Johann Wilhelm Schirmer

Wolken voller Heimweh

Auf seiner Italienreise im Sommer 1839 fand der Maler Johann Wilhelm Schirmer das Eigene im Fremden. Nun erwarb seine Geburtsstadt Jülich zwei seiner schönsten Ölstudien – und zeigt sie in einer kleinen, feinen Schau

Von Florian Illies
30.07.2026
/ Erschienen in Weltkunst Nr. 256

Die weißen Wolken türmen sich auf einem Himmel, der eine Spur hellblauer ist als der über dem Rhein – und auch der Bergkamm wirkt sonnenbeschienener als das Siebengebirge und das Grün ein entscheidendes bisschen südlicher als das im Neandertal – endlich ist Johann Wilhelm Schirmer Ende August 1839 in Italien. Seit Jahren hatte er diesem großen Moment entgegengefiebert und sofort seine Sachen gepackt, als ihm in jenem Sommer endlich die offizielle Berufung zum Professor für Landschaftsmalerei an der Düsseldorfer Kunstakademie erreichte – und die Möglichkeit für ein Sabbatical in Italien gleich dazu. Niemand im deutschen 19. Jahrhundert konnte seinen Studenten eine vernünftige Freilichtmalerei beibringen ohne die Erfahrung des italienischen Lichts, ja, man war als Künstler erst vervollständigt, wenn man in seinem Reisegepäck leuchtende Studien aus Olevano mit in den kargen Norden gebracht hatte, Pleinair-Skizzen von den Wasserfällen bei Tivoli oder Ölskizzen des unverschämt blauen Meeres vor Neapel.

Genau diese italienische Erleuchtung suchte auch der 1807 geborene Johann Wilhelm Schirmer. Aber als er dann die Alpen überschritten hatte und sich den berühmten Malerorten in den Sabiner Bergen näherte, die von zwei Generationen deutscher Künstler in wunderbare Kunstwerke verwandelt worden waren, da packte ihn etwas Überraschendes: die Wehmut.

Porträt eines Mannes mit schwarzem Mantel vor bläulichem Hintergrund
Friedrich Bosers „Porträt von Professor Johann Wilhelm Schirmer", entstanden 1843. © Börries Brakebusch/Museum Zitadelle Jülich

Das „große Mitgefühl der einsamen, stillen Natur“ tröstete ihn in seinem Heimweh. Oder, um es in seinen eigenen Worten zu sagen: »Dann kam es auch dicke: Echt italienisch-deutsch! Dies ist mir gerade das Rechte. Die nackten, rötlichen Berge, die üppigen Waldungen, meist Kastanien und Eichen, die eigentümliche Lage der Städte und Klöster.« Ja, in den jähen Berghängen rund um das Dörfchen Olevano, der kargen, steinigen Landschaft mit ihrer Mischung aus schroffen Gebirgen und zarten Tälern, erkannte er italianisierte deutsche Mittelgebirge. Vielleicht schenkt genau das Schirmers italienischen Studien ihre besondere Kraft – in der Erfüllung der Sehnsucht nach dem Süden wurde im Künstler zugleich die Sehnsucht nach der eigenen Heimat geweckt. Beides hat er in seinen Studien subtil miteinander verschliffen.

Während in den 1820er-Jahren der Dresdner Romantiker Ludwig Richter rund um Olevano eine arkadische Märchenwelt erfunden hatte, Heinrich Reinhold die stille Noblesse der Natur und Carl Blechen die Befreiung seines Pinsels von jeder Konvention, da liebte Johann Wilhelm Schirmer genau diese Täler und Bergzüge Italiens, weil sie ihn am meisten an Deutschland erinnerten. Und dafür zog es ihn gleich im September des Jahres 1839 in die legendäre Gegend rund um Olevano, der Golo Maurer gerade ein famoses Buch gewidmet hat („Olevano. Als ein paar romantische Aussteiger in Italien die deutsche Kunst erfanden“, C. H. Beck Verlag, 384 Seiten).

Am 5. September stieg Schirmer, bepackt mit seinen Pinseln und Farben, den Abhang von Civitella nach Olevano hinab, und plötzlich sah er ein Bild vor sich, das er malen musste. Vor ihm öffnete sich ein Bergkamm, auf dem sich Kastanien- und Olivenbäume über ein ockerfarbiges Gestein verteilten wie eine Schafherde, dahinter, über einem dunstigen Tal, die blauen Sabiner Berge – und darüber ein quirliges Wolkengemisch, das sich nicht entscheiden kann, ob es noch vom Sommer oder schon vom Herbst erzählen wollte. Johann Wilhelm Schirmer setzte sich hin und fing an, das alles mit schnellen Strichen auf sein Papier zu bannen. Auf zauberhafte Weise scheinen die Farben und die Formen, der Himmel und die Erde miteinander verwoben. Am Abend setzte er das Bild in seiner Pension fort, vollendete ein paar Partien, ergänzte noch ein paar Farbakzente und schrieb dann in roter Schrift oben rechts den Ort und das Datum. „Civitella, 5. September“. Jede Ölstudie ist ein kleiner Triumph über die Vergänglichkeit und die rasende Zeit.

Wie sein großer französische Kollege Camille Corot, dessen Italienreise von 1826/28 sich ebenfalls in phänomenalen Ölstudien niederschlug, ging es Schirmer bei seinen direkt vor der italienischen Natur gemalten Landschaften nicht um Detailstudien, sondern um eine vollendete Komposition, geschaffen von der Natur – aber erkannt vom Künstler in seinem kühnen Bildausschnitt und gefasst in eine kongeniale Farbigkeit. Schirmers Ölstudien aus den Sabiner Bergen im September 1839 gehören seit fast zweihundert Jahren zum Goldstandard des Mediums.

Fünf Tage nach seinem kleinen Prachtstück vom 5. September zog Schirmer erneut los. Diesmal ist es ein Blick in die Weite des Saccotals, der Schirmer faszinierte, letzte Reste des Morgennebels liegen noch in der herben Luft. Mit fast musikalischer Elegie ließ Schirmer den Pinsel von links nach rechts und von rechts nach links über den Mittelgrund schweifen, bis vor uns eine tief gestaffelte italienische Landschaft entsteht. »Civitella 10. September« schrieb er diesmal darauf, wieder oben rechts, wieder in Rot. Es ist ein karges Panorama, von der Sonne des Sommers verbrannte Erde, eine ewige Weite, menschenleer. Ein Meditationsraum.

Gemälde mit einem Blick auf eine weitläufige felsige Landschaft.
Johann Wilhelm Schirmer, „Freilichtstudie Civitella 10. Sept." (1839). © Börries Brakebusch/Museum Zitadelle Jülich

In einem Husarenstreich ist es Marcell Perse, dem Direktor des Museums in Schirmers Geburtsort Jülich, jetzt gelungen, diese beiden bedeutenden Ölstudien für sein Haus zu sichern, das unter seiner Ägide zum maßgeblichen Ort der Schirmer-Forschung geworden ist. Bis Ende des Jahres stehen diese beiden Neuerwerbungen, die mithilfe des Fördervereins des Museums und des nordrhein-westfälischen Kultusministeriums möglich wurden, im Mittelpunkt einer kleinen, feinen Ausstellung, die unter dem Titel „Licht und Schatten“ den Schwerpunkt auf Schirmers italienische Reise legt – ergänzt um erhellende Reisebriefe Schirmers und natürlich auch um das Jülicher Hauptwerk Schirmers, die „Große italienische Landschaft“, in deren Hintergrund genau jene Bergkette auftaucht, die Schirmer in seiner Ölstudie vom 10. September 1839 erstmals erfasst hat.

Als Schirmer 1840 nach Düsseldorf zurückkehrte, durften seine Schüler anhand dieser italienischen Studien ihr eigenes Handwerk lernen. Die Ölstudien waren Schirmers avantgardistische Impulse für den Lehrbetrieb. Deshalb sind es auch die Sammlungen der Akademien von Düsseldorf und Karlsruhe, an denen Schirmer lehrte, die bis heute fast alle der knapp fünfzehn erhaltenen Studien verwahren. Nun ist Jülich in diesen erlauchten Kreis aufgestiegen.

Es ist eigentlich ein kleines Wunder, wie frisch diese fast zweihundert Jahre alten Studien wirken. Eigentlich wollten sie nur einen Augenblick an einem Septembermorgen des Jahres 1839 einfangen. Doch gerade diese Spontaneität des Zugriffs scheint ihnen ein ewiges Leben zu schenken.

Service

Infos zur Ausstellung

„Licht und Schatten – Johann Wilhelm Schirmer in Italien“,

Museum Zitadelle Jülich,

bis 13. Dezember

Zur Startseite