Am ersten Tag erkunden wir die berühmten Meisterhäuser, besuchen die Anhaltische Gemäldegalerie im Georgium und kehren im Ausflugslokal Kornhaus ein
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Hätte das Dessauer Residenzschloss Sinn für Humor, es hätte beim Anblick des Bauhauses sicher herzlich gelacht: Wo, bitte schön, sind die Giebel, Portale und Friese einer wahrhaft repräsentativen Architektur? Das Schloss besaß reichlich davon, und der Johannbau, einst ältester Teil und Westflügel des imposanten Renaissance-Palastes, erzählt bis heute von Dessaus höfischer Vergangenheit. Dennoch wird die Stadt fast ausschließlich mit der prägnanten Sachlichkeit seiner Bauhaus-Ära verknüpft. Es hat Dessau, das 2007 mit Roßlau zu Dessau-Roßlau fusionierte, international berühmt gemacht, und heute informiert gefühlt an jeder Straßenecke ein Schild über den Einfluss der Reformbewegung auf ihre Umgebung.
Doch es gibt auch reichlich Zeugnisse anderer Epochen in der Welterbe-Region. Fürst Franz von Anhalt-Dessau etwa wirkte im 18. Jahrhundert ähnlich progressiv und visionär, er ließ das „Gartenreich“ anlegen. Der Herrscher fühlte sich der Natur verbunden, hing der Aufklärung an, brachte Bildung und effiziente Landwirtschaft in sein Fürstentum. Ein Spaziergang durch Dessau und seine großzügigen Parks lässt auch diese Zeit wieder auferstehen. Tatsächlich machen gerade die Kontraste den Reiz eines Aufenthalts aus – und der darf ruhig etwas länger dauern.
Wir starten im Bauhaus Dessau, wo wir unser Gepäck zurückgelassen haben – in einem Zimmer im Prellerhaus mit seinen berühmten Balkonen. Man kann hier preiswert übernachten, von den 28 ehemaligen Atelierzimmern wurden zwei nach historischem Vorbild rekonstruiert, die anderen sind sparsam möbliert. Dusche und Toilette befinden sich auf dem Flur, und jede Etage hat eine winzige Teeküche. Gewiss kein Hotelstandard, dafür bekommt man einen lebhaften Eindruck, wie die Studierenden hier vor hundert Jahren lebten.
Nebenan im Haupthaus schließen wir uns einer Führung an oder erkunden das Gebäude auf eigene Faust. Der Vorteil einer offiziellen Tour: Man sieht Räume wie die Aula oder das Direktorenzimmer, die man allein nicht betreten darf. Im ersten Stock handelt die Jubiläumsschau „Glas/Beton/Metall“ (bis 10. Januar 2027) von den industriellen Materialien, mit denen Gropius arbeitete. Bevor wir seine Meisterhäuser besuchen, gönnen wir uns einen Lunch im Bauhaus-Untergeschoss. Das Café-Bistro bietet kleine, leckere Gerichte und dient morgens ab acht Uhr auch als Frühstückszimmer für die Übernachtungsgäste. Die Gropiusallee führt uns direkt zu einem Platz, wo sich linker Hand die Trinkhalle von Ludwig Mies van der Rohe in die Umfriedungsmauer der Häuser schmiegt, in denen einst die Familien Gropius, Feininger oder Kandinsky lebten. Doch auch die Trinkhalle ist ein architektonisches Kleinod: minimalistisch und ursprünglich für den Ausschank von Heilwasser gedacht. Heute gibt es dort Kaffee und Kuchen, aber bevor wir uns niederlassen, erkunden wir die Inkunabeln für modernes Wohnen.
Zwei der drei Ensembles im Kiefernwäldchen sind erhalten, das Direktorenhaus von Gropius und die benachbarte Doppelhaushälfte von László Moholy-Nagy wurden 1945 zerstört und erst 2014 wiederaufgebaut – nicht originalgetreu, sondern den Bauten in ihren Umrissen nachempfunden. Im Direktorenhaus steht nun die Kasse, es gibt Info-Flyer und filmisches Dokumentationsmaterial. Die mittleren beiden Häuser werden als Ateliers für Gastkünstlerinnen und -künstler genutzt und sind privat. Ein Gespür für die Zeit von Klee und Kandinsky vermittelt einem das bis in die farbigen Räume rekonstruierte dritte Doppelhaus.
Nach einer Pause am Kiosk, der sich zur Straße öffnet, aber auch hinter der Mauer Tische im Garten bietet, geht es durch das Portal der sieben Säulen ins Georgium. Den Park im englischen Stil schuf Prinz Johann Georg, der jüngere Bruder von Fürst Franz. An den Georgengarten mit seinem klassizistischen Landhaus, in dem die Anhaltische Gemäldegalerie untergebracht ist, schließt der Beckerbruch an. Wir besuchen zuerst die Gemäldegalerie. Ihre Sammlung gilt als wichtigste Kollektion alter Meister in Mitteldeutschland – mit dem Fürstenaltar von Lucas Cranach d. Ä., ihrem historischen Interieur oder einem bezaubernden Porträt von Friederike Prinzessin von Preußen, das Johann Friedrich August Tischbein 1797 als Hofmaler schuf. Die Bestände reichen vom 15. Jahrhundert bis in die Gegenwart – wobei ein Teil der Ankäufe aus Bauhaus-Zeiten von den Nationalsozialisten aus dem Museum entfernt und verkauft wurde.
Der Beckerbruch, eine sanfte Auenlanschaft, wurde im 18. Jahrhundert naturnah belassen, gleichzeitig aber bühnenhaft mit Pavillons, Statuen und Ruinenarchitektur wie der Wallwitzburg ausgestattet. Einen Weg bahnt man sich am besten per Google Maps, die Pfade mäandern entweder um den Wallwitzsee oder führen direkt zum Elbpavillon. Von dort sind es gut zehn Minuten bis zum Kornhaus, wo wir den Tag ausklingen lassen. Das Ausflugslokal stammt vom Bauhäusler Carl Fieger und bietet neben einem herrlichen Elbblick und einer Terrasse auch eine umfangreiche Speisekarte.