Im ersten Monat des Jahres freuen wir uns auf die textilen Bildwelten von Małgorzata Mirga-Tas in Wolfsburg, bestaunen das Lebenswerk von Ruth Asawa in New York und tauchen ein in das knallbunte Œuvre von Hans Ticha in Rostock
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06.01.2026
Kunsthalle Rostock, bis 15. März
Mit seiner ganzen Kraft ist der „Hochspringer“ abgehoben und vollführt nun in luftiger Höhe seine entscheidende Drehung über der rotweißen Stange. Für die DDR waren Erfolge im Leistungssport ein wichtiges Propagandainstrument. Das 1987 von Hans Ticha gemalte Bild muss man jedoch als symbolischen Sprung über ein ganz anderes Hindernis verstehen, hinein in einen offenen, knallblauen Himmel: Es sollte noch zwei Jahre dauern, bis die trennende Mauer fiel. Davor schuf der Ost-Berliner Buchillustrator seine staatskritischen Ölbilder im Geheimen. Und heute bewundern wir ihn zurecht für das Risiko, beispielsweise kleinköpfige Parteigenossen mit riesigen applaudieren Händen darzustellen. Darüber hinaus zeigt die Retrospektive in Rostock wie grandios dieser Maler dem grauen Alltag leuchtende Pop Farben verlieh, in überraschend witzigen Sujets wie dem „Rosa Frisiersalon“ (1975) oder dem „Zähneputzer“ (1988). Ein Triumph des Humors über die Zustände.
Museum of Modern Art, New York, bis 7. Februar
Das Leben ist ein langer, ruhiger … Draht? Ein großes Comeback feiert derzeit die Kunst von Ruth Asawa, die am 24. Januar vor genau 100 Jahren in Kalifornien geboren wurde, bis 2013 ein langes, produktives Leben voller Höhen und Tiefen lebte und Drahtskulpturen schuf, die aktuell wieder der letzte Schrei sind (ihr Auktionsrekord steht bei 5,4 Millionen Dollar). Sie war noch ein Teenager, als sie 1942 von ihrer Familie getrennt wurde und – wie damals in den USA alle Japaner und Amerikaner mit japanischen Wurzeln – in einem Internierungslager leben musste. Mit Glück lernte sie dort Illustratoren kennen, die sie zum Zeichnen animierten. Nach dem Krieg wurde sie Teil der kreativen Kommune, die sich am Black Mountain College in North Carolina im Umkreis des Bauhaus-Künstlers Josef Albers und des Architekten Buckminster Fuller künstlerisch entfalteten. Die Ausstellung am Museum of Modern Art enthält neben vielen ansprechenden Frühwerken in verschiedenen Medien auch ihre Aufzeichnungen aus Albers’ Kurs „Basic Design“ von 1946. Vermerke wie „basket weaving“, „invitation to touch“ und Notizen zu positivem und negativem Raum scheinen auf Prinzipien anzuspielen, die sich durch ihr ganzes Lebenswerk ziehen würden. Eine Reise nach Mexiko machte sie mit den durchscheinenden Drahtgeweben einfacher Eierkörbe vertraut, die sie in den Fifties, Sixties und Seventies für ihre organisch geformten Plastiken adaptierte. In wohligen Wölbungen von der Decke hängen und mit anderen ähnlichen Gebilden zusammen gruppiert, ergeben sich faszinierende optische Reize, die unterschwellig eine Botschaft von Harmonie abseits von allen Hierarchien transportieren. Das gilt auch für ihre Malerei und Arbeiten auf Papier, in denen die Natur, konkret oder abstrakt, immer die Hauptrolle spielt.
Kunstmuseum Wolfsburg, bis 15. März
Die Venedig-Biennale 2022 stand ganz im Zeichen der Künstlerinnen, und neben der von Cecilia Alemani kuratierten Hauptausstellung war auch der polnische Pavillon in den Giardini ein Anziehungspunkt für alle, die große Kunst von Frauen erleben wollten. Bespielt wurde er von Małgorzata Mirga-Tas mit einem zwölfteiligen Zyklus aus großformatigen, figurativen Textilarbeiten, die sich der Lebenswelt und Geschichte der Roma widmeten. „Re-Enchanting the World“, so der Titel des Zyklus, sorgte beim internationalen Biennale-Publikum für Aufsehen und hat seitdem in diversen europäischen Museen Station gemacht. In Kooperation mit Häusern in Luzern und Oslo ist er nun im Kunstmuseum Wolfsburg in einer umfassenden Werkschau zu Mirga-Tas zu bewundern.
Hamburger Kunsthalle, bis 29. März
Manche Ausstellungen schreiben selbst Geschichte: Mit „Kunst um 1800“ veranstaltete die Hamburger Kunsthalle zwischen 1974 und 1981 einen Zyklus von Schauen über die Wirkmacht der Bilder im Revolutionszeitalter und stieß dabei auch eine Debatte über kuratorische Praxis an. Unter Verwendung desselben Titels lässt das Museum nun das legendäre Ausstellungs- und Forschungsprojekt wieder aufleben. Neben dokumentarischen Grafiken der revolutionären Epoche werden erneut die Künstler als visionäre Träumer präsentiert – von den Werken Francisco Goyas oder William Blakes bis zu Caspar David Friedrich und William Turner. Das Panorama wird jetzt aber auch durch Perspektiven in den Blick genommen und ergänzt, die bei der ersten Auflage zu kurz kamen: der Feminismus, die jüdische Kultur und die People of Colour.
Hamburger Bahnhof – Nationalgalerie der Gegenwart, Berlin, bis 3. Mai
Mit ihrer Schau „Off Score“ verwandelt Annika Kahrs den Hamburger Bahnhof in ein vibrierendes Labor für das Hören und das Miteinander. Die Berliner Künstlerin, die seit Jahren an den Rändern des musikalisch Fassbaren forscht, inszeniert in Berlin nun ihre Klang- und Videoarbeiten als Einladung zum Innehalten: Mit Kopfhörern ausgestattet tauchen die Besucherinnen und Besucher ein in eine Welt zwischen Stille und Klang, zwischen Performance und Installation. Kahrs‘ Arbeiten entstehen häufig in enger Symbiose mit Musikerinnen, Performern und den Menschen vor Ort – so auch 2022 in Lyon, wo sie in einer entweihten Kirche mit einem Orchester sowie einer Gruppe von Handwerkern zusammenarbeitete. Auch tierische Protagonisten sind oft mit dabei: So etwa Giraffen, die sich nachts im geheimnisvollen Infraschall verständigen.