Christo und Jeanne-Claude bei Sotheby’s

Kunstgeschichte, ausgepackt

Sotheby’s versteigert in Paris die Kunstsammlung von Christo und Jeanne-Claude. Sie vereint Werke ihrer Künstlerfreunde aus den frühen Sixties und erzählt von den Avantgardebewegungen dieser Zeit

Von Tim Ackermann
15.02.2021
/ Erschienen in WELTKUNST Nr. 181

Auf dem Foto sieht es so aus, als sei Christo nur mal kurz weggegangen. In seinem Studio im fünften Stock eines umgebauten Fabrikgebäudes im New Yorker Stadtteil SoHo liegen immer noch Lineal, Bleistift und Tesafilm verstreut auf der Arbeitsplatte. Daneben sind Skizzen für die geplante Verhüllung des Pariser Triumphbogens im September dieses Jahres zu sehen. Andere Fotos zeigen die Wohnung des Künstlerpaars Christo und Jeanne-Claude im vierten Stockwerk mit Wänden voller Bilder. Zwischen Wohnbereich und Küche hängt eine kleine geschlitzte Leinwand von Lucio Fontana Kante an Kante mit Andy Warhols Siebdruck „Jackie“. Ein spannendes Duo: Warhol, der Meister der Oberfläche, begegnet Fontana, der diese auf der Suche nach dem Raum dahinter mit dem Messer durchstieß. Und dann als Dritter Christo. Dessen Kunst beides betonte – das verhüllende Tuch und das, was sich darunter verbirgt.

Lucio Fontana Sotheby's Christo
Lucio Fontanas „Concetto Spaziale, Attesa“ aus dem Jahr 1963 wird bei Sotheby's auf 300.000 bis 500.000 Euro taxiert. © Sotheby’s/ArtDigital Studio

Der Satz, dass ein Auktionshaus ein Kapitel Kunstgeschichte versteigert, sagt sich schnell. In diesem Fall stimmt er aber tatsächlich. Denn was im Februar bei Sotheby’s in Paris zum Aufruf kommt, ist nichts Geringeres als die Kunstsammlung von Christo und Jeanne-Claude. Sie starb 2009, er im Mai vergangenen Jahres, und gemäß seinem Testament werden die Werke nun zugunsten der Familie versteigert. 400 Lose werden es sein. Auch ein paar Christo-Werke steuert der Nachlass bei: eine „Store Front“ von 1964; ein verschnürtes „Package“ aus den Jahren davor in Paris. Und natürlich mehrere seiner Vorbereitungszeichnungen für die legendären gemeinsamen Verhüllungsprojekte mit ­Jeanne-Claude im öffentlichen Raum.

Den Großteil der Auktionsofferte machen jedoch Werke von Freunden und Kollegen aus. Viele dieser Arbeiten stammen aus den späten Fünfzigerjahren sowie Sechzigerjahren, als Christo und Jeanne-Claude Teil eines breit gespannten Netzwerks avantgardistischer Künstler waren. Als Erster unter vielen ist Yves Klein zu nennen. Anders als dieser unterschrieb Christo 1960 nicht das Manifest der „Nouveaux Réalistes“, doch stand er in Paris in enger Verbindung mit der Gruppe. Spätestens nachdem er das Hochzeitsbild von Klein und seiner Frau Rotraut Uecker gemalt hatte (bis 1958 hatte Christo sein Geld als Porträtist verdient), waren die beiden Künstler befreundet. Klein machte mit „Antropométrie“-Gemälden auf sich aufmerksam, bei denen Aktmodelle ihren mit blauer Farbe bestrichenen Körper auf Papier abdrückten. Wohl in Anspielung daran verpackte Christo 1962 im Wohnzimmer von Klein eine nackte Frau. Zudem tauschten die beiden Werke: Für eines seiner „Packages“ bekam Christo von Klein die kleine, vollständig blaue Leinwand „Blue Monochrome (IKB 19)“ von 1958, deren Wert Sotheby’s nun auf mindestens 200 000 Euro schätzt.

Christo Sotheby's Gerrit Rietveld
Viele Werke sind persönlich gewidmet, etwa Gerrit Rietvelds „Hoge Stoel“. © ArtDigital Studio/Sotheby’s/VG Bild-Kunst, Bonn 2021

Bei zahlreichen Werken in der Auktion illustrieren Widmungen diese Freundschaftsverbindungen. Lucio Fontanas Bild „Concetto Spaziale, Attesa“ (1963), das durch die unbemalte Leinwand rau und intensiv wirkt (Taxe 300 000 bis 500 000 Euro), ist auf der Rückseite Jeanne-Claude gewidmet. „Christo ließ gern die Bemerkung fallen, dass Fontana Jeanne-Claude sehr mochte“, erzählt Lorenza Giovanelli, Managerin von Christos Studio. „Er beschrieb Fontana als einen echten Charmeur und als den elegantesten Künstler, den er je gesehen hatte, weil er stets im Anzug arbeitete.“ Die drei begegnen sich erstmals im Juni 1963 bei der Eröffnung der Schau „I pacchi di Christo“ in der Mailänder Galerie Apollinaire (die auch Marcel Duchamp besuchte). Christo und Jeanne-Claude­ waren 28 Jahre alt, Fontana bereits 64. Aber er hatte ein Gespür für jüngere Künstler und schon Jahre zuvor zwei von Christos „Wrapped Cans“ gekauft. Man traf sich nun mehrfach in seinem Atelier. Bei einem durfte sich Jeanne-Claude ein Bild aussuchen.

Das „Concetto Spaziale, Attesa“ trat ein Jahr später die Reise nach New York an. Auf einem alten Foto hängt es an einer Wand des Chelsea Hotels in der 23rd Street und bietet einen maximalen Kontrast zum plüschigen Ambiente der legendären Künstlerherberge. Unter dem Bild steht das einzige Möbel, das das Künstlerpaar aus Europa mitnahm – der „Hoge Stoel“ von Gerrit Rietveld. Mit seiner radikal modernen Ästhetik war der Sessel zeitlebens ein Lieblingsstück von Christo, das er für ein Kunstwerk in einem Tausch mit dem niederländischen Sammler Martin Visser erhalten hatte. Da dieser beste Beziehungen hatte, wurde das Original von 1919 nachträglich von seinem Schöpfer mit einer Inschrift signiert: „Chair 1919 to Mr. Christo, December 1963“. Der Schätzpreis beträgt nun 80.000 bis 120.000 Euro.

Christo Sotheby's Claes Oldenburg
„Bacon and Egg, Ice Cream and Beef Steak“ (1929) tauschte Claes Oldenburg gegen ein Christo-Werk ein. © ArtDigital Studio/Sotheby’s

Im Chelsea Hotel lebten damals auch die befreundeten Künstler Daniel Spoerri und Claes Oldenburg. Letzterer sorgte dafür, dass Christo und Jeanne-Claude sein Studio übernahmen, ebenjenes Fabrikgebäude, in dem sie dann ab 1964 lebten. Aus den Resten abgerissener Häuser baute Christo dort seine „Store Front“-Werke. Kaum verwunderlich, dass diese Oldenburg gefielen, hatte er doch 1961 in seiner Pop-Art-Schau „The Store“ einen Laden mit Gipsskulpturen von Nahrungsmitteln gefüllt. Also bekam Oldenburg eine frühe „Store Front“ im Austausch für das mit der Widmung „to Christo from Claes“ versehene Skulpturenduo „Bacon and Egg, Ice Cream and Beef Steak“ (geschätzt auf 40.000 bis 60.000 Euro). Nur mit Warhol gab es keinen engeren Kontakt, wie Studiomanagerin Giovanelli erzählt. Die „Jackie“ (Taxe 800.000 bis 1,2 Millionen Euro) erhielten sie von einem befreundeten Sammler und Kritiker. Und Jeanne-Claude ersteigerte aus Warhols Keksdosen-Sammlung zwei Exemplare in Form einer Laterne und einer Staude Bananen. Den Dosen wies sie einen Ehrenplatz zu. Auf dem Kühlschrank, ganz in der Nähe der „Jackie“.

Service

AUKTION

Unwrapped: The Hidden World of Christo and Jeanne-Claude, Part 1

Sotheby’s Paris

Live-Auktion am 17. Februar 2021

Online Auktion 8. bis 18. Februar 2021

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