Vittore Carpaccios „Der Traum der Heiligen Ursula“ ist das Lieblingsgemälde unserer Venedig-Korrespondentin Petra Schaefer. Nun tritt es in der Gallerie dellʼAccademia in Dialog mit Skulpturen von Leiko Ikemura. Ein Gespräch über die Kraft der Transformation und fantastische Wesen aus Glas
ShareDie Gallerie dellʼAccademia in Venedig beherbergt die weltweit bedeutendste Sammlung venezianischer Malerei des 16. bis 18. Jahrhunderts, darunter auch „Der Traum der Heiligen Ursula“ von Vittore Carpaccio aus dem Jahr 1495. Dieses „Telero“ wurde kürzlich zusammen mit den anderen Gemälden des narrativen Zyklus, der die Welt um 1500 evoziert, umfassend restauriert. Anlässlich seiner Rückkehr präsentiert die japanisch-schweizerische Künstlerin Leiko Ikemura nun ihre Ausstellung „TransLucent – The Form of Light“.
Ihre Glasarbeiten sind in verschiedenen Räumen des Museums zu sehen, wobei besonders die Gegenüberstellung von Büsten und liegenden Köpfen mit der schlafenden Ursula überzeugt. Mit ihrer durchscheinenden, matten Materialität und den Pastelltönen Mintgrün, Hellblau und Kanariengelb fügen sich Ikemuras Geschöpfe zurückhaltend in Carpaccios Bilderzählung ein – der gemalte Raum scheint sich dabei in den musealen Raum zu erweitern.
Jeder Werkstoff, mit dem ich arbeite, hat besondere Eigenschaften. Bei der Entstehung meiner Glasobjekte interessiert mich vor allem die Verwandlung des Materials. Ich nutze meist die Gussglas-Technik, bei der Glas in eine Negativ-Form gegossen wird. Das Faszinierende daran ist nicht nur die Formänderung, sondern vielmehr die an Alchemie erinnernde Transformation der Materie in einen Lichtkörper.
Ja, diese Kollaboration war für mich ein Abenteuer, denn die Arbeit mit dem Unkontrollierbaren verlangte eine schnellere Reaktion. Im engen Austausch mit den Glasmeistern zu stehen, die mir aufgrund ihrer Expertise wie Magier erschienen, war wichtig für dieses Projekt. In Bezug auf die Freihand-Technik sehe ich viele Möglichkeiten, die ich auch in Zukunft weiter erforschen möchte. Dem Prozess zu vertrauen und Ungeplantes auszuhalten, fällt mir zum Teil noch schwer.
Natürlich ist meine Installation eine Hommage an Palladios Patio mit seiner strengen Anordnung und den schönen Proportionen. Die Gegensätzlichkeit funktioniert hier deshalb so gut, weil meine Arbeiten Elemente der Umgebung aufgreifen. Das zeigt sich beispielhaft an den amorph-hybriden Büsten, welche auf die autoritären Männerbüsten der ihnen gegenüberliegenden Wand anspielen. Die Objekte befinden sich draußen direkt vor den Fenstern und schaffen so einen Dialog mit den Zuschauern. Dieser entsteht auf verschiedenen Ebenen, denn die Büsten fügen sich zwar durch ihre Vielzahl und Wiederholungen in den Rhythmus der Architektur ein, sorgen aber dennoch für eine subtile Veränderung und brechen mit eben jener.
Das Ganze ist so organisch, dass ich die Arbeit meines Mannes nicht getrennt von meiner eigenen betrachten kann. Es gibt also keine eindeutigen Aufgabenstellungen und auch die Raumgestaltung planen wir letztlich zusammen. Er entdeckt dann manchmal etwas, was ich zuvor nicht gesehen habe und auch ich schlüpfe manchmal in die Rolle der verborgenen Architektin. Wir sind ein Team, zu dem auch unser Mitarbeiter Stefano Tiracchia wertvolle Arbeit beiträgt. Alles wird sorgfältig im gemeinsamen Atelier geplant, sodass wunderbare Analogien wie jene zwischen der historischen Architektur des Gebäudes im Stil von Palladio oder Scarpa und meiner modernen Kunst entstehen können.
Ja! Es ist ein besonderer Ort und ich habe die Geschichten und Seelen vieler Wesen gespürt. Es war mir eine Freude, mit ihnen in den Dialog zu treten, sie gehören für mich nicht der Vergangenheit an, sondern sind noch ganz lebendig. So ist auch die venezianische Malerei zu meiner Meisterin geworden, ich lernte in ihren Farben zu denken und zu fühlen. Während des Aufbaus stand ich einmal ganz allein in Carpaccios Raum. Das war ein Geschenk, so innig und mittendrin zu sein, ganz Teil dieser fabelhaften Welt.
Ich begreife diese Skulpturen weniger als klassische Bildhauerin, eher wie eine Malerin, die mit Licht und Raum arbeitet. Meine plastische Herangehensweise entspringt der Faszination für das Zusammenspiel von Material und Licht; wie der eigentliche Hohlraum zum Leuchtkörper wird. Das physische Glas kann dann durch die immaterielle Energie des Lichtes transzendieren.
„TransLucent — The Form of Light“
Gallerie dell’Accademia di Venezia
bis 22. November 2026