Was verspricht die Kunst in Salzburgs Festspielsommer? Charlotte Perriand, Ryan Gander, Florian Aschka und viele andere laden ein zu einem Ausflug in die Mozartstadt
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16.07.2026
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Erschienen in
Weltkunst Nr. 257
Die diesjährige Ausstellung der Internationalen Sommerakademie für bildende Kunst im Zwergelgartenpavillon gestaltet Curtis Talwst Santiago, der bereits zum dritten Mal einen Malerei-Kurs an der Sommerakademie unterrichtet. Die Schau verwandelt den Holzpavillon in eine konfessionslose Kapelle. Farbiges Vinyl auf den Oberlichtfenstern bricht das Licht im Raum. Einige Scheiben zeigen reine Farbfelder, andere sind mit collagierten Motiven von Tänzern in Bewegung sowie Symbolen aus der Tanzkultur überlagert. Reliefskulpturen und ein Altarbild verleihen dem Pavillon festen Charakter. Eine Klanginstallation des Musikers Greg Fox erfüllt den Raum tagsüber, an drei Nächten verwandelt er sich in eine Tanzfläche. Von Jook Joints bis hin zu BasementRaves haben Gemeinschaften stets verstanden, dass der Körper in Bewegung ein spiritueller Akt ist. Eine Installation, die Stille und Bewegung, Gebet und Feier vereint.
Charlotte Perriand gilt als eine der einflussreichsten Persönlichkeiten der Architektur- und Designgeschichte des 20. Jahrhunderts. Schon früh entwickelte sie eine eigenständige, minimalistische Formensprache. Sie verwendete neue, unübliche Materialien und kam dank Erfindungsreichtum und Esprit zu Lösungen, die ästhetisch, praktisch, funktional und auch noch bequem waren. Mit nur 24 Jahren begann sie im Studio von Le Corbusier und Pierre Jeanneret als Leiterin der Abteilung Inneneinrichtung zu arbeiten. Dort war sie für zahlreiche Möbel- und Interior-Projekte verantwortlich – viele davon zählen heute zu den Leitbildern des modernen Designs. Die erste große Retrospektive in Österreich schlägt mit 217 Werken, Fotografien, Studien und Dokumenten einen Bogen über Perriands gesamtes Schaffen, das Architektur, Design, Kunst und Fotografie umfasst.
In der ersten Sommerausstellung kombinieren Arbeiten von Florian Aschka & Larissa Kopp, Andy Kassier und Milena Wojhan Performance und Fotografie. Die Fotografie ist dabei nicht nur statisches Abbild, sondern Teil performativer Strategien, in denen Zuschreibungen, Machtverhältnisse und Narrative aktiv sichtbar gemacht und Auswirkungen digitaler Medien auf unsere Selbstbilder hinterfragt werden. Ab August werden Arbeiten von Mafalda Rakoš präsentiert. Ausgehend vom Fotoporträt erkundet sie Möglichkeiten, mithilfe fotografischer Mittel komplexe gesellschaftliche Diskurse zu führen, und verwebt dabei Elemente aus Dokumentation, Kunsttherapie, Performance und Anthropologie.
Ulrike Lienbacher, deren Werk sich aus Zeichnungen, Objekten, Fotografie und Video aufbaut, beschäftigt sich inhaltlich mit dem Regime von Regeln, Normierungen und gesellschaftlichen Einschränkungen sowie dem Bedürfnis, diesen zu entkommen. Ein Ausgangspunkt für ihre neuen Arbeiten ist das Farbregelwerk von Abraham Gottlob Werner und Patrick Syme, ein früher Standardisierungsversuch: „Was mich daran interessiert“, so die Selbstauskunft der Künstlerin, „ist der Versuch einer Annäherung, das Ungefähre, das nicht ganz Präzise, eine produktive Unschärfe, die sich ergibt, beziehungsweise ein persönlicher Spielraum, der einem bleibt – in einer Zeit der Passwörter und Formulare, unerbittlich, was kleinste Fehler angeht – null und eins, entweder/oder – häufig auch als fragwürdiges Prinzip der öffentlichen Debattenkultur.“
Die Ausstellung „One Hundred Things Twice“ des britischen Konzeptkünstlers Ryan Gander entfaltet sich als Inventar möglicher Wirklichkeiten: hundert Dinge, zweimal gedacht. Entwickelt für das Jahresprogramm CAPTCHA Realism des Salzburger Kunstvereins, setzt die Ausstellung auf Paare, Echos und minimale Verschiebungen. Was gleich erscheint, beginnt zu kippen; was vertraut wirkt, öffnet sich als Abweichung. Zwischen Objekt, Erinnerung und Spekulation entsteht ein Raum, in dem Bedeutung nicht festgestellt, sondern verhandelt wird. In einer Gegenwart der Kontrolle und Vorhersage behauptet Ryan Gander ganz bewusst die Unschärfe als Form von Freiheit.
In den Arbeiten von Christian Kosmas Mayer und Pablo Martínez-Zárate rücken Pflanzen als lebendige Träger von Erinnerung und Geschichte in den Blick. Dabei erscheinen sie als sensible Lebensformen, in denen sich biologische Prozesse mit politischen und kolonialen Verflechtungen verbinden. Zugleich sind sie in Prozesse der Projektion, Verschiebung und des Überlebens eingebunden, ohne darin aufzugehen. In ihrer Lebendigkeit und ihrer eigenen Zeitlichkeit entziehen sie sich jeder eindeutigen Lesart.