Gerhard Richter in Paris

Der späte Gerhard Richter

In der umfassenden Richter-Retrospektive in der Fondation Louis Vuitton in Paris ist auch sein feines zeichnerisches Alterswerk zu entdecken 

Von Petra Schaefer
23.01.2026

Im Jahr 2016 schrieb der damals 83-jährige Maler Gerhard Richter für Hans Ulrich Obrists berühmte „Post-it-Notes“-Serie die handschriftliche Notiz „Kunst ist die höchste Form der Hoffnung“. Es war ein Selbstzitat aus dem Katalog für die documenta 7 im Jahr 1982, das für Richter seine Gültigkeit offenbar nicht verloren hatte. Nur ein Jahr später, 2017, erklärte er sein malerisches Schaffen für beendet. Dass der 1932 geborene Künstler, der 2018 mit dem Europäischen Kulturpreis Taurus ausgezeichnet wurde, weiterhin Hoffnung aus der Kunst schöpft, kann man noch bis Anfang März in der Fondation Louis Vuitton in Paris beobachten. In der mehr als 270 Werke umfassenden Retrospektive werden neben seinen teils weltberühmten Gemälden und Installationen auch komplette Zeichenzyklen aus dem Alterswerk gezeigt. 

Werk 26 Zeichnungen von Gerhard Richter aus dem Jahr 2023 in der Fondation Louis Vuitton
Gerhard Richter, 26 Zeichnungen, 2023. © Courtesy the artist / Prime / Luis Bourjac

In den 2023 und 2024 entstandenen Arbeiten kommt man, ähnlich wie mit der Notiz aus der „Post-it-Notes“-Serie, dem Künstler sehr nahe. In der Serie „26 Zeichnungen“ aus dem Jahr 2023 zum Beispiel folgt man Richters Zeichenstift auf den etwa DIN A4 großen Blättern über mäanderartige Wege zu kreisrunden Elementen und mit Lineal oder Schablonen gezogenen Linien, die teils mit verwischtem Graphit an Tiefe gewinnen. Den Betrachtenden eröffnet sich allmählich eine Art Verortung des Künstlers, die man auch als Kartografie seines Denkens lesen kann. „Sie strahlen ein Gefühl der Freiheit aus“, schreibt der französische Kunsthistoriker Guy Tosatto im bei Schirmer/Mosel erschienenen Katalog, „wie wenn der Künstler, der fortan nichts mehr beweisen musste, sich erlaubte, alles auszuprobieren (…)“. Jedes Blatt signiert Richter auf der Vorderseite gut lesbar mit Tagesdaten, etwa 18.6.2023, und der Signatur seines Nachnamens, womit er die Serien in eine Reihenfolge stellt und die Betrachtung in einem größeren Zusammenhang ermöglicht.

Werk Himalaja von Gerhard Richter aus dem Jahr 1968
Gerhard Richter, Himalaja, 1968 (CR 181). © Gerhard Richter 2026

Seit 2020 gab es verschiedene Ausstellungen zum zeichnerischen Œuvre, etwa im Gerhard Richter Archiv in Dresden oder in der Galerie David Zwirner, aber in der großen Pariser Schau wird es erstmals in einem mehrere Dekaden übergreifenden, repräsentativen Werkkontext gezeigt. Die chronologische Präsentation, die von 1962 bis 2024 reicht, ermöglicht assoziative Querverbindungen zwischen Genres aus unterschiedlichen Schaffensperioden. So erinnert etwa die monochrome Mixed-Media-Arbeit „10.7.2024“, Leihgabe aus einer Privatsammlung, an das Ölgemälde „Himalaja“ von 1968 aus der Schweizer Sammlung Daros. In den beiden monochromen Werken wechseln sich scharfe Kanten mit amorphen Formen sowie helle Flächen mit dunklen Schattierungen ab. Doch während die fotorealistische Malerei das Motiv zwar leicht abstrahiert, aber doch scheinbar wirklichkeitsgetreu darstellt, sodass die Gebirgskette erkennbar ist, wird die Papierkomposition durch diffuse Bleistiftlinien gestört, als hätte der Maler darübergekritzelt. Dieser flüchtige Eindruck wird verstärkt durch stempelartige Spuren am rechten Bildrand, die sich beim genaueren Hinsehen als Fingerabdrücke entpuppen. 

Selbstportrait von Gerhard Richter aus dem Jahr 1996
Gerhard Richter, Selbstportrait, 1996 (CR 836-1). © Gerhard Richter 2026

Näher kommt man dem Künstler in der Fondation Louis Vuitton, die riesige Drucke mit Szenen aus dem Altagsleben in seinem Kölner Atelier säumen, nur bei seinem kleinen Selbstporträt, dem einzigen in der Ausstellung. Auf dem quadratischen Gemälde – es stammt aus dem Jahr 1996 und hängt heute im MOMA in New York – schaut er am Betrachtenden vorbei. Sein ernster Blick ist unscharf, als blicke er durch einen Schleier oder einen nicht näher definierten Vorhang. Richters ausdrückliches Vertrauen in die Kunst als „höchste Form der Hoffnung“ kommt in diesem dreißig Jahre alten Werk nicht zum Ausdruck, hier überwiegt die kritische Introspektion. Und ebenjene spürt man auch in seinen jüngsten, sehr intimen Papierarbeiten, die zwischen Verhüllen und Öffnen changieren, die auch mal Distanz zum Betrachtenden aufbauen, vor allem aber viel Nähe zulassen. Neben der überwältigenden Fülle seines malerischen und installativen Werks lohnt sich für diese feinen, beinahe seismografischen Aufzeichnungen aus Gerhard Richters Spätwerk allein der Besuch in der französischen Hauptstadt in diesem Winter.

Service

INFOS ZUR AUSSTELLUNG

„Gerhard Richter “

Fondation Louis Vuitton, Paris

bis 2. März 2026

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