27.03.2017 Tim Ackermann

Vermeer und die Meister der Genremalerei

Nach Dublin und Paris feiert ab dem 22. Oktober die National Gallery of Art in Washington die stille Malerei des Jan Vermeer.

Wie können uns Vermeers Werke, die seit seiner Wiederentdeckung Mitte des 19. Jahrhunderts unendlich vervielfältigt wurden, heute bereichern? Im Zweifelsfall tun sie es ganz persönlich, weil sie in diesen unruhigen Zeiten eine Gelegenheit zur vertieften Kontemplation bieten, die man mangels eines besseren Worts als Besinnung beschreiben kann. Man betrachte beispielsweise die „Frau mit Waage“ (um 1664) aus der Sammlung der National Gallery of Art in Washington: 

Jan Vermeer,
Jan Vermeer, "Frau mit Waage", um 1664 (Foto: National Gallery of Art, Washington)

Ein dunkles Interieur, das vom Einfall natürlichen Tageslichts zusammengehalten wird, umgibt die Protagonistin, eine Perlenhändlerin, die vor einem Tisch stehend konzentriert ihrer Arbeit nachgeht. Das Gemälde des Jüngsten Gerichts an der Wand hinter ihr, das den Tag zeigt, an dem die Seelen auf die Waagschale gelegt werden, mahnt die Frau, nicht zu viel Gewicht auf irdische Güter zu legen. Der Spiegel an der Wand neben dem Fenster wirft ihre Bewegungen zurück. Vermeers Bild fordert uns auf, das eigene Handeln bewusst zu reflektieren. Ein moralischer Imperativ von zeitloser Gültigkeit.

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Jan Vermeer, "Junge Frau mit Perlen", 1663–1664 (Foto: BPK, Berlin, Dist. RMN-Grand Palais Jörg P. Anders)

Zehn Werke aus dem nur gut drei Dutzend Bilder umfassenden Œuvre des Delfter Malers Jan Vermeer (1632–1675) bringt die National Gallery of Art in Washington zusammen, viele sind kostbare Leihgaben – so wie die „Junge Frau mit Perlen“ aus Berlin, der nun auf „Die Briefschreiberin und Dienstmagd“ der National Gallery in Dublin trifft, oder der „Geograph“ aus dem Frankfurter Städel Museum, der sich zum „Astronomen“ gesellt, der im Pariser Louvre bewahrt wird. Das allein macht schon eine sensationelle Ausstellung, doch die National Gallery reichert die Schau noch mit Gemälden von Zeitgenossen Vermeers wie Pieter de Hooch, Jan Steen, Gerard ter Borch oder Gabriel Metsu an. So kann der Betrachter erkennen, wie im Golden Zeitalter, jener glanzvollen Epoche der politischen Stabilität und wirtschaftlichen Blüte in den Niederlanden, einzelne Motive und Techniken durch die Werke verschiedener Maler zirkulierten. Und doch ist es Vermeer, der aus der Mitte seiner Kollegen herausragt. Denn, abgeleitet von der Genremalerei, schuf er stimmungsvolle, psychologisch aufgeladene Bilder, die den anekdotischen Moment transzendieren. Und uns auch vier Jahrhunderte später noch berühren.

Service

ABBILDUNG GANZ OBEN

Johannes Vermeer, „Briefschreiberin in Gelb“, Öl/Lwd., 45×39,9cm, National Gallery of Art, Washington

AUSSTELLUNG

„Vermeer und die Meister der Genremalerei“, National Gallery of Art, Washington D.C., 22. Oktober bis 21. Januar 2018

Eine Version dieses Beitrags erschien in

WELTKUNST Nr. 126/2017