12.05.2017 Simone Sondermann

Das zweite Leben des Sammlers Ulrich Köstlin

Der ehemalige Manager Ulrich Köstlin hat sein Haus nahe dem Gendarmenmarkt zur Bühne für die junge Berliner Künstlergeneration gemacht. Zu Besuch bei einem Mann, der sich neu erfunden hat

Das elegante Wohn- und Geschäftshaus in der Friedrichstadt sieht aus, als hätte es die Verwundungen des 20. Jahrhunderts unbeschadet überstanden. Doch der Eindruck täuscht. Seine klassizistische Fassade ist ein Kunstwerk aus neuerer Zeit. Eine Rekonstruktion wie so vieles in dieser Gegend rund um die Wilhelmstraße, Leipziger und Friedrichstraße, die als Herzstück des Deutschen Reiches im Zweiten Weltkrieg schwer zerstört wurde und später jahrzehntelang von der Mauer durchschnitten war. Als Ulrich Köstlin das Haus im Jahr 2004 erwarb, war es zwei Stockwerke niedriger als heute und trist verputzt. Auf einem historischen Foto des benachbarten Pfarrhauses, das er im Stadtarchiv fand, ließ sich noch ein Stück des ursprünglichen Zustands erkennen. Dies war der Ausgangspunkt für eine Neuerschaffung. Nicht nur des Domizils, sondern eines ganzen Lebens.

Kunstsammeln als neue Herausforderung

Zum Tee empfängt Köstlin im 4. Stock, es gibt selbst gebackenen Pflaumenkuchen. Das sogenannte Familienzimmer und der durch eine große Flügeltür verbundene Salon erinnern mit ihrem Parkettfußboden, dem fein gearbeiteten Stuck an der Decke und dem ausgewählten antiken Mobiliar noch an die Gründerzeit, in der das Haus gebaut wurde. An den Wänden begegnet dem Besucher das Heute: ein Spiegelobjekt von Ulrich Vogl, Iwajla Klinkes Fotografien fetischhaft bemalter junger Männer oder an der Stirnwand, da, wo Köstlins Yogamatte lehnt, zwei großformatige Tusche-„Kopfbäume“ von Michael Wutz. Köstlin sammelt Gegenwartskunst, seit seiner Pensionierung vor fünf Jahren, da war er gerade mal 59, hat er dies zu seiner Lebensaufgabe gemacht.„Ich habe etwas gesucht, das mir eine ähnliche geistige Auseinandersetzung bietet wie mein Beruf, und habe es in der Kunst gefunden“, erzählt er. In seinem früheren Leben war der promovierte Jurist Köstlin einer von Deutschlands Topmanagern, erst Vorstand bei Schering, dann beim Pharmariesen Bayer, verantwortlich für 20000 Mitarbeiter. Noch immer sitzt er in einigen Aufsichtsräten, „damit mein berufliches Wissen nicht ganz verloren geht“. Er war mehr als 20 Jahre lang verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder.

Unter der Wendeltreppe sieht man Iwajla Klinkes Fotoporträt eines Opferwidders von 2014 (Foto: Wolfgang Stahr)
Unter der Wendeltreppe sieht man Iwajla Klinkes Fotoporträt eines Opferwidders von 2014 (Foto: Wolfgang Stahr)

Gegenwart statt Ahnenporträts

Der Stammbaum der Tübinger Familie Köstlin lässt sich bis ins 15. Jahrhundert zurückverfolgen, Architekten, Pfarrer, Honoratioren, auch Dichter und Komponisten, die Liste der bedeutenden Namen ist lang. Früher hing im Familienzimmer eine ganze Reihe von Ahnenporträts, sein „Gruselkabinett“, wie Köstlin scherzt, mittlerweile mussten sie fast alle zeitgenössischen Kunstwerken weichen. Kurz nach seinem 50. Geburtstag lernte Köstlin in New York den 20 Jahre jüngeren Nathan Scheider kennen, Spross einer vermögenden Anwaltsfamilie aus Minnesota, eine, das kann man so pathetisch sagen, schicksalhafte Begegnung, die seinem Leben eine entscheidende Wende gab. Kurz darauf, im Jahr 2003, folgte sein Coming-out, ein bis heute außergewöhnlicher Schritt in der strikt heterosexuellen Welt der deutschen Dax-Manager, ein weiteres Jahr später kaufte er das Haus in der Kronenstraße als neuen Lebensmittelpunkt für Nathan und sich.

Salonkultur auf Einladung

Vom 4. Stock führt eine Wendeltreppe in die beiden darüberliegenden Geschosse, die Köstlin im Zuge der Sanierung des Hauses hat hinzufügen lassen. „Allein die Baugenehmigungen haben Jahre gedauert“, erinnert er sich. Der große Saal im 5. Stock, in dem ein Bechstein-Flügel und ein Korkmodell des legendären Techno-Clubs Berghain von Philip Topolovac in kultivierter Eintracht nebeneinanderstehen, dient als Ort für die Abendgesellschaften, die das Paar regelmäßig veranstaltet. Künstler der Sammlung erhalten so die Chance, sich einem kunstaffinen Publikum im privaten Rahmen zu präsentieren, auch für Nachwuchsmusiker gibt er solche Soireen. Die Einladungen sind begehrt, Nathan und er sind gute Gastgeber, nicht selten steht der Hausherr vorher selbst am Herd. Ein Feuilletonist der Welt bejubelte die Köstlin’schen Abende im vergangenen Jahr als rares Zeichen echter Salonkultur in Berlin.

Fotoserie (2010) von Iwajla Klinke, einem Spiegelobjekt von Ulrich Vogl, dem Aquarell „Commune“ von Stevie Hanley, und einer Pyramide Yasmin Alts.
Der Salon als Gegenwartsmuseum: mit einer Fotoserie (2010) von Iwajla Klinke, einem Spiegelobjekt von Ulrich Vogl, dem Aquarell „Commune“ von Stevie Hanley, und einer Pyramide Yasmin Alts. Im dahinter liegenden Zimmer fällt der Blick auf Robert Seidels Gemälde „Ich möchte Teil einer Bewegung sein“ von 2012 (Foto: Wolfgang Stahr)

Tetris in Tempera

Köstlins Sammlung umfasst mittlerweile um die 500 Werke, auf den 540 Quadratmetern, die das Paar mit seinem Husky Spikey bewohnt, kann nur ein Teil davon präsentiert werden, der Rest lagert im Depot. Die beiden hängen halbjährlich fast vollständig um, damit immer mal wieder andere Künstler im Mittelpunkt stehen.Im Moment hat der Leipziger Neo-Rauch-Schüler Robert Seidel bei ihnen seinen„großen Auftritt“. Wer in dem hellen Ess- und Musiksaal empfangen wird, dem begegnet nun auf Seidels großformatigen Tempera-Gemälden das Videospieluniversum von Tetris und Pac-Man.

Fördern und begleiten

Köstlin sammelt mit Bedacht und System. Der Gedanke der Förderung spielt in seinem Selbstverständnis eine zentrale Rolle und passt zu seinem Engagement bei der Villa Aurora, die Künstlerstipendien vergibt, und bei Kulturprojekten der Konrad-Adenauer-Stiftung. Nathan und er interessieren sich vor allem für die junge Generation, Künstler zwischen 25 und 40, die schon auf dem Kunstmarkt agieren, aber (noch) nicht von der internationalen Kunstblase mit ihren Mondpreisen aufgesaugt wurden. Trotz seiner oftmals engen, gar freundschaftlichen Kontakte zu den Künstlern, von denen viele in Berlin leben, erwirbt er nie direkt aus dem Atelier, sondern nimmt stets den Weg über den Galeristen. Damit rät er seinen Künstlern indirekt, nicht gierig zu werden, den Weg der kleinen Schritte zu gehen. „Irgendwann wird der Galerist dir mal helfen, deshalb soll er auch seine Marge bekommen, sage ich oft.“ Auch kauft er stets über einen längeren Zeitraum gleich mehrere Werke eines Künstlers, um so eine verlässliche Unterstützung zu bieten, und er hilft bei der Vorfinanzierung von größeren Projekten.

Jürgen Wittdorf und Gio Black Peter (Foto: Wolfgang Stahr)
Im Gästezimmer hängen Männerbilder von Jürgen Wittdorf und Gio Black Peter (Foto: Wolfgang Stahr)

Wie Köstlin mit Kunst lebt

Aber ist Kunst nicht auch eine Wertanlage? Köstlin wehrt ab und zeigt seinen feinen Sinn für Humor. Noch seien bei keinem „seiner“ Künstler die Preise durch die Decke gegangen.„Einmal hat mich ein Künstler um Rat gebeten, weil er sich eine Wohnung kaufen wollte. Das habe ich gern gemacht. Allerdings habe ich mich schon gefragt, ob ich ihn jetzt überhaupt noch sammeln kann. Na ja, er hat die Wohnung am Ende nicht gekauft“, schmunzelt er zufrieden. Doch warum sammelt er überhaupt Kunst, warum mit diesem Aufwand, dieser Konsequenz? Köstlin beschäftigt sich auffallend wenig mit dem Nachleben seiner Kunstwerke. Er geht nicht davon aus, dass sie wie selbstverständlich eines Tages im Museum landen, schon gar nicht als komplett erhaltene Sammlung. Wichtiger scheint ihm eine Lebensweise zu sein, die Liebe zum Künstlerischen ist etwas, was Nathan und ihn verbindet. Die persönlichen Kontakte zu den Künstlern bereichern ihrer beider Leben, man hat den Eindruck eines Gebens und Nehmens. Sein Freundeskreis umfasse Menschen von 25 bis 90 Jahren, und er schätze diese Offenheit sehr, erzählt Ulrich Köstlin. Die Wirtschaftselite, die ihn früher hauptsächlich umgab, sei hingegen eine „Welt für sich“, ein geschlossener, homogener Kreis.

Neue Entdeckungen

Fragt man Künstler wie Michael Wutz oder Iwajla Klinke nach den Köstlins, hört man viel Sympathie und Achtung heraus, „Ulrich war der Erste, der mich unterstützt hat“, erzählt etwa die Berliner Fotokünstlerin, die um die ganze Welt reist, um Motive für ihre Porträtserien zu finden. Die Köstlins sind offen für Entdeckungen, besonders Nathan lässt sich gern begeistern, manchmal entsteht etwas aus Zufallsbekanntschaften, die er auf seinen Streifzügen durch das Berliner Nachtleben macht. Mitunter verfolgt Ulrich Köstlin aber auch über Jahre den Weg eines Künstlers, bevor er sich entschließt, ihn zu sammeln. Auf einer Messe in London stieß er kürzlich auf das Werk der erst 23-jährigen afrikanischen Malerin Kudzanai Violet Hwami, das ihn so faszinierte, dass er sich im Nachhinein über sein in diesen Dingen zurückhaltendes Temperament ärgerte. Denn am Abend war die Arbeit, die er gesehen hatte, längst verkauft und die Warteliste voll, sodass er etwas tat, was er sonst nie tut. Er kaufte eine andere nur nach der Abbildung, heute ist das ausdrucksvolle, sexuell aufgeladene Porträt eines jungen Mannes im Familienzimmer der Köstlins zu sehen.

Wenn Kunst die Seele spiegelt

Das Gemälde einer lesbischen Künstlerin aus Simbabwe, die darauf ihren idealtypischen Sohn imaginiert, mit dem Bildnis von Nathanael Köstlin, einem württembergischen Prälaten und Privatlehrer Friedrich Hölderlins, in einen Raum zu hängen, kann man wohl als Sinn für Wahlverwandtschaften bezeichnen. Oder als Ausdruck großer innerer Freiheit. Den Köstlins geht es um etwas, um das es vielen Menschen bei der Kunstbetrachtung geht: Sie wollen sich darin erkennen, ihre Seele gespiegelt sehen. Sie haben sich beide porträtieren lassen, Ulrich in zugewandter, dynamischer Pose vom Maler Robert Seidel, Nathan als dandyhafte Büste von der Porzellankünstlerin Rosi Steinbach.

Nathan und Ulrich Köstlin im Esszimmer ihres Hauses in Mitte. Das Paar lebt dort seit 2008 und hat die drei Stockwerke in eine Bühne für die Berliner Gegenwartskunst verwandelt (Foto: Wolfgang Stahr)
Nathan und Ulrich Köstlin im Esszimmer ihres Hauses in Mitte. Das Paar lebt dort seit 2008 und hat die drei Stockwerke in eine Bühne für die Berliner Gegenwartskunst verwandelt (Foto: Wolfgang Stahr)

 

Lieblingswerke aus dem Gesamtkunstwerk

Fragt man Nathan nach seinem Lieblingswerk in der Sammlung, spricht er zunächst von dem Haus als Ganzem als ihrer beider Gesamtkunstwerk, doch holt er dann eine Arbeit von Przemek Pyszczek hervor. Eine menschenleere Szenerie, die für ihn das Trauma seiner eigenen Biografie ausdrücke. Er stammt aus Vietnam und war Waise, ausgesetzt in den Wirren des zu Ende gehenden Vietnamkriegs, gefunden von Nonnen, die ihn erst in ein Heim und dann nach Amerika brachten, wo er schließlich adoptiert wurde. Stellt man Ulrich Köstlin die gleiche Frage nach einem Werk, das ihm besonders wichtig ist, verweist er auf Ondrej Dreschers Darstellung eines Totenschädels, ein Memento mori, das lange auf dem Schrank im großen Musiksaal stand. Köstlin ist 64 Jahre alt und wirkt mit seiner aufrechten Haltung und jugendlichen Ausstrahlung deutlich jünger, seine rüstige Mutter ist über 90 und lebt mit im Haus, seit ein paar Jahren hat er einen Enkelsohn. Doch das Thema der Sterblichkeit beschäftigt ihn, nicht nur bei Drescher zieht ihn das Dunkle, Morbide an, auch bei Michael Wutz, in dessen „Kopfbäumen“ Totenköpfe und Totenkopfäffchen um die Wette starren. „Der Tod, das ist bei ihm auch das Leben“, sagt er über Wutz.

Alles am rechten Platz 

In der Ecke des großen Salons im 5. Stock steht eine Gipsbüste von Johannes Brahms aus dem Jahr 1897, entstanden ein paar Tage nach dessen Ableben. Geschaffen hat sie eine Verwandte von Ulrich Köstlin, die Bildhauerin Maria Fellinger. Von Brahms glaubt man heute, dass er homosexuell war, dies nur niemals offen leben konnte. Nach seinem Tod soll man unter den Dielen seiner Wohnung Frauenkleider gefunden haben, erzählt Nathan, Zeugnis einer heimlichen Passion für Travestie. Die Köstlins haben die Dielen in ihrem Haus weit aufgerissen, es steckt nichts mehr darunter, alles flottiert frei durch den Raum. Die Kunst ist hier gut aufgehoben.

Service

ABBILDUNG GANZ OBEN

Ulrich Köstlin im „Familienzimmer“ seines Hauses neben Rosi Steinbachs Porzellanbüste „Nathan“ von 2013 und dem Porträt Nathanael Köstlins von Philipp Friedrich von Hetsch aus dem Jahr 1804 (Foto: Wolfgang Stahr)

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WELTKUNST Nr. 128/2017