Fractional Ownership senkt die Eintrittsbarriere in den hochpreisigen Kunstmarkt und eröffnet neue Möglichkeiten, in Kunst zu investieren. Die Versicherungswelt stellt dies jedoch vor besondere Herausforderungen. Ein Gastbeitrag
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23.04.2026
Der Kunstmarkt hat sich in den vergangenen Jahren rasant verändert. Während Kunstwerke traditionell von Einzelpersonen, Handel oder Institutionen erworben wurden, eröffnet das Modell des Fractional Ownership neue Möglichkeiten für Käufer:innen, die bislang keinen Zugang zu hochpreisigen Werken hatten. Beim Fractional Ownership wird ein Kunstwerk nicht mehr vollständig von einer Person oder Institution gehalten, sondern in eine Vielzahl von Anteilen aufgeteilt. Diese Anteile können von Investoren erworben werden, wobei oftmals digitale Zertifikate das Eigentumsrecht am Werk repräsentieren. Die operative Verwaltung, der Handel und die Veräußerung der Anteile liegen bei spezialisierten Plattformen oder Anbietern.
Das Modell erfreut sich zunehmender Beliebtheit: US-Unternehmer und Kunstsammler Thomas Kaplan hat erst vergangenen Herbst eine mögliche „fractionalization“ der Leiden Collection mit anschließender IPO-Struktur in Aussicht gestellt.[1] Der Markt selbst ist seit 2017 auf rund 500 Millionen USD in 2024 gewachsen und könnte in den nächsten zehn Jahren auf 5–10 Milliarden USD ansteigen, abhängig von Investoreninteresse und Entwicklung der Regulatorik.[2] Laut einer Studie haben bereits 9% der Befragten in den letzten zwölf Monaten in Kunstanteile investiert, während 61% (bei jüngeren Käufer:innen sogar 78 %) dies künftig für möglich halten.[3] Zu den bekanntesten Plattformen zählen Masterworks, Rally, Yieldstreet sowie Maecenas, Artemundi, Anthea und Luxembourg. Sie strukturieren nicht nur die Eigentümeranteile, sondern übernehmen auch die Authentifizierung, Provenienzprüfung und Absicherung der Werke. Für Anleger bedeutet dies: Zugang zu hochpreisiger Kunst, die sonst nur sehr vermögenden Sammler:innen offensteht.
Die Vorteile von Fractional Ownership liegen auf der Hand. Zunächst senkt das Modell die Eintrittsbarriere in den hochpreisigen Kunstmarkt erheblich – genau in jenem Segment, welches oft das größte Potenzial für starke Wertzuwachse hält. Investor:innen können in mehrere Werke investieren, ohne ihr Kapital auf ein einziges hochpreisiges Werk konzentrieren zu müssen. Hinzu kommt häufig eine gewisse Liquidität: Anteile werden gehandelt, ohne dass das Kunstwerk physisch den Besitzer wechseln muss – was oftmals ein langwieriger Prozess sein kann. Darüber hinaus können Plattformen Marktzugang und Bewertungskompetenz (nicht in jedem Fall) bieten, die einzelnen Kunstkäufer:innen sonst nur schwer zugänglich wären.
Den Vorteilen stehen jedoch auch klare Nachteile und Risiken gegenüber. Fractional Ownership ist rechtlich und regulatorisch komplex. Eigentumsrechte, Stimmrechte über Verkäufe oder konservatorische Maßnahmen müssen klar definiert werden, um Konflikte zu vermeiden. Aus versicherungstechnischer Sicht entsteht dadurch ein Spannungsfeld: Wirtschaftlich Berechtigte haben in der Regel keinen Einfluss auf risikorelevante Entscheidungen, während Versicherer auf die ordnungsgemäße Verwaltung und Konservierung durch die Anbieter vertrauen müssen. Anleger haben zudem oft kein direktes Mitspracherecht bei Entscheidungen über Restaurierungen, Transport oder Ausstellungen. Obwohl dies direkte Faktoren sind, die den Wert des Kunstwerks erheblich beeinflussen können. Dies ist zunächst nicht neu (Leihgaben in Museen, Kommissionsware im Handel), nimmt jedoch in diesem Fall eine andere Form an. Insbesondere stehen die Verantwortung für die Due Diligence sowie die operative Zuverlässigkeit der Anbieter in engem Zusammenhang mit Haftungsfragen und daraus resultierenden Betrugsrisiken, die sich aus unzureichender Prüfung, mangelnder Transparenz oder fehlerhafter Dokumentation ergeben können.
Der Erfolg der Investition hängt stark von der Integrität der Plattform ab und steht auf teils wackeligen Beinen, mit erheblichen Betrugsrisiken. Insolvenzen, Managementfehler oder mangelnde Transparenz haben bereits in ähnlichen Strukturen wie den Kunstfonds zu erheblichen Verlusten geführt, wie der Boom und auch das bald darauffolgende große Sterben vieler Fonds (mit nur wenigen Überlebenden wie The Fine Art Fund) gezeigt hat.
Ein besonders prägnanter Fall ist der von Inigo Philbrick, der 2020 verhaftet wurde, nachdem er wiederholt (und ohne das offizielle Vorhaben einen Fund zu betreiben sowie ohne das Wissen der Käufer) mehr als 100% Eigentumsanteile an denselben Kunstwerken verkauft und diese parallel als Sicherheiten eingesetzt hatte. Wenn auch eine andere Ausgangslage: Der Fall zeigt exemplarisch das Potenzial für Missbrauchs- und Betrugsrisiken in einem sehr undurchsichtigen Markt, das sich durch strukturierte Teilverkäufe noch potenziert.
Im Fall James A. Elkins ging es um Bruchteile an 64 Kunstwerken im Nachlass. Streitpunkt war die Bewertung solcher fractional ownership interests im Vergleich zum Volleigentum. Das Gericht entschied, dass ein Abschlag gerechtfertigt ist, da Bruchteilseigentum mit eingeschränkter Kontrolle, schwieriger Veräußerbarkeit und Abstimmungsbedarf verbunden ist. Anerkannt wurde ein Abschlag von rund 10 Prozent. Hier zeigt sich: Der Versicherungswert muss anders definiert werden. Es stellt sich die Frage, ob sich Prämien und Entschädigungen am Gesamtwerk oder am Anteilswert orientieren – mit entsprechend komplexer Schaden- und Bewertungslogik.