Die Schließung der Kunstmesse Art Basel aus Angst vor den Protesten setzt ein falsches Signal. Ein Kommentar aus Paris
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23.10.2026
Die Nachricht der vorzeitigen Schließung der Art Basel in Paris ist ein Donnerhall und erschüttert die ohnehin gebeutelte Galerienszene. Zahlreiche Galeristinnen und Galeristen sind enttäuscht. Dabei geht es ihnen gar nicht primär um den Wegfall des umsatzstarken Wochenendes am eigenen Messestand. Viel eher geht es um das politisch falsche Signal, das damit gesendet wird.
Wenige Stunden zuvor noch wurde die französisch-somalische Galeristin Mariane Ibrahim für das kulturelle Verdienst ausgezeichnet, sich in den vergangenen zehn Jahren insbesondere für die Sichtbarkeit von Künstlern aus Afrika und der afrikanischen Diaspora eingesetzt zu haben. Sichtbar wird das auch an der berührenden Ausstellung „The Home I Have Never Had“ ihres Stars Amoako Boafo. Für die museal anmutende Schau hat sie die eigenen Galerieräume architektonisch transformiert und einen Black Cube geschaffen – oder viel eher ein „Black Home“, wie es der ghanaische Maler Boafo formuliert: „Ein Zuhause ist mehr als ein Ort. Für mich entsteht ein Zuhause aber erst durch die Begegnung mit anderen. Es existiert nur durch seine Community. Dann beginnt es zu leben!“
Nur wenige hundert Meter von diesem künstlerischen Zuhause entfernt werden heute Abend aufgrund der drohenden Ausschreitungen die gusseisernen Tore des Grand Palais verschlossen. Das besucherstarke Wochenende der Messe entfällt für die teilnehmenden Galerien, für die angereisten Sammlerschaft und die interessierte Öffentlichkeit. Nach den sozialen Unruhen und den gewalttätigen Ausschreitungen des vergangenen Wochenendes und angesichts angekündigter „Aktionen“ am Grand Palais berufen sich die Veranstalter auf die Sicherheit von Besucherinnen und Besuchern, Beschäftigten, Ausstellern und Kunstwerken.
Besonders pikant an der Schließung der Messe zum Wochenende ist, dass die exklusiven Vorbesichtigungen stattfinden konnten, während zwei der drei öffentlichen Besuchstage entfallen. Wer mithilfe von Geld, Beziehungen und einer VIP-Karte Zugang hatte, konnte die Kunst sehen. Wer unter der Woche arbeitet und am Wochenende kommen wollte, steht vor verschlossenen Türen. Diese Abfolge verschärft das Bild einer Kunstwelt, die zwar gerne von Inklusion spricht, aber Exklusivität liebt und lebt.
Die Entscheidung mag von vernünftigen Menschen, die verantwortungsvoll für die Sicherheit ihrer Besucher sorgen, getroffen worden sein. Dennoch sendet sie ein falsches Signal. Denn die verschlossenen Türen der wichtigsten Kunstmesse der Welt produzieren auch zwei andere Bilder: Die Kultur räumt das Feld. Und: Das Kapital zieht sich zurück. Eine Drohung genügt.
Schon über Nacht werden die Bilder von rechten Meinungsmachern dankbar aufgegriffen, um Stimmung gegen den „migrantisch geprägten“ und linken „Mob“ zu machen. Der Journalist und frühere Welt-Chefredakteur Ulf Poschardt polemisiert pflichtbewusst in seinem Instagram-Kanal und sendet eine Videobotschaft über „ungebildete anti-westliche Migranten“ aus der Pariser Banlieue. Die Schließung liefert rechten Deutungen genau jene Kulisse, vor der sich die Erzählung vom Niedergang der offenen Gesellschaft besonders wirkungsvoll inszenieren lässt. Aus konkreten Gewalttätern werden darin pauschale Feindbilder: die Linken, die Migranten, die vermeintlichen Zerstörer einer Zivilisation, deren letzte Verteidiger man selbst zu sein beansprucht.
Die Protestierenden von Paris sind aber keine homogene Gruppe. Und ihre Herkunft erklärt keine Gewalttat. Die berechtigte Verurteilung gewalttätiger Übergriffe rechtfertigt nicht die pauschale Verurteilung von Menschen mit Migrationsgeschichte. Außerdem sind in der Pariser Kunstwelt bislang Biografien möglich gewesen, die der rechten Meinungsmaschine eine schallende Ohrfeige verpassen: etwa die des erfolgreichen Galeristen Kamel Mennour, in dessen Galerie soeben der Book Launch von Annie Cohen-Solals bei Gallimard erschienenem Buch „Métèques et Météores“ über die Lebensgeschichten entwurzelter Künstler wie Christo, Mark Rothko oder Alexander Calder veranstaltet wurde. Mennour ist selbst in Algerien geboren und in der Pariser Banlieue aufgewachsen.
Oder eben die der französisch-somalischen Galeristin Mariane Ibrahim, die soeben mit der Ehrenlegion ausgezeichnet wurde. In ihrer Ehrung liegt das Verspechen von Offenheit und einem zeitgemäßen Begriff kultureller Zugehörigkeit. Eine Republik, die diese Offenheit mit einem Orden ehrt, muss auch die Bedingungen schaffen, unter denen sie gelebt werden kann.
Es gäbe zahllose weitere Beispiele für gelebte kulturelle Vielfalt und Weltbürgertum, für das die Kunstwelt eigentlich stehen kann. Gerade deshalb hätte es eine sichtbare gemeinsame Anstrengung der Messegesellschaft und der Stadt Paris gebraucht, die Art Basel auch an diesem Wochenende als Ort der Offenheit und des Dialogs zu beleben. Warum dies unter den gegebenen Umständen als unüberwindbar erschien, muss aufgeklärt werden.
In der Pariser Galerie von Mariane Ibrahim hat Amoako Boafo versucht, ein gemeinsames Zuhause zu schaffen, dessen Grundlage die Anerkennung anderer ist. Doch wenige Straßen weiter wurde nun eine Brandschutztür zwischen jenen zwei Welten eingezogen, die eigentlich miteinander sprechen sollten.