Auktionen

Auktionen der Woche: Berlin, deine Bilder!

Auf unserer Watchlist für diese Woche: von Franz Skarbinas Großstadtimpression beim Auktionshaus Peter Karbstein bis zu Neo Rauchs Rätselkunst bei Grisebach

Von Weltkunst Redaktion
06.07.2020

Für die Papierarbeit „untitled (PG-0063)“ aus dem Jahr 1978 von Kenneth Noland erwartet Karbstein einen Zuschlag über 3500 Euro (© Karbstein)
Für die Papierarbeit „untitled (PG-0063)“ aus dem Jahr 1978 von Kenneth Noland erwartet Karbstein einen Zuschlag über 3500 Euro (© Karbstein)

Berlin im Winter

Wer sich an Max Liebermanns sonnendurchfluteten Wannseeufergärten und Lesser Urys düsteren Gaslampenboulevards einfach sattgesehen hat, der sollte auf eine dritte Option umsteigen: Franz Skarbina trifft mit seinen Impressionen eine ausgewogene Stimmung zwischen den Extremen. So auch in der „Berliner Straßenszene“, die am 11. Juli bei der 137. Auktion von Karbstein in Düsseldorf versteigert wird. Schillernde Eisflächen lassen winterliche Kälte greifbar werden, während das warme Sonnenlicht auf den Fassaden schon den nahenden Frühling andeutet. Auch sonst hat das Bild alles, was man sich von einer Großstadtimpression verspricht: Gründerzeitbauten und elektrische Eisenbahn, drängelnde Hektik und gemessenes Spazierengehen, eine feine Dame und einen Ranzenträger, der vermutlich einer Straßenverkaufstätigkeit nachgeht. Obwohl Franz Skarbina wie Liebermann und Ury Teil der Berliner Secession war – er gehörte zu ihren Mitbegründern – kosten seine Werke nur einen Bruchteil des Preises, den seine berühmteren Kollegen erzielen. Die von der Skarbina-Expertin Miriam-Esther Owesle in die Zeit um 1900 eingestufte „Berliner Straßenszene“ wird von Karbstein auf 8000 bis 10.000 Euro geschätzt. Ebenfalls sehr farbstimmungsvoll, wenn auch ungleich moderner, ist eine abstrakte unbetitelte Arbeit von Kenneth Noland von 1978. Der amerikanische Farbfeldmaler hat sie nicht im eigentlichen Sinne „gemalt“, sondern mit eingefärbten Papierelementen komponiert (Taxe 3500 bis 4500 Euro).

Auf wenigstens 80.000 Euro taxiert Grisebach das frühe Neo-Rauch-Rätselbild „Leitung“ aus dem Jahre 1997 (© Grisebach/VG Bildkunst, Bonn 2020)

Neo Rauch und Albrecht Dürer

Die Drähte an den Masten sind gekappt. Der unbekannte Kabelträger steigt über ein ebensolches. Steht er metaphorisch auf der titelgebenden »Leitung« – oder soll die an eine Staffelei erinnernde Baumsilhouette nach wie vor intakte Kontakte zur Kreativität symbolisieren? So ganz kann man sich bei Neo Rauch nie sicher sein. Grisebach bietet in seiner Versteigerung ausgewählter Werke am 9. Juli in Berlin das kleine Paradebeispiel eines frühen Rätselbilds (Entstehungsjahr 1997) des Leipzigers zur relativ moderaten Taxe von 80.000 bis 120.000 Euro an. Ein geistiger Urahn von Neo Rauch hieß Albrecht Dürer. Der Nürnberger Meister erfand 1514 mit seinem Kupferstich »Melencolia I« gewissermaßen das Rätselbild für die deutsche Renaissance. Ein Abzug, der noch zu Lebzeiten Dürers entstand, wird jetzt ebenfalls zum Schätzpreis von 80.000 bis 120.000 Euro offeriert. Das wird lustig zu sehen, wer am Ende besser dasteht.

So elegant wie filigran wirkt der vor 1923 entstandene Messingluster von Josef Hoffmann, den das Dorotheum zur Taxe von 20.000 Euro anbietet (© Dorotheum)

Strahlkraft der Wiener Moderne

War Wien jemals glanzvoller als in den frühen Dekaden des 20. Jahrhunderts? Man will es bezweifeln, wenn man den sechsarmigen Messingluster von Josef Hoffmann sieht, dessen Arme nach vollendet ausgeführtem Schwung in umgedrehten Tulpenblüten enden. Mit seiner Eleganz und Zartheit verweist er jeden protzigen Kronleuchter in den Schatten. Hoffmann schuf den Luster definitiv vor 1923 für die Wiener Werkstätte. Wer jetzt am 9. Juli im Wiener Dorotheum bei der Auktion mit Jugendstil und angewandter Kunst des 20. Jahrhunderts geschätzte 20.000 bis 30.000 Euro investiert, sollte nochmal einen Elektriker auf die historischen Kabel schauen lassen. Dann allerdings wird die bürgerliche Altbauwohnung zum Palast der Moderne. 

Lotte Profohs bemerkenswertes Eigenporträt „Lotte Selbst“ aus den Sechzigerjahren wird bei Ressler zum Preis von 2000 Euro aufgerufen (© Ressler)

Powerfrau und Zeichnerin

Wo bleibt die Gendergerechtigkeit? Vom Maler Herbert Brandl, der einstmals als „Junger Wilder“ angepriesen wurde, versteigert Ressler bei seiner Kunstauktion am 13. Juli in Wien gleich zwölf Werke (Rufpreise 2000 Euro bis 12.000 Euro) – von der wunderbaren Malerin und Grafikerin Lotte Profohs dagegen nur zwei. Die 2012 verstorbene Künstlerin die zahlreiche Zeichnungen mit sozialkritischem Hintergrund schuf, harrt noch der Entdeckung. Ihre Absicht war, so sagte sie einmal, „Frauen in ihren Nöten und in ihrer Existenz sichtbar zu machen“. Ressler bietet zwei Tuschezeichnungen an. Eine zeigt ein Selbstporträt, entstanden in den Sechzigerjahren, eines eine Nachtclubtänzerin aus der Dekade darauf. Der Rufpreis liegt bei jeweils 2000 Euro.

Feuervergoldete Bronzependule, 19. Jahrhundert (© Nagel)
Die feuervergoldete Bronzependule, geschaffen im 19. Jahrhundert in Paris, schätzt Nagel nun auf 8000 Euro (© Nagel)

Kreislauf der Zeit

Durch die Auswirkungen der Corona-Krise ist das Traditionsunternehmen Nagel Auktionen kurz vor dem 100. Geburtstag in eine wirtschaftliche Schieflage geraten. Das Amtsgericht Stuttgart hat im Juni dem Antrag auf ein Sanierungsverfahren in Eigenverwaltung zugestimmt. Die anstehenden Auktionen werden also wie geplant durchgeführt. So versteigert Nagel am 8. Juli alte Kunst, Antiquitäten und Schmuck, am 9. Juli Moderne und zeitgenössische Kunst und am 10. Juli Asiatika. Eine französische Pendule aus dem 19. Jahrhundert, taxiert auf 8000 Euro, gehört zu den Highlights am ersten Auktionstag. Markant ist das Fehlen eines konventionellen Zifferblatts. Die Minuten und Stunden werden stattdessen von zwei rotierenden Emailringen, sogenannten Cercles Tournants, angezeigt. So steht die künstlerische Gestaltung des Gehäuses im Vordergrund, die Technik ordnet sich unter.