20.05.2016 Petra Schaefer

Die Vivarinis – Eine ziemlich talentierte Familie

Sie gehören zu den bedeutenden Malerdynastien Venedigs zwischen Gotik und Renaissance, doch erst jetzt findet die erste Übersichtsschau statt – noch zu sehen bis zum 17. Juli in Conegliano

Der Palazzo Sarcinelli, ein ehrwürdiger Renaissancepalast im pittoresk zwischen den Hügeln des Venetos gelegenen Städtchen Conegliano, widmet in diesem Frühjahr der Vivarini-Familie eine Überblicksschau. Rund vierzig Werke bieten eine gute Einführung in die Entwicklung dieser Malerdynastie zwischen 1440 bis 1500 und zeigen deren regen künstlerischen Austausch in der Werkstatt. Besonders eindrucksvoll trumpft die Ausstellung mit einer Vielzahl von Polyptychen auf, welche für Auftraggeber in Venedig und Padua, aber auch im ehemals venezianischen Istrien und in Apulien gefertigt wurden. Das früheste Werk der Ausstellung stammt von Antonio Vivarini und ist 1440 datiert, es stammt aus der Basilika Eufrasiana in Poreç (ital. Parenzo, im heutigen Kroatien) und wurde aufwendig restauriert.
Kennern der venezianischen Malerei dürfte die aus Murano stammende Familie Vivarini bekannt sein, die in Venedig und Padua tätig war. Die Werkstatt umfasste Antonio (um 1420–1484), seinen jüngeren Bruder Bartolomeo (um 1432–1491) und später auch Antonios Sohn Alvise (um 1445–1505). In den 1440er-Jahren arbeitete zudem Antonio mit seinem Schwager Giovanni d’Alemagna (gestorben 1450) zusammen. In den Gallerie dell’Accademia in Venedig sind die Vivarinis mit Gemälden ebenso vertreten wie in den venezianischen Kirchen, wo ihre Werke Seitenaltäre schmücken, so in der Frari-Basilika im Viertel San Polo.

Bis heute stehen die Vivarinis im Schatten der Bellini-Dynastie

Die Malerfamilie steht bis heute im Schatten der berühmteren Bellini-Dynastie. Auch wenn seit den 1960er-Jahren Einzelstudien zu den Vivarinis vorgelegt wurden, so findet jetzt mit  „Die Vivarinis. Der Glanz der Malerei zwischen Gotik und Renaissance“ die erste Übersichtsschau überhaupt statt.
Ein Glanzstück der Ausstellung ist die meisterhafte „Sacra Conversazione“ von Bartolomeo Vivarini von 1465, die einst eine Auftragsarbeit für eine Franziskanerkirche in Bari war und heute in den Gallerie di Capodimonte in Neapel aufbewahrt wird. Das Tafelgemälde war in direkter Auseinandersetzung mit Andrea Mantegna entstanden, der um 1457 in Padua das berühmte Tafelbild „Pala di San Zeno“ für die gleichnamige Kirche in Verona geschaffen hatte, welches als erstes norditalienisches Renaissancegemälde gilt. Ausgehend von Mantegnas Polyptychon erarbeitete Bartolomeo Vivarini eine für seine Zeit erstaunliche Bildschöpfung: Er löste sich von der Dreiteiligkeit der Altarretabel, die auch in Venedig noch lange das gängige Format darstellte, und vereinte das Bildformular in einer einzigen Bildfläche. So steht der mächtige Thron im Freien, wo die Muttergottes in frommer Eintracht sitzt mit den Heiligen Augustinus und Rochus zu ihrer Rechten und Ludwig von Toulouse und Nikolaus zu ihrer Linken.

Wie entschieden Vivarini das Bildformular erneuerte, zeigt ein Detail: Er reduziert den goldenen Hintergrund, der in vielen anderen Auftragswerken beinahe obligatorisch die Heiligen rahmt, auf den apsisähnlichen Abschluss des Thrones und bedeckt diesen großflächig mit einem gemalten Tuch. Es sind die textilen und floralen Elemente, die das Werk dominieren, und auch wenn die stilistische Qualität eines Andrea Mantegna nicht erreicht wurde, so ist die Weiterführung des mantegnesken Stils bei Bartolomeo Vivarini doch bemerkenswert.

Lässt sich nun in Conegliano erstmals die vielfältige Tätigkeit der Vivarini-Werkstätten betrachten, so fehlt doch ein wenig der Vergleich mit den Meisterwerken, an denen sich die Künstlerfamilie messen musste. „Eine Ausweitung auf andere Maler hätte die Ausstellung gesprengt“, sagt Kurator Giandomenico Romanelli, ehemaliger Leiter der städtischen Museen in Venedig. Doch bleibt die Frage, ob man nicht besser auf weniger gut erhaltene Werke aus Privatsammlungen verzichtet hätte, um dafür Gemälde von Mantegna, Giovanni Bellini oder Cima da Conegliano mit einzubeziehen. Auch berücksichtigt die Schau noch nicht die Erkenntnisse von Rebecca Müller, die an der Universität Frankfurt gerade ein Forschungsprojekt zur Vivarini-Werkstatt abgeschlossen hat. Es gibt bei dieser Familie also noch manches zu entdecken. 

„Die Vivarinis. Der Glanz der Malerei zwischen Gotik und Renaissance“, Palazzo Sarcinelli, Conegliano, bis 17. Juli 2016

Diesen Beitrag finden Sie in der WELTKUNST Nr. 113 / April 2016