07.04.2017 Irmgard Berner

Lucas Cranach – Zwischen Luther und Venus

Lucas Cranach der Ältere hat mit neuartigen Bildfindungen, sinnlichen Aktdarstellungen und Bildern zum protestantischen Glauben die Renaissance in Deutschland geprägt. Im Museum Kunstpalast in Düsseldorf ist er jetzt facettenreich zu erleben.

Solch subtile Laszivität hatte ihr im Norden bis dahin kein Maler verliehen. Venus, die Liebesgöttin: Lebensgroß steht sie im Lichtschimmer, klar, fast scharf zeichnet sich ihr nackter Körper in mädchenhafter Renaissancefülle vor dem schwarzen Hintergrund ab. Den Kopf etwas geneigt ist ihr verführerischer Blick halb von den Lidern verdeckt. Über Schulter, Scham und Schenkel faltelt sich ein hauchdünner Schleier. Die Locken fallen bis zur Hüfte und berühren fast das Haupt des Knaben, der sich mit verschlagenem Blick hinter ihrem Bein verschanzt. Noch zügelt die Hand der Göttin den kleinen Cupido – als Warnung an den Betrachter, er möge mit allen Kräften die Wollust des Amors vertreiben. Denn der hält den Liebespfeil im Bogen zum Abschuss bereit.
Mit diesem frühen Bild einer lebensgroßen nackten Venus hat der Maler Lucas Cranach der Ältere bereits 1509 eines seiner großen Themen gefunden. Noch bemüht er mit der Gestalt des Cupido die Mythologie als Verbrämung – Skrupel, die er später bei den vielen Venus-Figuren, bei den Evas und Lucretien ablegen und Frauenakte fast ohne Beiwerk malen wird. Die erstaunliche Venus-Schöpfung fällt in das künstlerisch sehr ergiebige Jahr 1509. Eingeschrieben ist das in dem hellen Feld links auf dem Bild, mit der geflügelten Schlange zwischen den Initialen „L C“, die Cranach seit 1508 als Signet und Firmenlabel seiner zu florieren beginnenden Werkstatt benutzt.

Ein Hauptwerk der Ausstellung und prominente Leihgabe aus der Sankt Petersburger Eremitage:
Ein Hauptwerk der Ausstellung und prominente Leihgabe aus der Sankt Petersburger Eremitage: "Venus und Cupido" von 1509, die erste profane Aktdarstellung nördlich der Alpen (Foto: Terebenin/Staatliche Eremitage, St. Petersburg/CDA)

Die Ausstellung „CRANACH. Meister – Marke – Moderne

Der gemalte Akt wird zum beliebten Sujet und verspricht Nachfrage. Ihn in Lebensgröße darzustellen ist Cranachs großer Wurf. Er überführt damit das Bildkonzept des profanen Aktes erstmals aus Italien in die Kunst nördlich der Alpen. „Damit steht Cranach am Beginn der modernen Aktmalerei“, konstatiert Beat Wismer, Generaldirektor des Museum Kunstpalast in Düsseldorf. Denn dort hängt sie nun, die fein modellierte „Venus und Cupido“ aus der Sankt Petersburger Eremitage. Zum Reformationsjahr eröffnet die große Cranach-Ausstellung ein mit „Meister – Marke – Moderne“ betiteltes Panorama. Und bezieht erstmals das am Haus ansässige Cranach Digital Archive mit ein.
Die frühe Venus ist nur einer der Höhepunkte unter rund 200 Werken. Darüber hinaus zeigt die Schau ausführlich, wie die Cranach’sche Bildmotivik Künstlern im 20. und 21. Jahrhundert zur Inspirationsquelle wird, mit Schlüsselwerken von Picasso, Man Ray, Warhol bis hin zu zeitgenössischen Künstlern. Denn Cranach der Ältere war ein Bilderfinder. Er hat im kleinen Wittenberg neue ikonografische Systeme entwickelt und in einem höchst effizient organisierten Werkstattbetrieb umgesetzt, bald auch mit den Söhnen Hans und Lucas dem Jüngeren.

Andy Warhol war von Cranachs
Andy Warhol war von Cranachs "Bildnis einer jungen Frau" so angeregt, dass er eine ganze Siebruck-Serie daraus entwickelte, hier "Portrait of a Woman (after Cranach)" von 1985 (Foto: Hanne Engwald, Leverkusen/Bayer AG/2017 The Andy Warhol Foundation for the Visual Arts, Inc./Artists Rights Society (ARS), New York/Privatsammlung, Europa)

Cranachs Frühwerk

Cranach war Hofkünstler und Ausstatter, Porträtmaler und Illustrator, Buchdrucker und Unternehmer; er war dreißig Jahre lang Ratsherr und besaß das Apothekerprivileg. Als Maler der Reformation und Freund Luthers ist er in die Geschichte eingegangen. Inmitten der frühneuzeitlichen Gesellschaft, die von religiösen Auf- und Umbrüchen geprägt war, entfaltet der 1472 im oberfränkischen Kronach Geborene sein Talent.
Das eigentliche Frühwerk Cranachs ist nicht bekannt. Erst um 1500 tritt er zum ersten Mal künstlerisch in Erscheinung – in Wien, wo der fast Dreißigjährige im Dunstkreis des Kaiserhofs und der Wiener Humanisten, seiner Auftraggeber, Werke schuf, von denen nur wenige überliefert sind. Etwa der „Heilige Hieronymus in der Einöde“ von 1502. Expressive druckgrafische Blätter wie „Christus am Ölberg“ um 1501 zeigen frühe Höhepunkte von Cranachs Schaffen, weisen aber auch auf eine seiner Quellen hin: auf die Holzschnitte Dürers aus der Phase von dessen „Apokalypse“; deren dramatisch ekstatischen Stil steigert Cranach bis ins Groteske.

Aus dem Metropolitan Museum in New York kommt die schöne
Aus dem Metropolitan Museum in New York kommt die schöne "Judith mit dem Haupt des Holofernes", um 1530, gekleidet in der Mode am damaligen Sachsenhof (Foto: bpk/The Metropolitan Museum of Art, Rogers Fund, 1911)

Im Jahr 1505 übersiedelt Cranach nach Wittenberg, weil er als neuer Hofkünstler in die Dienste Friedrichs des Weisen von Sachsen tritt. Zu jener Zeit eine aufstrebende Stadt, baut Friedrich sie gerade zu seiner Residenz aus und setzt sie mit der Gründung der Universität auf die intellektuelle Landkarte. Sie ist kurz vor dem Sprung, zum Zentrum von Humanismus und Reformation zu werden. Bildgebende Triebfeder auch im Sinne der Propaganda für Martin Luthers reformatorische Gedanken wird Cranach der Maler.
Mit welchem Innovationsdrang er ans Werk geht, zeigen die Arbeiten aus den Jahren 1505 bis 1519. Cranach nimmt darin Neues auf, modifiziert, verwandelt, perfektioniert, ja konfektioniert und standardisiert das geläufige Historien- und Porträt-Repertoire. Er kommt zu autarken, malerisch herausragenden Lösungen neuer Bildmotivik, besonders der halbfigurigen Darstellung Mariens mit dem Kind. Hier bildet sich der Modus Cranach’scher Weiblichkeit aus: mehr mädchenhaft als fraulich, schmale Schultern, darauf ein großer ovaler Kopf mit hoher Stirn und kleiner Kinnspitze, die Augen zu Schlitzen verengt, vor neutral-dunklem Grund. In der 1530 gemalten Variante der „Judith mit dem Haupt des Holofernes“ findet sie mit rotem Haar und breitem Samthut, edel besticktem Brokatbustier und schwerem Halsschmuck eine der schönsten Entsprechungen.
Ein Meisterwerk aus dieser frühen Phase ist die Madonna, die der Künstler wohl im Auftrag des Bischofs von Breslau um 1510 für den dortigen Dom malt. „Eine kleine Sensation, dass wir diese Tafel zeigen können“, sagt Daniel Görres, einer der Ausstellungskuratoren. Tatsächlich liest sich die Geschichte der „Breslauer Madonna“ wie ein Krimi: Im Zweiten Weltkrieg ausgelagert, schmuggelte es vermutlich ein dort ansässiger deutscher Priester nach dem Krieg vorbei an der polnischen Obrigkeit nach Deutschland, als er Breslau verlassen musste. Heimlich ließ er zuvor eine Kopie anfertigen und hängte diese anstatt der Originaltafel in die Kirche. Erst Anfang der Sechzigerjahre stellte man die Täuschung fest, während das Original über Jahrzehnte immer wieder den Eigentümer wechselte. Schließlich tauchte die Tafel in der Schweiz auf, 2012 kehrte das beliebte Andachtsbild der Schlesier im Original an seinen Platz im Breslauer Dom zurück.

Cranachs um 1510 gemalte
Cranachs um 1510 gemalte "Madonna mit Kind" kehrte nach langer Odyssee und einer echten Kriminalgeschichte 2012 in den Breslauer Dom zurück (Foto: Aleksandra Hola/Muzeum Archidiecezjalne we Wrocławiu)

In Wittenberg verschafft das Privileg, Martin Luther porträtieren zu dürfen, dem findigen Maler und Geschäftsmann Cranach so viele Aufträge, dass seine Werkstatt zu einer der mächtigsten und größten Bildmanufakturen der Reformationszeit aufsteigt. Für keinen anderen Künstler sitzt Luther Modell. Das schließt aber nicht aus, dass Cranach weiterhin Werke für altgläubige Auftraggeber fertigt. In dem großen Kapitel zur Reformation hat die Düsseldorfer Ausstellung tatsächlich Neues und bisher in Deutschland nicht gezeigte Raritäten zu bieten. Etwa zwei Tafeln aus dem Nationalmuseum in Stockholm. Die „Speisung der Fünftausend“, ein Wunder Jesu durch die Vermehrung von Brot und Fischen, sowie „Der Abschied der Apostel“, das einen neuralgischen Moment darstellt, da Cranach einem Apostel die Gesichtszüge Philipp Melanchthons verleiht und damit deutlich sein Kirchenverständnis im Sinne der Reformation manifestiert.
Neben den hohen Ansprüchen, die der Hof dreier Kurfürsten nacheinander an ihn stellt, bleiben Cranach und seine Werkstattmaler auch immer Porträtisten für bürgerliche Auftraggeber und bedienen in hohem Maß den freien Markt. Man geht heute von 1500 erhaltenen Cranach-Werken aus, wohl nur ein Teil dessen, was in über vierzig Jahren höchster Produktivität tatsächlich entstand. Hinzu kommen die Werke der Söhne. Der erstgeborene und früh auf einer Italienreise verstorbene Hans hinterließ ein Skizzenbuch, das seine junge Meisterschaft zeigt. Lucas der Jüngere übernimmt später die Werkstatt und deren Arbeitsprinzipien. Dazu zählen Varianten von Motiven, wie es in der Schau an zwei Fassungen der Lucretia, dieser antiken Heldin, die sich aus Scham selbst erdolcht, erläutert wird. Bei den „Ungleichen Paaren“ werden dem Thema der altersübergreifenden Verführung – alter Mann und junge Frau sowie umgekehrt – in grotesken Zügen allein vierzig Variationen abgerungen.

Lucas Cranach,
Lucas Cranach, "Das ungleiche Paar: Alte Frau und junger Mann", um 1520/22 (Foto: Dénes Józsa/Szepmuveszeti Muzeum, Budapest, 2017)

Die Moderne

Es geht um die Bildproduktion, das macht Cranachs Kunst auch so ambivalent. Einerseits ist der Maler mit seiner Firma sehr modern, schnell und effizient. Andererseits widerspricht er jenem Aspekt, der mit dem Aufbruch in die Moderne forciert wurde: dem des Originals, der Handschrift. Darin ist Cranach der eher anonyme Künstler, denn Ziel der Werkstatt ist es, das sichtbare Nebeneinander verschiedener Maler auszuschließen. Anhand technischer Analysen wie Infrarotaufnahmen werden im Werkstatt-Kapitel Methoden und Materialien durchleuchtet. Und auch, wie Cranach ein Netzwerk an Geschäftsbeziehungen durch Europa spannte. So kaufte er etwa Pigmente für viel Geld ein, sogar aus dem heutigen Afghanistan.
Zum autonomen Künstler aber, im Sinne der Moderne, emanzipiert sich Cranach in seiner Aktmalerei: Er etabliert den Akt als Motiv. Weg vom naturalistisch mythologischen hin zu einem sinnlich abstrahierten Kunstfigurenarsenal, öffnet er die Tür zu Verführung und Erotik nun ganz. Seine späten Quellnymphen, Venus-Göttinnen oder Evas sind wie Models, wie künstliche Puppen. Ist die Cranach’sche Frauenfigur fast ein Klischee, so gereicht ihre laszive Grazilität vielen Künstlern an der Schwelle zur Moderne bis heute zur Inspiration, etwa für Picasso. „Die Künstler im 20. und 21. Jahrhundert haben die Ikonen übernommen“, sagt Wismer. Im Unterschied etwa zu El Greco, der großen stilistischen Einfluss auf die Expressionisten ausübte, ist er bei Cranach vor allem motivisch.
Prominent ist Picassos voyeuristischer Blick auf Cranachs Frauentypus und Komposition. In seiner „David und Bathseba“-Serie analysiert er in den 1940er-Jahren das Motiv des alten Königs, der die junge Frau bei der Toilette beobachtet, um es dann frei durchzudeklinieren. „Venus und Amor“, eines seiner letzten Werke aus dem Jahr 1968, gerät Picasso dann zur heftigen, wirren Malerei, fast schon „bad painting“. Das Vorbild ist ihm nur noch Anlass für ein ekstatisches Bild.

Alberto Giacometti,
Alberto Giacometti, "Frauenbildnis nach Cranach", 1958, ETH Zürich (Foto: Graphische Sammlung ETH Zürich)

Dass Cranach für die Moderne wichtig war, ist nicht neu und wurde in Ausstellungen seit den Werkschauen in Nürnberg 1968, Basel 1974 oder Hamburg 2003 ansatzweise untersucht. Aber wohl keine Ausstellung hat das Interesse an dem deutschen Renaissancemeister bisher so ausführlich gezeigt wie die Düsseldorfer, mit Originalen aus den jeweiligen Epochen nebeneinander. Zu sehen etwa ist Otto Muellers „Stehender Akt mit Dolch“, auf dem er seine Frau Maschka 1903 à la Cranach malt: als lebensgroße Lucretia, den schlanken, nackten Körper mit hoch ansetzenden Brüsten in exaltierter, langgestreckter Fin-de-Siècle-Pose.
Eine wunderbare Entdeckung ist Fritz Bleyls Plakat für die erste „Brücke“-Ausstellung in Dresden 1906. In einer holzschnittartigen Licht-Schatten-Ansicht zeigt das schmale Hochformat eine nackte und junge Frauen­gestalt, weiß aus hellorangenem Grund hervortretend. Die jungen Expressionisten bemühen sich um ein spontanes, natürliches Aktbild und stützen sich sich dabei immer wieder auf Cranach.
Selbst den Malerei-Überwinder Marcel Duchamp beflügeln die hochgewachsenen Akte des Wittenberger Meisters und ihre Stofflichkeit für sein letztes Gemälde „Braut“, das 1912 entstand. Zehn Jahre danach entsteht die Fotografie „Ciné-Sketch: Adam and Eve“ von Man Ray. Sie zeigt Duchamp und Bronia Perlmutter, nackt als Adam und Eva posierend, nach Cranachs Bild von 1533.
Auch Andy Warhol regen die Frauenporträts an, bis ins Serielle. Hier ist Cranachs Werkstatt vergleichbar mit Warhols Factory, samt allen Fragen nach Original und Handschrift. Heute sind es vornehmlich Künstlerinnen, die sich auf Cranach beziehen: Berlinde De Bruyckere, Leila Pazooki, Katerina Belkina. Oder Dorothee Golz, die in ihrem digitalen Bild „Herr Martin“ untersucht, ob wir dem Bild, das wir durch Cranach von Luther haben, vertrauen können.
Punktgenau landet man schließlich in der Gegenwart: mit einer Bilderflut aus dem Cranach Digital Archive in Form eines wandfüllenden Projektionsmosaiks. Im Vexierspiel changieren und überblenden darauf vierzig Lucretien, den Dolch nach oben oder schräg unten gegen die Brust gerichtet, mit vierzig Luthergesichtern. Ein Variationenspektakel, das dem älteren Cranach vielleicht gefallen hätte. Der war im hohen Alter von 77 Jahren nach langem Zögern seinem Herrn, dem Kurfürst Johann Friedrich, nach Augsburg gefolgt, wo dieser als Verlierer des Schmalkaldischen Krieges gefangen gehalten wurde. Dort kam es zu einer denkwürdigen Begegnung mit Tizian. Schließlich zog Cranach mit dem Kurfürst nach Weimar, wo der Jahrhundertkünstler im Jahr 1553 starb.

Service

AUSSTELLUNG

„CRANACH. Meister – Marke – Moderne“, Museum Kunstpalast, Düsseldorf, 8. April bis 30. Juli 2017