Zur Eröffnung ihrer Schau im C/O Berlin führte die Künstlerin Carrie Mae Weems durch ihre emotionalen Foto- und Videoarbeiten, die über 50 Jahre ihrer kreativen Praxis festhalten
Share„Jeden Morgen nach dem Aufwachen gehen wir zum Küchentisch. Dort beginnt der Tag“, erzählt uns Carrie Mae Weems, als wir gemeinsam ihre „Kitchen Table Series“ betrachten. Die aus 20 Fotografien mit dazugehörigen Textabschnitten bestehende Arbeit aus den Jahren 1989 bis 1990, zeigt den Tisch in der Küche als Zentrum des menschlichen Alltags. Durch die gesamte Serie leitet das identische Setting des Möbelstücks: Ein einfacher Holztisch mit drei Stühlen, platziert in einem kleinen Zimmer. Eine Deckenlampe taucht die Szenerien in dramatisches Licht. Weems selbst ist die Protagonistin ihrer Bilder, gemeinsam mit Begleiterinnen und Begleitern, die ihre Lebensabschnitte prägten, tritt sie in den Fotografien auf – sitzend oder stehend am Küchentisch.
Die Geschichte der „Kitchen Table Series“ beginnt mit Weems als junge Erwachsene. Die Künstlerin beschreibt ihre erste romantische Beziehung und bildet gemeinsame Abende und Gespräche des glücklichen Paares ab. Die Zeit vergeht und aus der glücklichen Vorstellung einer gemeinsamen Zukunft wird Alltag: Der Küchentisch sieht Mann und Frau nebeneinanderher leben. Um die Tischplatte herum versammeln sich schließlich ihre Mutter und ihre Freundinnen, denen Weems von ihren Beziehungsproblemen erzählt. Vier Fotografien zeigen emotionale Szenen zwischen Tränen und Fürsorge, Resignation und gemeinsamem Gelächter. Im Alter von nur 16 Jahren brachte Weems ihre einzige Tochter Faith zur Welt. Auch die ambivalente Beziehung zur eigenen Mutterschaft bildet die Künstlerin in den Bildern der „Kitchen Table Series“ ab. Auf die dramatische Trennung von ihrem Mann folgt im letzten Abschnitt der fotografischen Serie ein Selbstfindungsprozess: Die inzwischen sehr erfolgreiche Künstlerin inszeniert sich allein am Tisch, standhaft, selbstbewusst und zufrieden. Sie schreibt, „mit 38 begann sie die Fülle ihres weiblichen Selbst wiederzufinden.“
Die Ausstellung „The Heart of the Matter“, ein Projekt der Gallerie d’Italia in Turin und Aperture in New York, ist bis zum 3. Februar 2027 im C/O Berlin zu sehen. Bei der Eröffnung führte Protagonistin Carrie Mae Weems gemeinsam mit der Kuratorin der Ausstellung, Sarah Hermanson Meister, durch die Schauräume. Deutlich wird: Die Werke erzählen Weems intimste Geschichte oder – in den Worten der Künstlerin – die „Ups and Downs“ ihres Lebens.
Geboren wurde Carrie Mae Weems 1953 in Portland, Oregon. Ihre erste Kamera war ein Geschenk ihres Exfreundes, das ihr Interesse für Dokumentarfotografie weckte. Die daraus entstandene Passion für Lichtbilder führte sie später an die University of California in San Diego, wo sie sich für Folklore Studies und Literatur einschrieb. Ihr erstes großes kreativ-wissenschaftliche Projekt realisierte die Künstlerin mit ihrer Masterarbeit. Für „Family Pictures and Stories“ arbeitete Weems von 1978 bis 1984 die eigene Familienhistorie auf und inszenierte ihre Angehörigen fotografisch und literarisch: Ihre Mutter kämmt die Haare eines ihrer Kinder, ihre Großeltern dösen auf Gartenstühlen, eine schwarze Community wird beim gemeinsamen Singen porträtiert. Die Fotografien zeigen alltägliche Szenen aus dem Umfeld der Künstlerin, teilweise mit autobiografischen Texten versehen. Ganz bewusst beginnt Weems ihre Ausstellung mit dieser intimen Arbeit: „Fotografien erlauben uns, fundamentale Fragen zu stellen, zur eigenen Historie, zur Rolle der eigenen Familie und des persönlichen Umfeldes. Sie helfen uns dabei, uns zu erinnern und unsere Fantasie anzuregen“. Die Künstlerin spricht von einer „Erhabenheit der Fotografie“, ihrer Fähigkeit, etwas beim Betrachtenden auszulösen, Gefühle zu erwecken und unsere eigene Geschichte zu schreiben. „Wir wollen schreien, glücklich sein, traurig sein und uns einen Weg durch die schwierigen Zeiten des Lebens bahnen“, ergänzt die Kuratorin. „Letztlich erzählen Carries Arbeiten vom Menschsein.“
Für ihr künstlerisches Œuvre wurde Weems vielfach ausgezeichnet. 2024 erhielt sie die „National Medal of Arts“, die höchste US-amerikanische Auszeichnung für Künstlerinnen und Künstler. Ihre Werke sind unter anderem im Museum of Modern Art und im Metropolitan Museum of Art in New York, im Museum of Contemporary Art in Los Angeles sowie in der Tate Modern in London – und somit in einigen der weltweit bedeutendsten künstlerischen Sammlungen – vertreten.
Für „The Heart of the Matter“ treten Projekte aus den 1970ern und 80ern, die teilweise in Berlin fotografiert wurden, in den Dialog mit aktuellen Arbeiten. So werden werkinterne Beziehungen und übergeordnete Themen zu Tage gebracht. Im Zentrum steht Weems selbst. Früh gelang es der Künstlerin, die Aufmerksamkeit von Kunst und Gesellschaft auf den schwarzen weiblichen Körper zu lenken. In ihren Werken arbeitete die Künstlerin sehr stark mit der eigenen körperlichen Präsenz. Genauso wie sich die fotografische Szene veränderte, wandelten sich auch Weems Selbstdarstellungen im Laufe ihrer Schaffensjahrzehnte: „In der Ausstellung sehen wir ihre Figur in verschiedenen Inszenierungen, was sich verändert ist die Art und Weise wie sie sich präsentiert. Mal tritt sie direkt in Erscheinung, mal hört man ihre Stimme, mal erkennt man sie nur von hinten“, erläutert die Kuratorin Sarah Meister.
In „Leave Now!“, einem 2022 entstandenen Kurzfilm, der die tragische Lebensgeschichte ihres Großvaters Frank Weems aufarbeitet, stellt sich die Künstlerin die Frage: „Wo bist du Frank?“. Als Sprecherin leitet sie durch die Geschehnisse des Films und dokumentiert eine dramatische Flucht aus der Sklaverei in Arkansas bis nach Chicago: Nach einer blutigen Auseinandersetzung mit dem Ku-Klux-Klan muss Frank Weems in einer Nacht und Nebelaktion seine Heimat, Frau und Kinder zurücklassen. Geleitet von seinem „Nordstern“ – ein Begriff, mit dem Carrie Mae Weems in mehreren Arbeiten die innere Kraft und den Überlebenswillen ihres Großvaters beschreibt –, schlägt er sich bis in den Norden des Landes durch. Die Künstlerin arbeitet mit Zeitungsartikeln und Briefen von Franks Angehörigen, sowie mit ihrer erzählerischen Stimme, die den Schmerz und die Sorge in den Ausstellungsraum transportiert.
Ganz automatisch findet eine Identifizierung mit Carrie Mae Weems Werken und den Geschichten, die sie erzählen statt. Mit Bildern, Videos und Texten über Schwarze Lebensrealitäten in den USA, über gewöhnliche sowie traumatische Geschehnisse, über menschliche Gefühle und Erinnerungen verleiht Weems jenen Menschen eine Stimme, die lange keine hatten. Mit ihren persönlichen Motiven, die von Liebe, Freundschaft, Familie aber auch von Angst, Trauer und Wut berichten, zeigt die in New York lebende Künstlerin gesellschaftliche Strukturen auf, stellt sie in Frage und teilt ihre Emotionen mit dem Publikum.
Ihre Fotografien, Installationen und Videos verstehen sich deshalb sowohl als individuelle, als auch als kulturelle und gesellschaftliche Dokumentation. Die eigene Vergangenheit wird aufgearbeitet und gleichzeitig weiten die Werke den Blick in die Zukunft: Die Künstlerin lehrt die Besucherinnen und Besucher das alltägliche Leben und die liebsten Menschen im eigenen Umfeld wertzuschätzen, vermittelt Humanität und macht Hoffnung. Weems steht für sich selbst ein, als Künstlerin und Schwarze Frau, strahlt dieses Selbstbewusstsein mit ihren Arbeiten aus und gibt es weiter.
Carrie Mae Weems Ausstellung im C/O Berlin ist ein bewegendes Erlebnis. Die Werke und die Botschaften, die den Besucherinnen und Besuchern mit auf den Weg gegeben werden, bleiben noch lange nach dem Rundgang in Erinnerung und regen zu einem veränderten Blick auf das eigene alltägliche Leben an.