26.06.2017 Renate Franke

2000 Werke der Alten Nationalgalerie neu erfasst

Eine Großtat ist vollbracht! Der Bestandskatalog der im Besitz der Nationalgalerie Berlin befindlichen Gemälde des 19. Jahrhunderts ist veröffentlicht: auf Papier und online 

An  die zweitausend Abbildungen und ebenso viele Bildbeschreibungen machen diesen in zwei Bänden präsentierten „Bilder-Atlas der Malerei des 19. Jahrhunderts“  zu einem  Nachschlagewerk, das vor allem durch „Sichtbarmachung“ für  Kunstliebhaber, Händler, Sammler und Forscher gute Dienste leisten will. Die Siemens Kunststiftung hat das Unternehmen großzügig unterstützt.

Malkunst im 19. Jahrhundert. Die Sammlung der Nationalgalerie, Katalogcover Band 1 und 2, Michael Imhof Verlag, 24 × 31,5 cm, 2 Bände, zusammen 944 Seiten, ca. 1750 Abbildungen
Malkunst im 19. Jahrhundert. Die Sammlung der Nationalgalerie, Katalogcover Band 1 und 2, Michael Imhof Verlag, 24 × 31,5 cm, 2 Bände, zusammen 944 Seiten, ca. 1750 Abbildungen

 Warnung: schwer!

Die Handhabung der beiden Bände bereitet allerdings Schwierigkeiten, sie ist für Personen von Normalstatur und Körperkräften kaum zu bewältigen. Bei einer  Blattgröße von H 31,5 cm x B 23,5 cm, bei schwerem, gut satiniertem  Kunstdruckpapier und einem Umfang von jeweils etwa 500 Seiten entstanden außergewöhnlich großformatige und schwergewichtige Bildbände: Ich bin nicht im Stande, einen davon mit einer Hand zu halten. Für Bücherregale stehen ebenfalls Probleme an.

Der Bankier sammelte Bilder lebender Künstler

Über das Informative hinaus ermöglichen die beiden Bildbände reizvolle Einblicke in die im Jahr 1861 mit einer Schenkung  des Bankiers Joachim Heinrich Wilhelm Wagener, 1782-1861, beginnende Geschichte der Malerei-Sammlung der Nationalgalerie. Wagener  war seit 1820 Alleininhaber des Berliner Handels- und Speditionshauses  Anhalt & Wagener mit Sitz in der zum Schloss führenden Brüderstraße. Er war ein erfolgreicher Bankier und ein engagierter, kenntnisreicher Sammler von Gemälden „lebender Künstler“. Wagener hatte im Lauf der Jahre mit  „einem Kostenaufwand von 100.000 Thlrn.“  eine Sammlung zusammengetragen, für die er sich kunstgeschichtliches Interesse erhoffte, da sie die aktuelle Kunstentwicklung an Bildern bedeutender Maler anschaulich machte. Er bestimmte testamentarisch,  dass die Sammlung nach seinem Tod als Legat an den preußischen Staat gehen sollte.

Eröffnung der Nationalgalerie 1861 zum Geburtstag des Königs

Durch Erlass vom 27. Februar 1861 nahm Wilhelm I. die Schenkung an. Am Geburtstag des Königs, dem 22. März 1861, wurde die Wagenersche und Nationalgalerie  im damaligen Gebäude der Akademie der Künste Unter den Linden eröffnet. Sie wurde zur  Gründungs-Sammlung, mit der sich die Nationalgalerie Berlin konstituierte.

Der Nationalgalerie-Bestandskatalog auf Papier ist alphabetisch geordnet, er hat Text- (links) und Bildseiten (rechts).  Auf der Textseite stehen die Künstlernamen jeweils mit Geburts-, Todesjahr und Ort, auf der Bildseite sieht man weiträumig platzierte Farbabbildungen der chronologisch geordneten Werke der Künstler, jeweils mit knapper Bildlegende und einprägsamer Beschreibung. Der Umfang der Nationalgalerie-Sammlung an Malerwerken des 19. Jahrhunderts bringt es mit sich, dass die Qualität der Bildbeschreibungen nur stichprobenartig ermittelt werden kann.

Malkunst im 19. Jahrhundert. Die Sammlung der Nationalgalerie, Katalogcover Band 1 und 2, Michael Imhof Verlag, 24 × 31,5 cm, 2 Bände, zusammen 944 Seiten, ca. 1750 Abbildungen
Malkunst im 19. Jahrhundert. Die Sammlung der Nationalgalerie, Katalogcover Band 1 und 2, Michael Imhof Verlag, 24 × 31,5 cm, 2 Bände, zusammen 944 Seiten, ca. 1750 Abbildungen

Stichprobe: Franz Krüger

Eine Stichprobe beim Berliner Maler Franz Krüger, dessen „Paradebildern“  ich meine Dissertation widmete, brachte ein irritierendes Ergebnis. Die von Birgit Verwiebe verfasste Beschreibung des von Franz Krüger auf der Berliner Akademie Ausstellung  von 1830 vorgestellten  Gemäldes  „Eine Parade“  beginnt mit einer falschen Bezeichnung des Gemälde-Titels: Verwiebe nennt das Bild „Parade auf dem Opernplatz in Berlin“, ein Titel, der Irritationen beruft und Verwechslungen mit später entstandenen „Paradebildern“ Franz Krügers nahelegt. Im Folgetext der Beschreibung des Gemäldes „Eine Parade“ spricht Verwiebe von einem Bildaufbau, der: „den konventionellen Kompositionshierarchien des Ereignisbildes“ widerspricht.

Was ist ein Ereignisbild?

Der Begriff des „Ereignisbildes“, der von Werner Hager im Jahr 1939 als: „Beitrag zur Typologie des weltlichen Geschichtsbildes “ in die Kunstgeschichtsschreibung eingeführt wurde, ist hier fehl am Platz. „Konventionelle Kompositionshierarchien des Ereignisbildes“ können sich eigentlich erst nach dieser  Begriffsbildung Hagers entwickelt haben. In seinem Beitrag zur Typologie des weltlichen Geschichtsbildes analysierte Werner Hager die Kunstentwicklung der Umbruchzeit von der Hofkunst (Historienmalerei) die dem Herrscherlob am Beispiel großer historischer Vorbilder diente, zu  realitätsorientierten  Darstellungen bedeutender Ereignisse  der miterlebten Zeit. Hager gab ihnen den Namen „Weltliche Ereignisbilder“. Franz Krügers Bild „Eine Parade“ war ein klassischer Hofkunst-Auftrag. Auftraggeber war Zar Nikolaus I. Von ihm und dem Zarenhof in St. Petersburg erhoffte Krüger sich für die Folgezeit eine zahlungskräftige Klientel. 

„Eine Parade“

Diese Voraussetzungen machen Krügers Entschluss, sein Bild „Eine Parade“ ohne Rücksicht auf Hofmalerei-Traditionen und herrscherliche  Bilderwartungen  für einen Großauftritt der Berliner Bürgerschaft zu nutzen, zu einer Tat von außergewöhnlichem Rang. Das Bild nahm künftige Entwicklungen vorweg, es gab der sich eben formierenden sozialen Gruppierung der „Bürger“ Auftrieb und Selbstbewusstsein. Das sollte in der Bildbeschreibung zum Ausdruck kommen. 

 Bestandskatalog online

Auch auf SMB-digital.de, der Onlinedatenbank der Staatlichen Museen zu Berlin, steht die im Besitz der Nationalgalerie Berlin befindliche Sammlung der Malerei des 19. Jahrhunderts zur Verfügung. In der digitalen Fassung wurde das Bestandsverzeichnis der Gemälde des 19. Jahrhunderts um sämtliche Provenienzen, Literatur und Ausstellungsnachweise ergänzt. Die Bilder sind hochauflösend und detailgenau vergrößerbar. Die Online-Datenbank wird ständig aktualisiert, sodass der Forschung hier ein Nachschlagwerk zur Verfügung steht, das tatsächlich alle jeweils vorhandenen Daten verzeichnet.

Schrittweise vorgehen

Die Online-Datenbank der Staatlichen Museen Berlin fordert vom Nutzer ein gewisses Know-how. Schrittweises Vorgehen ist empfehlenswert: Öffnen der Internetseite www.smb-digital.de. Gehen zu: „Erweiterte  Suche“. Dann im Feld:  „Volltext-Suche“ „Nationalgalerie“ eingeben, eingrenzen  auf „1800-1900“. Dann auf „Suche“ tippen und den gewünschten Künstlernamen eingeben. Unbedingt auf „Hinweise“ achten!

Friedrich Wasmann, Paul, Maria und Filomena von Putzer, 1840 Öl auf Leinwand, 37 x 49 cm © Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie / Andres Kilger
Friedrich Wasmann, Paul, Maria und Filomena von Putzer, 1840 Öl auf Leinwand, 37 x 49 cm © Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie / Andres Kilger

Service

Malkunst im 19. Jahrhundert. Die Sammlung der Nationalgalerie

Herausgegeben von Angelika Wesenberg, Birgit Verwiebe  und Regina Freyberger. Imhof-Verlag, Hardcover, 24 x 31,5 cm, 2 Bände, zusammen 944 Seiten, 1750 Abbildungen. Einführungspreis: bis zum 31. Dezember 2017 im Museum: 99 Euro, danach 128 Euro, im Buchhandel: 148 Euro, danach 199 Euro.