Kunstwissen

Mike Leigh: Bild meines Lebens

Kunst spielt im Leben des Regisseurs Mike Leigh schon immer eine große Rolle: Er besuchte eine Kunsthochschule und widmete dem Landschaftsmaler William Turner einen Film. Uns verriet er, welches Gemälde ihn besonders bewegt

Von Mike Leigh
31.10.2017

Mein Großvater war ein Gebrauchsgrafiker, der davon lebte, Fotos zu kolorieren. Manchmal hat er auch ein Porträt gemalt. Ich selbst zeichne auch ganz gut, nicht erst seit ich vor Jahrzehnten die Kunsthochschule besucht habe. Mit einem Ball am Fuß konnte ich in meiner Kindheit nichts anfangen, mit einem Zeichenstift dagegen schon. Die Malerei spielt auch eine wichtige Rolle in meinen Filmen, Zeichner und Maler haben schon immer Einfluss auf meine Arbeit als Regisseur gehabt.

Von Ronald Searle bis Edward Hopper

Ich bin zum Beispiel ein großer Fan des verstorbenen Cartoonisten Ronald Searle, dessen hintergründigen schwarzen Humor ich liebe. Recht spät, in den Achtzigern, habe ich Edward Hopper für mich entdeckt. Wenn ich zusammen mit meinem Kameramann Dick Pope an einem Film arbeite und wir in einer Szene etwa ein leeres Café zeigen, dann sagt einer von uns beiden irgendwann: Das ist jetzt unsere Hommage an Hopper. Es gibt einige dieser Hopper-Momente in meinen Filmen.
Für „Mr. Turner – Meister des Lichts“ habe ich mich dann intensiv mit den Bildern von William Turner beschäftigt. Er hat einige außergewöhnliche Bilder gemalt, manche davon extrem aufregend – zum Beispiel „Rain Steam and Speed“, das wir im Film heraufbeschwören. Es fasziniert mich, wie Turner das Licht einsetzt.

Ein wichtiger Künstler ist für mich auch Jan Vermeer, bei meinen vorletzten Film „Another Year“ habe ich mich an seinem Werk orientiert. Seine Bilder sind großartig. Ich könnte mir stundenlang seine „Junge Frau am Virginal“ ansehen, und ich würde immer wieder Neues entdecken. Oberflächlich betrachtet ist es ein kleines, simples Bild, aber in Wirklichkeit ist es sehr tiefgründig und hallt auf vielen verschiedenen Ebenen nach. Ach, es ist so schwierig, ein Kunstwerk hervorzuheben, es gibt so viele Möglichkeiten! Aber dieses Bild bedeutet wirklich etwas ganz Besonderes für mich.

Aufgezeichnet von Jörg Böckem

Service

Dieser Beitrag erschien in

WELTKUNST Mr. 109 / 2015

Ausstellung

Johannes Vermeers „Junge Frau am Virginal“ ist bis zum 25. Februar 2018 in der Ausstellung „Rembrandt, Vermeer and Hals in the Dutch Golden Age: Masterpieces from The Leiden Collection“ im Long Museum, Shanghai, zu sehen

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