17.08.2017 Herta Müller

Herta Müller: Bild meines Lebens

Sie erfand ihre eigenen, unverwechselbaren Worte, um das tägliche Leben in einer Diktatur zu beschreiben. Uns verriet die Literaturnobelpreisträgerin, welches Gemälde sie bewegt 

Herta Müller über Felix Nussbaums
„Junge, rotblonde Frau in Schwarz mit Hut und Perlenkette“

Ich nenne sie Die Fremde. Ihr Gesicht ist mal ängstlich, mal fragend, mal gleichgültig. Vielleicht ist jedes Mal meine eigene Stimmung in ihrem jungen Gesicht. Aber wieso bleibt diese Person, obwohl oder gerade, weil sie nichts versteckt, immer für sich? Felix Nussbaum hat dieses Bild 1927 gemalt und bald danach weggegeben. Sonst wäre es im Dezember 1932 beim Brand seiner Wohnung in Berlin wahrscheinlich zerstört worden. Durch den Leichtsinn von Hausbewohnern hatte das Dach Feuer gefangen. Fast sein ganzes Frühwerk verbrannte. Er selbst war damals in Rom als Stipendiat der Villa Massimo. Sein Ateliernachbar war dort Arno Breker. Lange blieb Nussbaum nicht in Rom. Im Mai 1933 wird er aus der Villa Massimo geworfen.

Die Fremde hat ihr schwarzes hochgeschlossenes Kleid angezogen, ihr schwarzer Hut sitzt tief in der Stirn. Nur eine Haarsträhne hängt übers Ohr, ein gelber Pinselfleck. Sie trägt eine lange filigrane Perlenkette wie eine doppelte Schlinge. Eine Schlinge liegt ganz eng am Hals, sie ist von der Brust nach oben gerutscht, wie es mit leichten Halsketten passiert, wenn man sich beeilt. Der Hintergrund des Bildes ist ein dunkles Blaugrün, wie später Abend, wenn in den Bäumen schon zu viel Schwarzes sitzt. Für Nussbaum war Grün die Farbe des Todes und Blau die Farbe der Erinnerung. Ich glaube, Die Fremde ist ihrem eigenen Leben fremd geworden. Aber wodurch?

Felix Nussbaum, „Junge, rotblonde Frau in Schwarz mit Hut und Perlenkette“, Galerie Bassenge, Berlin
Felix Nussbaum, „Junge, rotblonde Frau in Schwarz mit Hut und Perlenkette“, Galerie Bassenge, Berlin

„Der Geruch seiner Farben hat ihn verraten“

1938 lebte Nussbaum im Exil in Belgien und konnte noch an Ausstellungen teilnehmen. In einem Brief beschreibt er ein heute nicht mehr erhaltenes Gemälde aus dieser Zeit so: Ein kleiner Junge lehnt seinen Kopf an den einer Frau vor einem grünen stumpfen Hintergrund mit Soldaten und Kreuzen. Die Frau weint, und ihre Tränen verwandeln sich in Perlen. Nussbaum nennt dieses Bild Ausdruck seiner Zeit, der Zeit der Verfolgung. Als er das malte, hatte das Schlimmste – Krieg und der Massenmord – noch gar nicht begonnen. Nussbaum wurde 1944 in seinem Versteck in Brüssel entdeckt. Der Geruch seiner Farben hat ihn verraten. Er wurde nach Auschwitz verschleppt und am 2. August 1944 ermordet. Wenn ich heute vor Der Fremden stehe, schleicht sich auch das Schicksal des Malers Felix Nussbaum in ihr Geheimnis. Ein nachgetragener Schrecken. Oder war es eine Vorahnung.

Service

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Credit: Sarah Brück

DIESER BEITRAG ERSCHIEN IN

Weltkunst Nr.112/2016