Wie sahen die ersten Dörfer der Menschheit aus? Die Ausstellung „Gebaute Gemeinschaft“ in der James-Simon-Galerie in Berlin bietet Einblicke
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15.04.2026
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Erschienen in
WELTKUNST Nr. 253
Bei dieser Ausstellung sollten wir zur Abwechslung einmal mit dem Ende beginnen. Denn im letzten Raum hängen große Fotografien von Isabel Muñoz, die zur atmosphärischen Einstimmung in das Thema bestens geeignet sind: Aus dem schwarzen Hintergrund der Bilder scheinen steinerne Statuen und Gesichter wie Golems hervorzutreten. In den anderen Kapiteln der Schau werden wir diesen Figuren der Urgeschichte in hell ausgeleuchteten Vitrinen mit informativen Hinweisschildern wiederbegegnen – doch hier, in den Fotografien der spanischen Künstlerin, wirken sie rätselhaft und magisch. Geschickt verweist Muñoz so auch auf die Entstehungszusammenhänge der Kunstwerke, über die wir heute noch weitestgehend im Dunkeln tappen.
Als Neolithikum wird die Epoche ab 9.600 v. Chr. bezeichnet, als die Jäger und Sammler in Vorderasien begannen, sesshaft zu werden. Ein für die Archäologie hochspannendes Gebiet ist Taş Tepeler („Steinhügel“) in der osttürkischen Provinz Şanlıurfa. Dort errichteten die postnomadischen Menschen die ersten Dörfer aus Kalkstein, und so haben sich Reste von Ansiedlungen bis heute im Erdreich erhalten. Mit der Ausstellung „Gebaute Gemeinschaft – Göbeklitepe, Taş Tepeler und das Leben vor 12.000 Jahren“ erinnert das Vorderasiatische Museum der Staatlichen Museen Berlin in Kooperation mit dem internationalen Taş-Tepeler-Projekt der Universität Istanbul an diese wichtige evolutionäre Phase der Menschheitsgeschichte. 74 Fundobjekte sind aus dem Archäologischen Museum Şanlıurfa angereist. Manche von ihnen waren vor sechs Jahren noch von Erdschichten verborgen.
Das neolithische Karahantepe etwa wird erst seit 2019 ausgegraben. Am Hang eines Kalksteinplateaus errichteten dort Jäger und Sammler ab 9.400 v. Chr. neben kleinen Wohnhäusern auch kreisrunde Monumentalgebäude. Diese wurden in die Erde hineingegraben, hatten einen Durchmesser von bis zu 27 Metern und besaßen neben einer umlaufenden Bank mit Wandnischen zwei mit Flachreliefs verzierte T-Pfeiler auf denen ein hölzernes Dach auflag. Die innere Aufteilung dieser Versammlungshäuser stellt die Berliner Ausstellung im Auftaktraum architektonisch nach, mit hohen Reliefpfeilern und im Rund positionierten Kalksteinstatuen. Die Skulpturen aus Karahantepe gehören zu den eindrucksvollen Hinguckern der Schau: Eine Leopardenfigur fletscht aggressiv ihr Maul voller Reißzähne, ein Wildschweinkopf hat angriffslustig seine Augen zu Schlitzen geschlossen. Welche Rolle diese Tiere in der Glaubenswelt der Menschen einnahmen, ist heute schwer zu sagen. Zweifellos aber waren ihre Darstellungen spirituell motivierte Respektbekundungen.
Die Erneuerungskraft des Neolithikums offenbart sich dann in viel alltäglicheren Objekten: Es sind jene Steingefäße aus Chlorit und Stößel aus Basalt, die man in Karahantepe und im nahe gelegenen, noch etwas älteren Göbeklitepe fand. Mit dem Temperaturanstieg nach der letzten Eiszeit breiteten sich in Vorderasien lichte Mandel-Pistazien-Wälder aus. Deren Erträge boten eine stabilere Nahrungsgrundlage als Fleisch. Dank pflanzlicher Kohlenhydrate wuchs nicht nur die Gemeinschaft, sondern es fand auch die Arbeit der Frauen, die die Nüsse in Mörsern zerkleinerten, eine kontinuierliche Aufwertung. In späteren Siedlungen der Region wie Gürcütepe (7.500–6.900 v. Chr.), in denen Wildpflanzen wie Einkorn oder Emmer domestiziert waren, entstanden deshalb kleine Frauenfigurinen als Kunstwerke. In der Ausstellung sind auch sie nun faszinierende Zeugnisse einer immer noch recht unerforschten Kultur.