16.01.2020 Sandra Prechtel

„Eisbären sind gerade unverkäuflich“

Seit 15 Jahren offeriert die Galerie Lumas Fotokunst zu erschwinglichen Preisen. Ein Gespräch mit Gründer Marc Ullrich über seinen Weg zur Kunst

Am Anfang stand eine radikale Idee. Warum sollte man Fotokunst nur als großformatiges Unikat und in Kleinstauflagen von drei bis zehn Exemplaren sammeln dürfen? Ginge es nicht auch in etwas kleinerer Größe und höherer Auflage? Jetzt musste man nur noch die Künstler überzeugen, sich auf diese neue ­Editionspraxis einzulassen. Viele ließen sich von dieser Idee anstecken. Heute kann man bei Lumas exklusive Arbeiten von Michel Comte,­ Stefanie Schneider, Werner Pawlok, Sandra Rauch, Olaf Hajek oder Wolfgang Joop erwerben, aber auch von Klassikern wie Edward Steichen, Berenice Abbott oder Will McBride. Wir trafen Lumas-Gründer Marc Ullrich in seinem Büro im Berliner Westen und erfuhren, wie eine Weltreise ihm ganz neue Perspektiven eröffnete.

Was war das erste Kunstwerk, das Sie in Ihrem Leben erworben haben?

Das waren drei Arbeiten von Jörg Sasse, einem Schüler von Bernd und Hilla Becher. In der Galerie Wilma Tolksdorf, damals noch in Frankfurt. Bei anderen Galerien lag die Hürde höher. Drei Treppen in einem Hinterhaus hochsteigen und an eine Stahltür klopfen. Und dann bekennen müssen, dass man jene Ausstellung noch nicht gesehen, dieses Buch noch nicht gelesen hat. Der Kauf war wie eine Prüfungssituation. Und so ist dann auch die Idee für Lumas entstanden. ­Einen sichtbaren Ort zu schaffen, an dem ein breites Publikum den Weg zur zeitgenös­sischen Kunst findet.

Das Konzept ist offensichtlich aufgegangen. Lumas vertritt inzwischen 200 Künstler, neben dem Onlinegeschäft haben Sie 26 Galerien auf der ganzen Welt eröffnet. Trotzdem hatten Sie am Anfang mit erheblichem Gegenwind zu kämpfen.

Der Kunstmarkt ist recht verschlossen, konservativ und dünkelhaft. Und steht allem Neuen prinzipiell erst mal ablehnend gegenüber. Man muss nur sehen, wie langsam die Digitalisierung vorangeht, wie wenig Onlineplattformen es immer noch gibt. Während sich ein Autor und sein Verlag über ein breites Publikum freuen, war bei den Galeristen immer nur von Verknappung die Rede. Inzwischen sieht man uns jedoch als Parallelphänomen, das den Kunstmarkt eher belebt. Weil Lumas viele Menschen erst zu Sammlern macht. Ein Kunde der ersten Stunde, der mit zehn Arbeiten aus unserem Portfolio ange­fangen hat, besitzt heute eine beachtliche Sammlung zeitgenössischer ja­panischer Kunst. Eine durchaus typische Lumas-Samm­­ler-Karriere!

Warum sammeln Menschen überhaupt Kunst? 

Kunst zu sammeln befriedigt nicht einfach das Auge. Es ist etwas viel Tieferes, Persönlicheres. Das Bild, für das sich ein Käufer entscheidet, verweist oft auf eine Leerstelle, die ausgefüllt, auf einen Schmerz, der gelindert werden soll. Kunst bedient häufig eine Sehnsucht, sie kann etwas Therapeutisches haben. Ich selbst habe nie einen Zugang zum taktischen, strategischen Sammeln gefunden, bei dem es in erster Linie um potenzielle Wertsteigerung geht. Sammeln ist für mich im Idealfall etwas Zwangsläufiges, Unvermeidbares. Auch etwas Irrationales. Ich stehe vor einem Bild und muss es haben. Eine Kunstsammlung, die mit der Seele zusammengetragen ist, erzählt sehr viel über den Menschen. 

Woher kommt Ihre Vorliebe für Fotografie, die ja auch einen Großteil des Angebots von Lumas ausmacht? 

Fotografie war einfach unser erster Schritt in die Welt zeitgenössischer Kunst. Von Sasse zu Thomas Ruff, dann landet man schnell bei Elger Esser oder Thomas Struth. Und Fotografie funktioniert sehr intuitiv, ist etwas Spontanes, selbst bei den Fotografinnen und Fotografen, die mit einem ausgefeilten Konzept arbeiten. Und dieser Ansatz interessiert uns auch als Galeristen. 

Was ist im Augenblick Ihr Lieblingsbild?

Eine Fotografie von Robert Polidori. Es zeigt einen feuerroten, rostigen Amischlitten aus den 1950er-Jahren in Havanna. Ich habe es auf einer Auktion ersteigert, das Foto begleitet mich aber schon viel länger. Anfang 2000 war ich in New York. Ich wollte damals unbedingt Polidoris Havanna-Buch haben. Es war vergriffen, aber ich fand ein Exemplar im Internet. Da kam dann so ein Typ ins Hotel und wollte 180 Dollar dafür. Ich habe es trotzdem gekauft und war wahnsinnig stolz. Und jetzt wird dieses feuerrote Auto in meinem neuen Büro hängen.

Robert Polidori, Vintage car with composite part, Havana, 1997, Fujicolour Crystal Archival print, Abbildung: Robert Polidori/Courtesy of Phillips
Robert Polidori, Vintage car with composite part, Havana, 1997, Fujicolour Crystal Archival print, Abbildung: Robert Polidori/Courtesy of Phillips

Wie sieht es bei Ihnen zu Hause aus? Gibt es noch eine freie Wand oder Ecke? 

Es gibt ja diesen Satz, Sammler ist man erst, wenn man ein Depot braucht. Schon als ich 14 war, hing mein Jugendzimmer voller Dalí-Poster. Als ich mit meiner Frau nach Berlin kam, haben wir ein altes verfallenes Haus vor den Toren der Stadt gekauft und es zwei Jahre lang renoviert. Und wir hatten diese unendlich vielen leeren weißen Wände. Jetzt haben wir so viele Bilder, dass wir re­gelmäßig umhängen, immer wieder nach neuen Kontexten ordnen, je nach aktueller Grübellaune.

Mit 17 haben Sie die erste Computer-­Gaming-Company Deutschlands gegründet. Wie sind Sie von da zur Kunst gekommen? 

Der Bürgermeister von Gütersloh hat mich für vorzeitig volljährig erklärt, damit ich rechtskräftig Unterschriften leisten konnte. Vormittags habe ich Abi gemacht, nachmittags die Firma mit zehn Angestellten geführt. Ich dachte, das ist lukrativer, als bei McDonald’s zu jobben. Einen Tag nach dem Abi war Gütersloh mir zu eng, und ich bin erst nach Frankfurt und dann nach New York gegangen. Zusammen mit meiner Frau, die ist Kunsthistorikerin. In New York gab es einen Antiquitätenmarkt mit einem grim­migen alten Mann, der verkaufte in kleinen ­Kisten Pressefotografien aus den 1910er- und 1920er-Jahren. Polizeipferde mit Gasmasken und andere Kuriositäten, und darauf waren mit der Hand tippexartige Retuschen und Ausschnitte aufgemalt. Das war ursprünglich journalistische Fotografie, aber in der Zusammenschau war es unser Zugang zur fotografischen Kunst. 

Kommen Sie heute überhaupt noch zum Entdecken, verfolgen Sie die Kunstszene? 

Den ganzen Tag durch die Galerien von Berlin-Mitte stromern, das war so unsere romantische Vision, als wir 2003 anfingen. Davon ist nicht viel übrig geblieben. Deshalb haben wir uns vor vier Jahren auch mal völlig ausgeklinkt und sind zwei Jahre auf Weltreise gegangen. Mit unseren beiden Töchtern. An Orte, die nicht gerade oben auf der Liste des Kunsttourismus stehen. Bis nach Äthiopien, Kambodscha oder Laos. Wir haben natürlich trotzdem unendlich viele Galerien und Museen besucht. Und auch viele von unseren Künstlern. Die Reise hat uns noch mal eine ganz neue Perspektive auf ­Lumas eröffnet. Und das wird sich in den nächsten Jahren materialisieren.

Was sind Ihre konkreten Pläne? 

Es ist ganz natürlich, dass man erst mal mit den Ländern anfängt, deren Kulturraum man gut zu kennen glaubt. Österreich, die Schweiz, Italien, Frankreich. Inzwischen sind wir auf drei Kontinenten, Europa, Nordamerika, Kanada. Unser nächster Schritt werden Galerien in Hongkong und China sein. Darauf freuen wir uns wahnsinnig. Asien ist natürlich nicht nur ein anderer Kulturraum, sondern auch ein anderer Rechtsraum. Aber die chinesischen Käufer sind gerade sehr am Kunstgeschehen der alten Welt interessiert. Und bei uns dominieren ja eindeutig die europäischen Künstler. 

Gibt es auch Kulturen, in denen das Konzept von Lumas nicht funktioniert?

Wir hatten eine Galerie in Riad. Das war ein grandioser Flopp. Weil die saudische Gesellschaft auf der Idee des Superlativs beruht, wo Porsche sich nur in der Rennsportversion verkauft. Da ist die kulturelle Differenz zu groß. Gagosian wäre da vermutlich perfekt aufgestellt. Melbourne dagegen hat gut funktioniert, weil dort Kunst inhaltsgetrieben und nicht statusgetrieben wahrgenommen wird.

Wohin bewegt sich Lumas künstlerisch?

Ich bin total begeistert von den Möglichkeiten des 3-D-Drucks. Also 3-D geprintete Skulpturen on demand. Die Technik wird immer perfekter, die Materialität wird besser, es gibt inzwischen Stahl und Bronze-Legierungen, die verblüffend schön aussehen und sich auch gut anfühlen. 

Gibt es gerade Motive, eine Epoche, einen Stil, der sich besonders gut verkauft?

Als zahlenaffine Galeristen haben wir immer wieder versucht, das Kaufverhalten zu analysieren. Man kann einfach keinen Trend erkennen. Außer dass unsere Galerien heute wohnlicher sind, während wir damals mit kühlen, reduzierten Möbeln von e15 angefangen haben. Und dass das, was bei uns an der Wand hängt, dem ein Stück weit folgt. Es beruhigt mich eigentlich, dass so etwas mathematisch nicht dechiffrierbar ist. Das Einzige, was wir wirklich sagen können: Eisberge und Eisbären sind gerade absolut unverkäuflich. Unsere Kunden begeistert eher, dass wir gerade 20 000 Bäume gepflanzt haben und Lumas CO₂-neutral aufstellen.

Service

Dieser Beitrag erschien in

WELTKUNST Nr. 166/2020