Chinesische Keramik

Ein schimmernder Mythos

Sensationsfund: In der Porzellansammlung in Dresden wurde bei der Katalogisierung eine der seltenen Ru-Keramiken entdeckt

Von Sebastian Preuss
13.02.2021

Die Schale ist nicht sehr tief und hat nur einen Durchmesser von 13 Zentimeter. Ein kleines, auf den ersten Blick für viele eher unscheinbares Objekt im Besitz der Porzellansammlung der Staatlichen Kunstsammlungen in Dresden, das man dort bislang als koreanisch eingeordnet hat. Aber dass sich die Schale jetzt als ein Stück der seltenen Ru-Keramik herausgestellt hat, wird großen Nachhall in der Welt der internationalen Kenner finden wird. Vor allem in China selbst, wo die „Ru Ware“ (so der englische Begriff) als Mythos und als Höhepunkt der langen und reichen Keramikgeschichte im Reich der Mitte verehrt wird. Das letzte Ru-Stück, das auf den Markt kam, ließ sich 2017 ein chinesischer Sammler bei Sotheby’s mit Aufgeld 37,7 Millionen Dollar kosten – die teuerste Keramik, die es je gab.

Es ereignet sich  immer wieder mal, dass Museen die wahre Bedeutung eines Werks entdecken, dem man zuvor keine große Beachtung geschenkt hatte. Oft geschieht es während einer systematischen Neusichtung des Bestands. So auch in der Dresdner Porzellansammlung, wo man seit 2014 – unter Beteiligung von internationalen Expertinnen und Experten – am digitalen Bestandskatalog arbeitet. Mitarbeiter des Palastmuseums in Peking äußerten schon 2018 bei einem Besuch die Vermutung, dass es sich bei der hellgrünen Schale mit ihrem zarten Craqulée um ein Ru-Zeugnis handeln könnte. Anfang 2020 bekam Regina Krahl, eine führende Spezialistin für chinesische Keramik, das Stück erstmals zu sehen. Sie war sofort begeistert von der schlichten, klaren Eleganz und der sanft schimmernden Glasur im Ru-typischen Hellblau-Hellgrün-Ton. Krahl begann sich intensiv mit der Schale zu beschäftigen, die sich wahrscheinlich zum Waschen von Pinseln diente. Jetzt verkündete man in Dresden stolz ihre Einschätzung.

Ru-Keramik Dresden Porzellansammlung
Die jahrzehntelang als koreanisch betrachtete Schale hat sich jetzt als eines der kostbaren Ru-Exemplare aus der Zeit der Nördlichen Song-Dynastie erwiesen, um 1100. © Staatliche Kunstsammlung Dresden

Die Ru-Keramik entstand in der Zeit der Nördlichen Song-Dynastie (960–1127). Sie war allein dem Kaiserhaus vorbehalten und wurde in einem der fünf berühmten kaiserlichen Brennöfen in der Provinz Henan gefertigt. Und zwar nur während einer kurzen Periode um 1100. „Da Invasoren wenig später die Song-Dynastie in den Süden Chinas vertrieben, wurden die Ru-Keramiken schon unmittelbar nach ihrer Entstehung zu einem mythisch aufgeladenen Andenken an die eine idealisierte verlorene Vergangenheit“, sagt Julia Weber, die Direktorin der Porzellansammlung. Dass sich jetzt in ihrem Haus eine der „sagenumwobenen“ Keramiken befindet, ist für sie „eine echte Sensation“. Weniger als 100 Stücke sind weltweit bekannt, die meisten von ihnen in Museen. Darum wird die Fachwelt jetzt nach Dresden pilgern.

Regina Krahl schwärmt von der Beschaffenheit der Schale: „Ein Ru-Stück jetzt auch in einem deutschen Museum zu finden, erhöht die Bedeutung der hiesigen chinesischen Sammlungen insgesamt; besonders erfreulich ist es aber, dass das Dresdner Ru-Schälchen ein außergewöhnlich guter Vertreter seiner Gattung ist, qualitativ unter Ru-Keramiken ganz oben anzusiedeln.“