Böttgersteinzeug

Das andere Porzellan

Bei der Porzellan-Auktion von Metz kommt eine bedeutende Böttgersteinzeug-Sammlung zum Aufruf. Die rot belassenenen Stücke sind am Markt rar

Von Sebastian Preuss
04.10.2022
/ Erschienen in Kunst und Auktionen Nr. 15/22

Porzellan ist weiß, zart und transparent schimmernd. Aber für Sammler sind auch Stücke kostbar, die so rot wie Terrakotta aus dem Ofen kamen: das Böttgersteinzeug. Es ist begehrt, weil es das allererste Produkt auf dem Weg zum europäischen Porzellan war. Und weil es eine eigene, sehr reizvolle Ästhetik besitzt. Johann Friedrich Böttger war von August dem Starken, dem sächsischen Kurfürsten, eigentlich zum Goldmachen angestellt worden. Stattdessen erfand er gemeinsam mit dem Naturforscher Ehrenfried Walther von Tschirnhaus das europäische Porzellan, und zwar in einer Qualität, die sich mit den chinesischen und japanischen Vorbildern ohne Probleme messen lassen konnten.

Das geschah nicht über Nacht. Zwei Jahre bevor es Böttger und Tschirnhaus 1708 gelang, erstmals weißes Porzellan herzustellen, entwickelten sie ein hartes, im Scherben sehr feines Steinzeug aus Ton, rotem Bolus („Nürnberger Erde“), Quarzen und Flussmittel. Eisenoxid verstärkte die rote Farbe, die dem neuen Material auch den Namen „Jaspisporzellan“ eintrug. Nach der Gründung der Meissener Manufaktur 1710 stellte man dort anfangs das Böttgersteinzeug parallel zum weißen Hartporzellan her. Beides erregte großes Aufsehen, und mit beiden Werkstoffen entwickelte die Manufaktur neue Formen, Glasuren und Bemalungen.

Plakete Böttgersteinzeug Metz
Auf 36.000 Euro ist die Reliefplakette mit Böttgers Profil geschätzt. Die Zeitgenossen wussten Böttgers Bedeutung zu würdigen, denn das Porzellan war die Kunstinnovation schlechthin im 18. Jahrhundert. © Metz, Heidelberg

Da das „weiße Gold“ nach wenigen Jahren das Böttgersteinzeug verdrängte, sind die rot belassenen oder schwarz glasierten Stücke rar am Markt. Darum ist es bemerkenswert, dass bei Metz in Heidelberg jetzt gleich 28 Objekte als Teil einer norddeutschen Sammlung zum Aufruf kommen. In Fachkreisen ist die Kollektion nicht unbekannt, denn sie wurde 1993 / 94 unter dem Titel „Early Meissen Porcelain“ in Lübeck und Aachen ausgestellt sowie in einem Katalog publiziert. Zudem wurden Teile in der Zeitschrift Keramos wissenschaftlich aufgearbeitet.

Alle Böttgersteinzeug-Stücke der Sammlung sind in die Zeit zwischen 1710 und 1712 datiert. Wie gut sich die Oberfläche des „roten Goldes“ polieren lässt, zeigt ein auf 25.000 Euro taxierter Walzenkrug mit Sockel und Reliefdeckel aus vergoldetem Silber. Spiegelglatte Bahnen wechseln sich reizvoll mit mattem Rautenmuster ab. Was der harte Werkstoff erlaubt, illustriert auch eine Teekanne, die man nach dem Brand wie ein Edelstein mit Facetten schliff (Taxe 28.000 Euro). Auf 36.000 Euro ist eine Reliefplakette mit Böttgers Profil geschätzt. Die Zeitgenossen wussten Böttgers Bedeutung zu würdigen, denn das Porzellan war die Kunstinnovation schlechthin im 18. Jahrhundert.

Kanne Böttgersteinzeug Metz
Besonders schön zeugt eine Kanne in der sogenannten „türkischen Form“ von Johann Jacob Irmingers Erfindungsgabe. Sie ist auf 24.000 Euro taxiert. © Metz, Heidelberg

Eine zentrale Rolle für die rasche künstlerische Entwicklung der Manufaktur spielte Johann Jacob Irminger. Seit 1687 Hofjuwelier in Dresden, holte ihn Böttger nach Meissen, wo er Kannen, Teedosen, Schalen und andere Formen entwarf, die in Böttgersteinzeug und auch im weißen Porzellan ausgeführt wurden. Charakteristisch für ihn sind Akanthusdekorationen und Gesichtsmasken (Maskaronen). Ein Meisterstück ist eine Teekanne mit einer Maske unter dem Ausguss und einer Silbermontierung, zu der auch eine Kette zur Sicherung des Deckels gehört (Taxe 45.000 Euro). Besonders schön zeugt eine Kanne in der „türkischen Form“ (Taxe 24.000 Euro) von Irmingers Erfindungsgabe. Ihr Deckel ähnelt einem Turban, der Korpus entfernt an ein rundes Zelt. Eine Teedose wurde bei Irminger zur raffiniert ein- und ausschwellenden Skulptur. Auf der schwarzen Glasur sorgt eine Kaltgoldbemalung für zusätzliche Eleganz, wofür man sich 25.000 Euro erwartet. Nicht minder effektvoll ist eine sechseckige Teedose, deren rote Flächen mit asiatisch anmutenden Goldreliefs aus Sträuchern und Vögeln besetzt ist (Taxe 20.000 Euro).

Als Spitzenlos zieht ein Pokal in Bann, mit dem Irminger eine klassische Form der Goldschmiedekunst in das neue Material überführte. Mindestens 65.000 Euro soll das Stück bringen, gefolgt von einer nur 3,1 Zentimeter hohen Kuriosität: ein keramisches Zylinderetui mit Silberfassung, darin drei Fingerhüte, ebenfalls aus Böttgersteinzeug. So etwas war noch nie am Markt, da wird es spannend zu sehen, wie die taxierten 60.000 Euro die Sammlerbegierde widerspiegelt. Ebenso spektakulär, weil selten ist das dünne Rauchutensil, dass der Meissener Pfeifenmacher Johann Müller in dem neuen Material herstellte. Nur zwei weitere Exemplare sind bekannt, da sind die erwarteten 40.000 Euro keine Fantasievorstellung. Bleibt zu erwähnen, dass sich auch einige schöne Stücke mit ihren Schätzpreisen im vierstelligen Bereich bewegen.

Teedose Böttgersteinzeug Metz
Für die Teedose mit schwarzer Glasur und Kaltgoldbemalung werden 25.000 Euro erwartet. © Metz, Heidelberg

Die Böttgersteinzeug-Sammlung soll nicht davon ablenken, dass „klassisches“ Porzellan des 18. Jahrhunderts wie immer bei der Oktoberauktion von Metz das Feld der 246 Lose dominiert. Hier ist einmal mehr ein beeindruckendes Angebot ausgebreitet, darunter ein seltenes Meissener Schachbrett (Taxe 25.000 Euro), zwei Prunkteller aus dem „Schwanenservice“ (10.000 und 28.000 Euro) oder ein aufwendiges Frankenthaler Frühstücksservice (36.000 Euro). Einige hochkarätige Möbel des Rokoko und Klassizismus bilden den Auftakt der Auktion.

Service

Auktion

Metz, Heidelberg,

Auktion 8. Oktober,

Besichtigung 4. bis 7. Oktober

metz-auktion.de

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