Als große rollende Galerie sorgen die BMW Art Cars seit 50 Jahren für Aufmerksamkeit – weit über die Kunstwelt hinaus. Hans Ulrich Obrist würdigt das Projekt und erzählt, weshalb er seine Kuratorenkarriere einem Auto verdankt
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10.08.2026
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Erschienen in
Weltkunst Nr. 249
Ja, ich habe ihn gleich mit 18 gemacht. Ich bin auch einige Male gefahren, aber ich habe schon damals Züge den Autos vorgezogen. Ich war ein relativ zerstreuter Autofahrer, das führte schnell dazu, dass niemand mit mir mitfahren wollte. Aber wenn mein Interrailticket abgelaufen war, habe ich mir von meinem Vater seinen alten Volvo geliehen und bin damit durch Europa getourt. Und ich verdanke dem Volvo auch meinen ersten Job.
Ja. Die Schweizer Künstler Fischli/Weiss waren meine ersten Mentoren, und in den 80er-Jahren bekamen sie vom Kurator Kasper König den Auftrag, ihre Arbeit „Snowman“ vor dem Eingang des Heizkraftwerks in Saarbrücken aufzubauen. In Basel steht heute einer ihrer Schneemänner vor der Fondation Beyeler und wird von Sonnenenergie gespeist. Aber damals in Saarbrücken gab es ein kleines Drama, weil, ich glaube an einem Donnerstag, ein Modell des Schneemanns dem Vorstand des Kraftwerks präsentiert werden sollte und Fischli/Weiss ihn erst am Mittwochabend fertiggestellt hatten. Sie riefen mich aufgeregt an, sagten, dass der Dummy bis morgen früh um acht Uhr in Saarbrücken sein muss. Sie wussten, dass ich gerade den Führerschein gemacht hatte, und fragten mich, ob ich den Schneemann mit dem Volvo meines Vaters nach Saarbrücken fahren könne. Also bin ich nach Zürich gefahren, sie haben den Schneemann auf den Beifahrersitz gesetzt, ihm den Sicherheitsgurt umgelegt, und ich bin über Nacht nach Saarbrücken gefahren und habe ihn Kasper König pünktlich morgens um halb acht übergeben. An dem Morgen habe ich mein erstes längeres Gespräch mit ihm geführt, daraus wurde eine lebenslange Freundschaft.
Kasper König fragte mich an diesem Morgen, ob ich nicht für ihn arbeiten könne, so kam ich an meine ersten Aufträge. König war übrigens einer der wenigen, der keine Angst hatte, mit mir Auto zu fahren, was vielleicht auch daran lag, dass er selbst keinen Führerschein hatte.
Er wusste jedenfalls anfangs nicht, wie schlecht ich fahre. Auf unseren Fahrten ist es immer wieder passiert, dass wir irgendwo liegen geblieben sind, weil ich vergessen hatte zu tanken. Jetzt fällt mir noch eine andere Geschichte mit dem Volvo ein. Ich hatte 1991 in meiner Studentenwohnung in St. Gallen eine Ausstellung in meiner Küche organisiert …
Genau. Hans-Peter Feldmann hat in meinem Kühlschrank ausgestellt. Fischli/Weiss bekamen damals ihre erste Übersichtsausstellung im Centre Pompidou in Paris. Der Kurator der Ausstellung, Jean de Loisy, war gerade frisch berufen worden als Kurator der Cartier-Stiftung. Er besuchte sie in ihrem Atelier, und sie erzählten ihm, dass ihre neueste Arbeit in der Küche dieses Studenten in St. Gallen zu sehen sei. Also beschloss er spontan, mich zu besuchen, und ich bot ihm anschließend an, ihn zum Flughafen nach Zürich zu fahren. Sie ahnen, was passierte.
Wir blieben auf halber Strecke liegen, bei Winterthur, mussten uns Hilfe holen, das dauerte Stunden, und er verpasste seinen Rückflug nach Paris. Ich hatte natürlich Schuldgefühle und begleitete ihn in den Flughafen. Was wiederum dazu führte, dass wir uns stundenlang über Kunst unterhielten.
Irgendwie nicht. Wir haben uns so gut verstanden, dass er mir angeboten hat, als erster Curator-in-Residence der Cartier-Stiftung nach Paris zu kommen. Im Grunde verdanke ich dem alten Volvo meine ganze Karriere. Ein Auto hat mich, wenn man so will, in die Welt hinausgebracht.
Ich habe mich immer schon dafür interessiert, die Kunst aus den Museen zu holen, sie an Orten zu zeigen, wo sie auch für Menschen sichtbar wird, die sich selten Ausstellungen anschauen. Meine Eltern sind früher nie ins Museum gegangen. Wenn man also in einem kunstfernen Milieu aufwächst wie ich: Wie kommt man zur Kunst? Oder besser: Wie kommt die Kunst zu einem?
Ich habe darüber nachgedacht, als ich mein Buch „Ein Leben in Progress“ geschrieben habe. Ich habe mich gefragt, wie ausgerechnet ich zur Kunst gekommen bin, und das hat viel mit der Idee zu tun, die auch hinter dem BMW Art Car steckt. In der Schweiz der 80er-Jahre war der Künstler Jean Tinguely eine nationale Koryphäe, seine Bilder wurden sogar auf Schokoladenpackungen gedruckt. Ich habe die Verpackungen in meinem Kinderzimmer gesammelt. Und der Fahrplan der Schweizer Bundesbahn spielte auch eine große Rolle.
Damals brauchte man dieses kleine Büchlein, um zu wissen, wann die Züge fahren. Meine Eltern hatten den Fahrplan auch zu Hause, und die SBB hat damals jedes Jahr einen anderen Künstler eingeladen, das Cover zu gestalten. 1985 …
… gestaltete der Luzerner Künstler Claude Sandoz das Cover. Ich war so begeistert von seiner Zeichnung, dass ich ihm einen Brief geschrieben und ihn gefragt habe, ob ich ihn besuchen kann. Er schrieb zurück, einem 17-jährigen Schüler schlägt man einen solchen Wunsch wohl nicht ab. Das war mein allererster Atelierbesuch. Aus diesen Gründen war mir das BMW Art Car immer schon sympathisch, weil es Aufmerksamkeit für Kunst erzeugt – weit über die Kunstwelt hinaus. Die ersten Art Cars, auf die ich gestoßen bin in den 80ern, waren von Warhol und Rauschenberg.
Kunst ist oft das, was man nicht erwartet. Künstlerinnen und Künstler kommen durch solche Projekte wie das Art Car, die nicht in einem White Cube stattfinden, auf Ideen, die es sonst gar nicht geben würde. Warhol hätte diese Arbeit nie für eine Ausstellung im MoMA gemacht.
Das von Esther Mahlangu liegt mir besonders am Herzen.
Ja, und zwei Jahre zuvor fand in Paris die Gruppenschau „Ma-giciens de la Terre“ statt, in der Kurator Jean-Hubert Martin erstmals Kunst aus allen fünf Kontinenten vereint hat. Damals habe ich Esther Mahlangu zum ersten Mal getroffen, sie hatte für die Ausstellung in Paris ein Haus bemalt. Sie kommt aus der Tradition der Hausfassaden-Malerei der Ndebele, geometrische Formen, bunte Farben, starke Kontraste.
Genau. Sie war die erste Frau und die erste Afrikanerin, die ein Art Car gestaltet hat. Mittlerweile ist sie 90 Jahre alt, und ihr ist etwas Besonderes gelungen: Nicht nur hat sie diese Tradition gerettet, sie hat sie so modernisiert, dass sie nicht nur auf Autos, sondern mittlerweile auch auf Sneakern auftaucht. Vor zwei Jahren habe ich auf Einladung von BMW Esther Mahlangu zusammen mit Thomas Girst und Azu Nwagbogu in ihrem Dorf besuchen können, da konnte ich ihre Fassadenmalerei überall sehen, auch andere nicht von ihr bemalte Häuser in ihrer Nachbarschaft. Was mich besonders freut: Ihre Arbeiten werden gerade von einer neuen Generation von Sammlern entdeckt, von Swizz Beatz, dem Musikproduzenten beispielsweise, und von Pharrell Williams, dem Musiker und Modedesigner.
Das ist Jenny Holzers große Kunst, ob auf elektronischen Wänden und Decken, ob auf Postern oder eben auf einem Auto. 2024 gehörte ich übrigens mit zu der Art-Car-Jury, die die Künstlerin Julie Mehretu ausgesucht hat. Sie hat ihre Art von Gemälden auf die Oberfläche des Autos übertragen. Bei ihr bewegt sich das Auto durch die Malerei.
Ja. Ihre Arbeit existiert gleichermaßen in der analogen wie in der digitalen Wirklichkeit: Ohne Virtual Reality ist ihr Art Car nicht vollständig.
Sein Auto ist ja ein Wasserstoff-Prototyp aus schmelzendem Eis – es ist natürlich wichtig im Sinne der Aufmerksamkeit für den Klimaschutz, auch was die Verantwortung der Autoindustrie betrifft. Er gibt uns und der Autoindustrie mit seinem Art Car einen Auftrag mit auf den Weg: Es geht um Innovation, die nachhaltig ist. So wie beim Schneemann von Fischli/Weiss, der jetzt mit Sonnenenergie betrieben wird.