09.10.2016 Gloria Ehret

Neues Buch zum Kunsthandel Röbbig

Aufwendig marketierte Prunkmöbel und zierliche Salonmöbel, poliertes Böttgersteinzeug und schimmernde weiße oder bunt staffierte, teils mit Goldbronzen montierte Porzellangeschirre und -figuren, Gemälde mit galanten Szenen, mit glänzenden Lackoberflächen umkleidete Uhren oder Tabatieren – nirgends sonst im deutschen Kunsthandel steht die höfische Kunst des 18. Jahrhunderts in ihrer verführerischen Vielfalt so im Fokus wie bei Röbbig in München. 

1976 in der Prannerstraße eröffnet und seit 2004 in der Brienner Straße beheimatet, feiert die Firma in diesem Jahr ihr 40-jähriges Jubiläum. Mit ihrem Schwerpunkt auf dem frühen Meissener Porzellan gehört Röbbig zu den weltweit führenden Kunsthandlungen. Auf den Messen in Maastricht, London, New York und Paris sind ihre aufwendigen Rauminszenierungen der Salonkunst des 18. Jahrhunderts Anlaufstelle für Sammler und Museumskuratoren aus aller Welt. Seit Jahrzehnten ist man bestrebt, Kunsthandel und Kunstwissenschaft zu vereinen. So hat Röbbig seit 1993 „Ausgewählte Kunstwerke“ in viel beachteten Publikationen vorgelegt. 1997 erschien „Frühes Meissener Porzellan. Kostbarkeiten aus Privatbesitz“, verbunden mit Ausstellungen im Düsseldorfer Hetjens-Museum und in der Porzellansammlung der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden.

Ulrich Pietsch, langjähriger Leiter der Porzellansammlung im Dresdener Zwinger, gehört seit seiner Pensionierung 2015 zum Röbbig-Stab. Seit 2011 ist Sarah-Katharina Andres-Acevedo in der Firma, die neben Hans Ottomeyer als Herausgeberin des aktuellen Prachtbandes fungiert. Ottomeyer, einst Kurator am Münchner Stadtmuseum, dann Direktor der Staatlichen Museen Kassel und zuletzt des Deutschen Historischen Museums in Berlin, gehört zu den begnadeten Vermittlern vergangener Kunstepochen in ihrer üppigen Sinnlichkeit. 

Allein in Frankreich, das in vielen Bereichen tonangebend war, umspannt das 18. Jahrhundert künstlerisch so unterschiedliche Etappen wie den schweren Spätbarock der Ära des Sonnenkönigs Ludwig XIV. über die vom Rokoko geprägte Louis-XV-Salon-Kultur bis zum Klassizismus und der Französischen Revolution. In seiner Einführung erläutert Ottomeyer die Stilfolgen „goût moderne“ – „goût pittoresque“ – „goût grecque“. Wie kein Zweiter bindet er das Kunsthandwerk in seinen virtuosen Ausformungen in die damalige höfische Lebenswelt und Gesellschaftsstruktur ein und führt dessen „Erfindungsgabe, Ideenreichtum und Gestaltungskraft“ im 18. Jahrhundert anhand einer Auswahl der von Röbbig in den letzten 40 Jahren vermittelten Objekte vor Augen. So taucht der Leser in die Luxuswelt dieses lichttrunkenen Jahrhunderts ein. 

Ob Bernstein in Preußen, Glas in Venedig oder Porzellan in Sachsen – viele der damals geschaffenen Luxusgüter entstanden aus heimischen Rohstoffen in eigener Produktion und dienten als Repräsentationsgeschenke an ausländische Potentaten. Denn die Sprache der bildenden und angewandten Kunst ist so international wie die Musik, und das 18. Jahrhundert jenes des Genies. „Genie … ist die Fähigkeit etwas zu bewirken, was andere nicht können“ formulierte Jean-Baptiste Dubois 1719. 

Die ausgewählten Beispiele sind chronologisch geordnet und entführen den Betrachter in die Luxuswelt europäischer Hofkunst. Ausführliche Essays ergänzen die gründlichen Objekt-Erläuterungen. Der Parcours beginnt mit einem imposanten „Bureau Mazarin“ des Alexandre-Jean Oppenordt um 1685 mit dichter Boulle-Marketerie in Messing, Zinn und Schildpatt, das Max Tillmann in einem ausführlichen Essay stilistisch einordnet und würdigt. Böttgersteinzeug-Krüge und -Humpen mit kostbaren vergoldeten Silbermontierungen, die zu den frühesten Erzeugnissen der Meissener Manufaktur gehörten, stellt Sarah-Katharina Andres-Acevedo in ihrem kulturhistorischen Zusammenhang vor. Hans Ottomeyer erläutert den Einzug der exotischen Heißgetränke Kaffee, Tee und Schokolade in Europa und die damit verbundenen neu kreierten Porzellangefäße. Auf Johann Jakob Irminger gehen die frühen Böttgersteinzeug-Modelle nach Silbervorbildern zurück, bevor die Meissener Manufaktur in ihren grandiosen Schöpfungen des „weißen Goldes“ von Höroldt und Kaendler schwelgen konnte. Sie bilden das Herzstück des Katalogbuches. 

Mit der Chinamode und den eigenständigen europäischen Chinoiserien taucht man in ferne Welten und europäische Phantasievorstellungen exotischer Gesellschaften ein. Anhand einzelner Teller, Kummen, Koppchen oder Pokale werden die technischen Neuerungen und Errungenschaften erklärt. Die glückliche Symbiose, entstanden aus der Zusammenarbeit der Meissener Manufaktur mit den Augsburger Goldschmieden und Feuermalern, spiegelt sich in den bezaubernden Porzellanen mit radierten Goldchinesen. Claudia Lehner-Jobst wendet sich der Tafelkultur zu, deren Höhepunkt sich im 3000 Einzelteile umfassenden Schwanenservice niederschlägt. Wobei man sich die sinnliche Verspieltheit der Geschirre im Kontrast zur streng achssymmetrisch gedeckten Tafel vorzustellen hat. Monika Köpplin schildert die Entwicklung der Lackkunst. Mit Ottomeyer durchschreiten wir den Stilwandel von den Prunkräumen des Spätbarock zu den intimen Salons des Rokoko, die man sich von Tausenden Kerzen erhellt vorstellen muss, deren Lichter in unzähligen Wandspiegeln reflektierte. 

Wie man sich ihre Möblierung nach der neuesten Mode vorzustellen hat, veranschaulichen geschnitzte und vergoldete Torchèren oder Konsolen, Kommoden und immer raffiniertere, frei im Raum aufzustellende Verwandlungsmöbel. Die im 18. Jahrhundert verarbeiteten Materialien konnten gar nicht teuer, kostbar oder exotisch genug sein. Der Luxus gipfelte in ihrer Kombination: Möbel, Uhren oder Spiegel wurden mit Metall oder Schildpatt eingelegt und mit Goldbronzen beschlagen, Lackarbeiten oder Porzellane dank aufwendiger Goldbronze-Montierungen in neue Gefäße und Geräte verwandelt. Das Aufflammen antiker Ideale und die Aufklärung setzten der Chinamode ein Ende. Ein neuer Geist prägt den letzten Abschnitt mit Landschaftsgemälden von Johann Alexander Thiele oder Jakob Philipp Hackert, einem Paar Mehrzweck-Spieltische von David Roentgen sowie Wiener Porzellan-Tabatieren um 1785.

Das Katalogbuch mit 86 Objektnummern erfüllt den Anspruch, ein „Museum auf dem Papier“ zu sein. Die Beiträge der insgesamt 15 Autoren und ausgewiesenen Spezialisten referieren den neuesten Forschungsstand und bieten einen Parcours durch die Kunst dieses schillernden 18. Jahrhunderts. Die Schönheit der Objekte führen Gesamtaufnahmen, Detailansichten sowie inszenierte Arrangements in brillanten Farbaufnahmen vor Augen.