Georg Baselitz in Salzburg

Am Ende beinahe zart

Er war sein Leben lang eng mit Salzburg verbunden: Auf dem Mönchsberg, im Museum der Moderne, verabschiedet sich Georg Baselitz mit eindringlichen Arbeiten seines letzten Schaffensjahrzehnts, die von der Vergänglichkeit erzählen

Von Christa Sigg
17.08.2026
/ Erschienen in Weltkunst Nr. 257

Alles schwebt. Hände und Füße, Köpfe und ganze Körper, immer fragil, ja federleicht, um sich im nächsten Moment aufzulösen und in einen anderen, nicht mehr greifbaren Zustand hinüberzugleiten. Das Sterben, von dem diese Bilder raunen, hat man lange nicht so recht wahrhaben wollen. Wie auch. Georg Baselitz war doch dieser Titan von einem Künstler, energisch viril, hellwach und selbst im Rollstuhl ständig im Einsatz. Mit fast neunzig Jahren ist er noch täglich ins Atelier gefahren, das Malen wollte und konnte er nicht aufgeben.

Die Kräfte hatten zwar nachgelassen, aber da war diese Zuversicht, dieser Blick nach vorn. Und die neue Ausstellung in Salzburg gefiel ihm. Besser kann man seine jüngsten Gemälde nicht präsentieren, das hat er gleich gesehen. Der Titel „Baselitz jetzt“ klingt ohnehin wie eine Beschwörung des Seins – ich bin noch da, ihr könnt mit mir rechnen! Und tatsächlich war die Zusammenarbeit intensiv, das Aussuchen der Werke ein konstruktiver Prozess, erzählt Tina Teufel, die die Schau gemeinsam mit Direktor Harald Krejci kuratiert hat. Baselitz ließ es sich auch nicht nehmen, bei der Eröffnung persönlich auf dem Mönchsberg zu erscheinen.

Dass er dem Museum der Moderne an diesem letzten Märzabend spontan eine sehr außerordentliche Arbeit geschenkt hat, war eine dieser typischen großen Gesten, mit denen der 88-Jährige sein Publikum ganz bewusst überraschen wollte. Das Querschädlige, Widerborstige spielte dann keine Rolle mehr, und Baselitz konnte sein Umfeld sehr wohl vor den Kopf stoßen. Mit einem Halbsatz, einem harschen Nein. Aber nun hängt dieses Bild wie ein posthumes Leitmotiv im Entree der Ausstellung.

Eine Ausstellungsansicht aus dem Museum der Moderne mit Arbeiten von Georg Baselitz
Eine Ausstellungsansicht aus dem Museum der Moderne: Die in den vergangenen zehn Jahren geschaffenen Gemälde zeigen die ungebrochene Schaffenskraft des Wahl-Salzburgers Baselitz. © Herbert Rohrer/wildbild/Museum der Moderne Salzburg

„Weißes Bett“ von 2022 zeigt eine liegende nackte Männerfigur in Weiß, durchzogen von wenigen gelben Schlieren, die Beine angewinkelt, das Gesicht nach unten gewandt, alles auf tiefschwarzem Grund – und über dem Körper senkt sich ein weißes Tuch. Es füllt die gesamte obere Hälfte der Leinwand aus, und man weiß nicht so recht, ob es den Entblößten im Begriff ist zu verdecken oder sich wie ein schützender Baldachin über ihm ausbreitet. Doch egal, den Augen dieses Liegenden entgeht nichts.

Sie blicken zu Elke hinüber, dem wichtigsten Menschen in diesem langen Künstlerleben. Natürlich ist sie kopfüber dargestellt, was sonst, und sie scheint vor schwarzem Grund an einer angedeuteten Stange zu hängen. Die wird in der Umkehrung zur Sitzbank, auf der man mehr oder weniger behaglich den Abend mit dem Partner verbringen könnte. Doch der fehlt und ist durch „Das lila Tuch“ ersetzt. So lautet der Titel dieses eindringlichen Pendants zum „Weißen Bett“, dem sich eine Reihe Solofiguren und Paare vor dunklem Fond anschließen. Man kommt gar nicht auf die Idee, an etwas anderes als an Georg Baselitz und Elke Kretzschmar zu denken, und doch funktionieren diese zwei Meter hohen Tafeln auch ganz allgemein als Sinnbilder der Zerbrechlichkeit, des schleichenden Schwächerwerdens und der Vergänglichkeit.

Wer die kraftvoll pastosen Striche des Malers im Gedächtnis hat, die oft harten Gesten seines Personals und die groben Gesichter, ist verstört und zugleich betört von dieser Zurücknahme und mehr noch von dieser schonungslosen Offenheit. Wenn Joseph Beuys fordert „Zeige deine Wunde“, dann ist das die Antwort eines Kollegen, der weit über die Verletzung hinaus das Ende im Visier hat. Man könnte auch sagen, es ist die Lösung eines leidenschaftlichen Farb- und Formwerkers, der zu keiner Zeit von der Leinwand Abstand nahm, sie in den letzten Monaten sogar mit dem Rollstuhl umfahren und überfahren hat, um den adäquaten Ausdruck zu finden. Wenn es sein musste, mit verblüffenden Zutaten wie den Nylonstrümpfen.

Sie kleben wie die Beinschienen der Gladiatoren über den Andeutungen von Extremitäten und wandeln sich schließlich zu bizarren Prothesen. Der abstürzende Adler wird mit ihnen nichts anfangen können, wenn er auf den Boden knallt, während das tänzelnde Trio der „Nylonparade“ in seiner pastellfarbigen Zartheit immerhin gut auszumachende Arme und Beine bekommt. Wer weiß, wohin es geht und was man noch irgendwann brauchen wird?

Auf dem Bild von Georg Baselitz sieht man drei Figuren, die auf dem Kopf stehen, und echte Nylonstrümpfe über Arme und Beine geklebt haben
„Nylonparade“, ein Baselitz-Spätwerk von 2022 mit echten Nylonstrümpfen. © Georg Baselitz 2026, Foto: Jochen Littkeman

Selbst dieser Schwanengesang oder Schlussakkord ist bei Georg Baselitz nie ohne Humor. Sein Ikarus-Adler trägt aufgepappte Sonnengläser wie ein Bruchpilot aus dem Comic, den Aufprall muss er ja auch nicht sehen. Und um die manieristisch gezerrten und gedrehten Schädel funkeln freche bunte Pünktchen, die an Konfetti erinnern. Nur der Goldgrund, zu dem sich der Künstler schon in früheren Jahren und seit einer Dekade wieder häufiger hinreißen ließ, bringt etwas Erhabenes in diesen Abschied. Es gibt keinen Schatten und keinen Raum, die ausgemergelten Figuren drohen fast verschlungen zu werden vom „göttlichen Licht“.

In der Fondazione Cini in Venedig sind derzeit die vier Meter hohen Großversionen dieser schwebenden Heroen der Hinfälligkeit versammelt, und man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass da einer noch einmal die klassische Ikonografie bemüht und sei es nur in der ironischen Brechung. Gold ist nie Zufall, und Baselitz wusste selbst um die Details der Kunstgeschichte. Deshalb ist auch der Vergleich mit den frühen Zeichnungen so erhellend, zumal sie nun als Gegenpart im Rupertinum zu sehen sind.

Man kann sich das heute kaum noch vorstellen, aber dieser Maler, Bildhauer und Grafiker hat nahezu sieben Jahrzehnte lang die Kunstszene aufgemischt. Erst zum Entsetzen der Ostberliner Professoren, die ihn 1957 wegen „gesellschaftspolitischer Unreife“ von der Hochschule verwiesen. Dann ging es in den Westen der Stadt, wo die Galeriegänger bei Werner & Katz nicht nur vor seiner „Großen Nacht im Eimer“ Schnappatmung bekamen. Ein onanierendes Bürschchen war zu viel für den noch auf Gediegenes gedrillten Geschmack der frühen Sechzigerjahre. Die Beschlagnahmung durch die Staatsanwaltschaft ließ auch nicht lange auf sich warten.

Das sind die viel zitierten Skandale, die seither den Ruf des unbeugsamen Hans-Georg Kern bestimmen, der in dieser Zeit den Nachnamen tauscht und sich nach seiner Geburtsstadt Deutschbaselitz nennt. Zumindest zur Hälfte. Denn das Deutsche war ihm weniger geheuer, zu viel Blut-und-Boden-Brutalität mit der jüngsten Geschichte verbunden. Ein auch nur halbwegs kritischer Geist konnte das nicht übergehen.

Die Abstraktion war deshalb nie ein Thema, Georg Baselitz sah in ihr die Verdrängung der fatalen Vergangenheit und auf der anderen Seite die Selbsttäuschung einer Kriegsgeneration, die sich seiner Meinung nach der puren Ästhetik verschrieb. Dem konnte man nur mit erbarmungsloser, kruder Malerei begegnen, mit Helden, die an ihrem falschen Heldentum leiden, die havariert sind und deren zerlumpte Uniformen nicht einmal mehr für ein wärmendes Nachtlager taugen.

Unmengen Schwarz landen auf den Blättern, die erigierten Glieder wissen nicht wohin mit ihrer Lust, und die Köpfe gleichen Kanonenkugeln. Oder sind es doch Totenschädel, die jetzt im Spätwerk erneut auftauchen und ihre Ruhe finden? Nichts hat dieser Künstler je vergessen, „aber sich nie wiederholt“, betont sein Galerist Thaddaeus Ropac, „auch nicht, wenn Sammler unbedingt etwas aus einer früheren Phase genau so noch einmal haben wollten“.

Georg Baselitz und sein Salzburger Galerist Thaddaeus Ropac
Die Verbindung von Georg Baselitz zu seinem Salzburger Galeristen Thaddaeus Ropac wurde mit den Jahrzehnten immer enger – unten die beiden auf einer Aufnahme aus dem Jahr 2010. Courtesy Galerie Thaddaeus Ropac, London · Paris · Salzburg · Milan · Seoul

Selbst die Remix-Serie, in der manche ein Wiederauflegen bekannter Motive sahen, sei eine neue Beschäftigung mit den vertrauten Stoffen gewesen und hätte einen völlig anderen Charakter, erklärt Thaddaeus Ropac. Ihm war Baselitz schon früh aufgefallen, die Gestaltung des Deutschen Pavillons auf der Venedig-Biennale von 1980 hatte einen gewaltigen Eindruck hinterlassen, und als er dann 1983 mit Anfang zwanzig seine erste eigene Galerie in Salzburg eröffnen konnte, stand der Maler, der seit 1969 alles auf den Kopf stellte, weit oben auf der Wunschliste. 1984 gelang Ropac bereits eine erste Ausstellung, seit 1998 vertritt er den Künstler, der sich 2013 dann auch in Salzburg niederließ.

Man bringt die barocke Stadt nicht unbedingt mit einem sächsischen Sturkopf zusammen, der seine Fantasie vor allem aus dem Nonkonformen schöpft. Ganz gleich, wie der Kunstmarkt darauf reagiert. Die große Retrospektive auf dem Mönchsberg im Jahr 2009 hat sicher dazu beigetragen, dass ein besonderes Vertrauensverhältnis entstanden ist. Baselitz mochte aber auch die Festspiele und das aufgekratzte Treiben auf den Straßen und Plätzen. Dabei wurde sein persönlicher Musikgeschmack eher selten bedient. Neutönern wie Wolfgang Rihm oder Hans Werner Henze galt seine ganze Sympathie, die hörte Georg Baselitz auch zu Hause. Dass der durchaus musikaffine Künstler weder für eine Mozart- noch für eine Strauss-Oper die Bühne entworfen hat, kam also nicht von ungefähr.

Am Ende war es Igor Strawinskys „Geschichte vom Soldaten“, für die er sich erwärmen sollte. Der geradezu fieberhaft neugierige Komponist, der so brillant provozierte und bis ins hohe Alter dabei war, neue Formen zu entwickeln, muss Baselitz wie ein Bruder im Geiste vorgekommen sein. Die 1918 auf ein Minimum an Personal verdichtete Reflexion auf den Weltkrieg und die Verführbarkeit des Menschen war im Grunde ja auch sein Thema. Doch nicht für die große Festspielbühne, sondern fürs kleine Salzburger Marionettentheater entwarf Baselitz 2025 eine Reihe grotesker Puppen. Schön durften sie ja nicht sein, da blieb der Künstler ganz bei seiner Haltung. In ihrer extremen Reduktion und skelettartigen Anmutung waren die Marionetten freilich auch berührend. Sehr sogar. Insofern fügen sich diese an Fäden hängenden Figuren frappierend gut ins späte Œuvre.

Georg Baselitz wollte sich überhaupt wieder der Bildhauerei zuwenden, erinnert sich Thaddaeus Ropac an ihre letzten Gespräche. Und wer schaut schon auf seinen müde gewordenen Körper, wenn ihm noch so viele neue Ideen durch den Kopf jagen?

Service

INFOS ZUR AUSSTELLUNG

Museum der Moderne Salzburg, Mönchsberg: „Baselitz jetzt“, bis 18. Oktober;

Rupertinum Altstadt: „Baselitz Manifeste“, bis 4. Oktober

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