schwimmt, dazugehört? „Nö“, sagt eine Spaziergängerin im Vorbeilaufen. „Die Ente ist schon seit Monaten da.“ Pattersons „Klang-Graffiti“, erfahren wir später, bezieht sich auf Aristophanes’ Komödie „Die Frösche“ und beinhaltet nicht nur Aufnahmen echter Amphibien, sondern auch „einen menschlichen Chor ausgebildeter Frosch-Imitator_innen“.

Das Documenta-Radioprogramm mit Olaf Nicolai

Dieses Jahr nimmt lediglich ein Künstler der Galerie Eigen+Art- an der Documenta teil, Olaf Nicolai, und zwar ebenfalls mit einem Sound-Projekt. Am 10. Juni um 00:05 Uhr war In the Woods There is a Bird der Auftakt zum Documenta-Radioprogramm. „Da stehen dir die Haare zu Berge“, sagt Judy Lybke. Nicolai hat weltweit Krawalle akustisch- eingesammelt. „Zischen und Gemurmel, sodass man spürt, gleich passiert was, gleich kippt die Stimmung, gleich kommt es zur Rebellion.“ Die Documenta arbeitet mit Deutschlandfunk Kultur zusammen, aber auch mit Radiosendern in Beirut, Jakarta, Athen, Rio de Janeiro, Douala in Kamerun und anderen. „So ist der Äther an sich der Ausstellungsort.“

 

Claes Oldenburgs »Spitzhacke«
Claes Oldenburgs »Spitzhacke« steht seit 1982 an der Fulda. Foto: Paavo Blåfield/Kassel Marketing GmbH

Erinnerungen eines Aktmodells

Auf der Drahtbrücke über der Fulda soll eine Performance von Cecilia Vicuña stattfinden, aber als wir ankommen, heißt es, sie sei verlegt worden. Da Lybke sie schon in Athen gesehen hat und wir uns über die Sonnenstrahlen freuen, bleiben wir lieber in der Karlsaue. Am Ufer der Fulda steht Claes Oldenburgs monumentale „Spitzhacke“, ein Beitrag zur Documenta im Jahr 1982. Was hat eigentlich Lybke zu der Zeit gemacht? „1982 war ich 21 Jahre alt und habe als Aktmodell an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig begonnen.“ „Hat Neo Rauch dich auch nackt gemalt?“, will ich wissen. Alle haben ihn gemalt, sagt er, Jörg Herold, Uwe Kowski und ja, auch Neo Rauch, „allerdings auf Pressspanplatten, die der Schule gehörten. Die wurden dann wieder übermalt oder verfeuert.“ Er erzählt, wie der strenge Professor Bernhard Heisig während der Sitzungen mit Kreide auf seinem nackten Körper Zeichen gemacht hat, um den Studenten einzelne Punkte der Anatomie zu verdeutlichen.

 

Lois Weinbergers »Ruderal Society – Excavating a Garden«. Foto: Mathias Völzke
Lois Weinbergers »Ruderal Society – Excavating a Garden«. Foto: Mathias Völzke

Hallo, Lois Weinberger!

Zwischen Orangerie und Hirschgraben finden wir das jüngste Werk des Österreichers Lois Weinberger, eine Erdschneise im Rasen, und wir haben Glück, wir treffen auch den Künstler persönlich. Der Herr mit schwarzer Jeansjacke und schwarzem Hut begrüßt Lybke herzlich. „Gut siehst du aus“, sagt der Galerist. „Ich bin heuer 70“, sagt der Künstler, packt ihn mit beiden Händen am Kragen und lacht: „Und wenn ich so ein schönes Sacko hätte, würd’ ich noch besser aussehen.“ Wir betrachten die Arbeit. „Ich bin unter die Archäologen gegangen“, erklärt Weinberger. Das Werk sei wie eine Antwort auf eine alte Arbeit, meint Lybke. Vor 20 Jahren hat Weinberger zur zehnten Documenta auf einem stillgelegten Bahngleis Neophyten, nichtheimische Pflanzen, wachsen lassen. Die Kräuter und Wildblumen, die sich zwischen und neben den Schienen ansiedelten, kann man als poetische Metapher für Migration lesen. Jetzt hat er die Muttererde abgetragen und zu einem Haufen aufgetürmt. In der Schneise sind einzelne Brocken Backstein zu sehen, die, wie so oft in Kassel, an die Kriegszerstörungen erinnern. Wenn der Wind oder Vögel in der nächsten Zeit Samen auf die freigelegte Erdbahn fallen lassen, darf die Natur ihren Lauf nehmen.

Vor der Orangerie steht Antonio Vega Macotelas Nachbau der einst von Sklaven betriebenen »Blutmühle«. Damit sollen im Lauf der 100 Tage 25 000 Münzen geprägt werden. Foto: Melanie Vogel
Vor der Orangerie steht Antonio Vega Macotelas Nachbau der einst von Sklaven betriebenen »Blutmühle«. Damit sollen im Lauf der 100 Tage 25 000 Münzen geprägt werden. Foto: Melanie Vogel

Antonio Vega Macotelas Blutmühle

Wir laufen über die große Wiese auf die Orangerie zu, die Karl I., Landgraf von Hessen-Kassel, Anfang des 18. Jahrhunderts für nichtheimische Pflanzen wie Zitronen und Oran-gen erbauen ließ. Davor steht etwas verloren die sogenannte Blutmühle herum. Antonio Vega Macotela, geboren 1979 in Mexiko, hat die historische Maschine nachgebaut, an der einst in Peru Sklaven geschunden wurden. Durch Körperkraft – Lybke und ich probieren es für eine Runde aus – werden Zahnräder bewegt, die eine Presse zur Münzprägung in Gang setzen. Wir haben Hunger, und nur wenige Meter von dem traurigen Konstrukt findet in der hochherrschaftlichen Orangerie ein Brunch der Art Basel statt. Lybke muss sich nicht vorstellen, er wird überall mit fröhlichem Hallo begrüßt, wir füllen unsere Teller am Buffet und genießen das Essen auf der Terrasse, mit Blick – die Ironie entgeht uns nicht – auf die Blutmühle.

Künstler auf Mission

Am Ende dieser Route sei Romuald Karmakars ergreifende Videoarbeit „Byzantion“ im Westpavillon empfohlen. Es ist das einzige Werk in der Orangerie. Gerade hier hat man das Gefühl, dass die großen Flächen und das Gebäude mehr Kunst vertragen hätten und die Werke selbst mehr Erklärung. „Kunst ist nicht nur Ornament oder Pixel“, sagt Judy. „Ich verstehe schon, dass man nicht vorgebildet herkommen soll, aber die Biografie ist doch wichtig für das Verständnis.“ Wir machen uns wieder auf den Weg in die Innenstadt. „Man muss sich mit Kunst beschäftigen. Die Künstler haben alle eine Mission. Wenn ich ihren Gedanken folge, kann ich mit ihnen andere Leben leben.“

Service

Dieser Artikel erschien zuerst in WELTKUNST Spezial 03/2017.

In der Documenta-Ausgabe der Weltkunst gibt es noch vier weitere Spaziergänge: mit dem Künstler Stephan Balkenhol, mit Ulrike Groos, Direktorin des Kunstmuseums Stuttgart, mit dem legendären Kurator Wulf Herzogenrath und dem jungen Berliner Sammler Christian Kaspar Schwarm.