Antisemitismus auf der Documenta

Propaganda statt Aufklärung

Auch abseits der antisemitischen Bildsprache von Taring Padi finden sich auf der Documenta 15 fragwürdige Werke. Ob die geplanten Gesprächsrunden den Schaden begrenzen werden, ist fraglich

Von Tim Ackermann
28.06.2022
/ Erschienen in Kunst und Auktionen 11/22

Antisemitische Hetze darf in Kunstausstellungen keinen Platz haben. Deshalb war die Abhängung des großen Bildbanners „People’s Justice“ des indonesischen Künstlerkollektivs Taring Padi am Dienstag vergangener Woche auf der Documenta auch die notwendige und einzig richtige Reaktion auf einen Tabubruch, der die Kasseler „Weltkunstschau“ bis in ihre Fundamente hinein erschüttert hat. Keinesfalls handelte es sich um einen willkürlichen Akt der Kunstzensur in Folge einer „selbstbezogenen deutschen Erinnerungskultur“, wie nun Teile der Twittersphäre vermuten. Denn das Gedenken an Deutschlands schlimmstes Verbrechen, den Holocaust, findet nicht nur innerhalb der deutschen Grenzen statt. Und Taring Padis Darstellung eines Juden mit Vampirzähnen und SS-Runen auf dem Hut, der geschützt von Militär und Geheimdiensten im Hintergrund die Fäden zieht, verletzt Menschen in der ganzen Welt. Es ist nicht hinzunehmen, dass unter dem Deckmantel der postkolonialen Kritik antisemitische Klischees eine Wiederbelebung erfahren, die aus der Zeit des Nationalsozialismus bekannt sind. Dass das indonesische Kollektiv in seiner ersten Stellungnahme von seinem Bild als einer Arbeit sprach, „die in diesem speziellen Kontext in Deutschland als beleidigend empfunden wird“, machte den Skandal nur größer, weil damit die Ursache für den Eklat in den Gefühlen der entsetzten Betrachter verortet wurde. Mittlerweile hat sich Taring Padi jedoch bei der deutschen Öffentlichkeit und insbesondere der jüdischen Gemeinde entschuldigt.

Die Aufarbeitung des ersten Antisemitismus-Falls auf einer Documenta wird wohl noch einige Zeit dauern. Dabei darf nicht vergessen werden, dass es Warnsignale gab: Im Januar griffen deutsche Medien die Hinweise eines Kasseler Blogs auf, dass es im Umfeld des indonesischen Kollektivs Ruangrupa, das die Documenta 15 künstlerisch leitet, Befürworter eines Israel-Boykotts gebe. Tatsächlich existiert im Internet ein „Letter Against Apartheid“, der Staaten dazu aufruft, Handels- und Kulturbeziehungen zu Israel zu kappen. Unter diesem offenen Brief liest man den Namen von Ade Darmawan, Mitglied von Ruangrupa, sowie die Namen von drei Kuratorinnen des vierköpfigen künstlerischen Teams, das Ruangrupa bei der Umsetzung der Documenta unterstützte. Ein Fakt, der bis heute von der Documenta nicht erklärt wurde.

Guernica Gaza The Question of Funding Documenta Fifteen
Documenta-Installation „The Question of Funding hosts Eltiqa“ (2022) mit einem Werk aus der Serie „Guernica Gaza“. © Nils Klinger

Unter diesen Voraussetzungen war es logisch, dass die Öffentlichkeit bei dieser Documenta sehr genau hinschauen würde, was die Darstellung von Israel und von jüdischen Menschen in den Kunstwerken angeht. Es wäre die Aufgabe von Documenta-Generaldirektorin Sabine Schormann gewesen, die Mitglieder von Ruangrupa für diese Themen zu sensibilisieren. Dass dies in den vergangenen Monaten offensichtlich nicht ausreichend gelang, ist Schormanns Versagen. Ihre Argumentation noch am ersten Skandaltag, dass die Documenta-Geschäftsführung keine künstlerische Prüfinstanz sei, wirkte vorgeschoben angesichts ihres eigenen Versäumnisses, für die Ausstellung einen verbindlichen Werterahmen abzustecken. Nun sollen zur Begutachtung der Documenta-Exponate doch noch ausgewählte Expertinnen und Experten zu Hilfe geholt werden, darunter beispielsweise Meron Mendel, Direktor der Bildungsstätte Anne Frank in Frankfurt. All das passiert freilich viel zu spät. Am 7. Juli wird sich der Bundestag in seiner Sitzung mit dem Skandal beschäftigen. Kaum vorstellbar, dass Schormann Documenta-Geschäftsführerin bleiben wird.

Man darf nun gespannt sein, wie Meron Mendel eine Reihe von israelkritischen Kunstwerken bewertet, die auf der Documenta 15 gezeigt werden. Für Unmut sorgte bereits die Serie „Guernica Gaza“ des palästinensischen Künstlers Mohammed Al Hawajri, denn der Titel setzt die Militäraktionen Israels im Gazastreifen mit dem Bombardement der spanischen Stadt Guernica durch die deutsche Luftwaffe im Jahr 1937 gleich. Al Hawajri collagiert Szenen aus Gemälden von Vincent van Gogh oder Jean-François Millet mit Nachrichtenfotos zu Bildbotschaften voller Klischees: Die schlafenden Bauern aus Millets „La Méridienne“ symbolisieren die Palästinenser als vermeintlich wehrloses Feldarbeitervolk, während im Hintergrund die hoch technisierte Bedrohung in Gestalt eines israelischen Panzers anrollt. Hinweisschilder im Raum liefern Informationen zur zweifellos schwierigen materiellen Lage von Künstlern im Gaza-Streifen. Aber auf einem Schild steht unter dem Wort „Kontext“ eben auch folgender lapidarer Satz: „Die israelischen Besatzer beginnen am 7. August 2014 ihren dritten Krieg gegen den Gaza-Streifen; der Angriff endet am 28. August.“ Knappe Worte, die verschweigen, was der Militäraktion unmittelbar vorausging – die Entführung und Ermordung dreier israelischer Jugendlicher durch palästinensische Terroristen, eine anschließende Verhaftungswelle von Hamas-Führern durch das israelische Militär und danach ein dauerhafter Raketenbeschuss Israels durch die Hamas. Ein komplexer Konflikt wird nun auf der Documenta einseitig und verkürzt dargestellt, die Ausstellung lässt sich dabei willentlich als Plattform für politische Propaganda benutzen. Wer sich dabei an geschlossene Diskursblasen im Internet erinnert fühlt, die konträre Meinungen ausgrenzen, liegt nicht einmal falsch. Und vielleicht ist es diese traurige Vorstellung, die einen am stärksten spüren lässt, wie in Kassel das Ideal einer aufklärerisch wirkenden Kunstausstellung gerade nachhaltig zerstört wird.

Service

PODIUMSDISKUSSION

„Antisemitismus in der Kunst“

Mit Meron Mendel (Direktor der Bildungsstätte Anne Frank), Prof. Dr. Doron Kiesel (wissenschaftlicher Direktor der Bildungsabteilung des Zentralrats der Juden in Deutschland) und Hortensia Völckers (künstlerische Direktorin und Vorstandsmitglied der Kulturstiftung des Bundes)

Wann: Mittwoch, 29. Juni 2022, 18:30 Uhr 

Veranstaltungsort: UK 14, Untere Karlsstraße 14, Kassel

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