Seine Malerei und Videos begeistern die Kunstwelt, aber er hütet lieber Schafe. Nun sind Werke von Ragnar Kjartansson in Recklinghausen zu sehen. Ein Atelierbesuch in Reykjavík
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03.06.2026
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Erschienen in
WELTKUNST Nr. 255
Auf der Verpackung der Schokolade, die es im Duty-free-Shop am Flughafen von Reykjavík zu kaufen gibt, steht eine dramatische Geschichte: Das Jahr 1918 begann mit heftigem Frost, der die nationale Lebensmittelversorgung erheblich beeinträchtigte. Der gefährliche Vulkan Katla brach aus, und die spanische Grippe wütete über die Insel, die noch im gleichen Jahr ihre Unabhängigkeit von Dänemark beschloss. Damals gründeten mutige Unternehmer die erste Schokoladenfabrik auf Island. Wer diesen Text auf der Rückseite einer 100-Gramm-Tafel liest, weiß sofort: Dies ist ein Land der Poeten und Geschichtenerzähler.
Das Studio von Ragnar Kjartansson liegt am alten Hafen von Reykjavík. Der Weg von der Innenstadt dorthin führt an einer langen Reihe geduckter Gebäude entlang, mit dicken, schrägen Mauern und schrägem Dach, denen die Atlantikwellen bei Sturm nichts anhaben können. Früher wurden in den wetterfesten Hallen die Boote repariert. In diesem Februar lässt die Sonne die weißen Fassaden und türkisfarbenen Türen so derart leuchten, dass man sich einbilden könnte, man sei an der Mittelmeerküste. Wäre da nicht die eisige Luft, die daran erinnert, dass nur ein wenig weiter nördlich die Arktis beginnt.
Hier arbeitet einer der bedeutendsten isländischen Künstler der Gegenwart, der mit seinem Werk zwischen Popkultur und Meditation, zwischen nordischem Weltschmerz und herzerwärmendem Humor, zwischen Rokoko und Romantik seit mehr als fünfzehn Jahren Museumsbesucher auf der ganzen Welt begeistert und Kritiker zum Schwärmen bringt. Kjartansson ermöglicht mit seinen Mehr-Kanal-Videoinstallationen Erfahrungen im Raum, die sich kaum abbilden lassen, nicht Social-Media-tauglich sind, aber für die, die sie gesehen haben, zu bleibenden Erinnerungen werden. Ab Mai gibt es eine der eher seltenen Gelegenheiten, ihn in Deutschland zu erleben, in einer Schau in der Kunsthalle Recklinghausen.
Ragnar Kjartansson betritt freundlich lachend sein Studio, er schiebt einen Kinderwagen durch die kleine Tür, darin schläft dick eingepackt seine jüngste Tochter Hildi. Drinnen herrscht ein angenehmes Chaos, eine Mischung aus Probenraum, Bühne, Maleratelier und Wohnzimmer. Auf einer kleinen Orgel liegen die Noten für ein Bach-Präludium, auf einer Empore steht ein Schlagzeug, Gemälde warten auf den letzten Pinselstrich, an der warmroten Wand hängt die Skizze für sein nächstes Videoprojekt. Zwischendrin gemütliche Sessel, ein Barbie-Puppenhaus und eine Küchenbar, hinter der seine Studiomanagerin Lilja, die er schon seit der Grundschule kennt, uns Kaffee und „Kex“ anbietet. Dieser Wohlfühlort gibt einen kleinen Eindruck seiner künstlerischen Vielfältigkeit, die Malerei und Performance, Musik und Videokunst beinhaltet. Für einen international gefeierten Künstler, der sein Land mit Anfang dreißig auf der Venedig-Biennale vertrat und dessen Videoinstallation, „The Visitors“ vom britischen Guardian schon 2019 als „das wichtigste Kunstwerk des 21. Jahrhunderts“ bezeichnet wurde, ist sein Studio überraschend bescheiden.
Ragnar Kjartansson ist kürzlich fünfzig geworden, im Atelier liegen noch die Zeichnungen der bunten Torten, die seine Frau, die Künstlerin Ingibjörg Sigurjónsdóttir, zu diesem Anlass nach seinen Entwürfen gebacken hat. Sein Großvater, dessen Namen er trägt, war Bildhauer und Keramiker, ein Pionier dieser Kunstform auf Island. „In seinen Anfängen war mein Großvater sehr modern, er schuf avantgardistisches Zeug“, erzählt Kjartansson. Ragnar Kjartansson senior war mit Dieter Roth befreundet, dem Schweizer Fluxus-Künstler, der lange in Island lebte. Sie teilten sich ein Studio, im Haus der Großeltern hing ein großes Eat-Art-Werk von Roth aus „verrottendem Sauerfleisch“. „Ich glaube, ich bin Künstler geworden, weil ich so verzaubert war von der Atmosphäre im Kreis um meinen Großvater und seine Freunde“, sagt Kjartansson.
Immer wieder hat er sich in seiner eigenen Arbeit mit dem Künstlertum beschäftigt, hat die Klischees rund um die Person des Künstlers inszeniert, persifliert, auf die Spitze getrieben, ganz nach dem Vorbild seines bärtigen, feierfreudigen Großvaters. Auch dass er sich nicht festlegen lässt auf ein bestimmtes Genre, seinen „postmodernen Ansatz“ verdanke er ein wenig dem Vorfahr, sagt er. Er habe von ihm gelernt, dass diverse künstlerische Ausdrucksformen die gleiche Berechtigung haben, radikal moderne wie die von Dieter Roth oder scheinbar rückwärtsgewandte wie der sozialistische Realismus, dem sich der Großvater später zuwandte: Denkmäler von Seeleuten oder Bäuerinnen, die heute überall in Island in der Landschaft stehen, Kjartansson zeigt sie schmunzelnd auf seinem Handy.
Seine Eltern sind Schauspieler und Theatermacher, er sei quasi hinter der Bühne aufgewachsen, erzählt er. Bis heute fühle er sich „gut und sicher“, wenn er von laut lachenden Schauspielern umgeben sei, fasziniert von dieser kleinen Welt des Theaters wie der Junge in Ingmar Bergmans Film „Fanny und Alexander“. Seine Mutter Guðrún Ásmundsdóttir sei so mit Leib und Seele Schauspielerin, dass sie Mitleid empfinde für jeden, der einen bürgerlichen Beruf wie etwa Rechtsanwalt ergreift. In seinem Langzeitprojekt „Me and My Mother“ führen die beiden seit 2000 alle fünf Jahre die gleiche Performance auf: Sie stehen vor einem Bücherregal, und seine Mutter spuckt ihm mehrfach von der Seite ins Gesicht. Als sie damit anfingen, war Kjartansson noch an der Kunstakademie in Stockholm. Heute ist seine Mutter 90, und alle hoffen, dass es 2030 noch eine weitere Folge mit ihr geben wird.
Für seinen Galeristen Börkur Arnarson nimmt „Me and My Mother“ eine besondere Stellung in Kjartanssons Œuvre ein. „Es begann als ein kleines Slapstickvideo, ein Kunsthochschulprojekt und wurde zu etwas so Tiefem und Traurigem, zu etwas, das über so viele Jahre dazu einlädt, über das Verhältnis zwischen Mutter und Sohn, zwischen einer berühmten Schauspielerin und einem jungen Mann, der selbst ein berühmter Künstler wurde, nachzudenken.“ Und über das Verhältnis von Männern und Frauen generell, möchte man hinzufügen – Kjartansson hat wiederholt geäußert, dass der Feminismus für ihn die wichtigste Errungenschaft des 20. Jahrhunderts sei. Börkur Arnarsons Galerie i8 in Reykjavík vertritt Kjartansson schon seit dessen Abschluss von der Hochschule, es ist eine gemeinsame Erfolgsgeschichte. i8 hat heute neben isländischen auch wichtige internationale Künstlerinnen wie Alicja Kwade oder Roni Horn im Programm. Und Kjartansson ist der Galerie treu geblieben, auch wenn mit Luhring Augustine in New York eine zweite hinzugekommen ist.