Gegenwartsmalerei

Tamina Amadyars Gespür für Farbe

Die Bilder der Künstlerin sind derzeit nicht nur im Berghain, sondern auch in der Berliner Galerie Guido W. Baudach ausgestellt. Auf riesigen Leinwänden malt sie geometrische Figuren, die sofort ins Auge fallen

Von Christiane Meixner
25.09.2020
/ Erschienen in WELTKUNST Nr. 176

Wäre es ein kleines Aquarell, könnte man es en passant als Farbstudie lesen: Tamina Amadyar experimentiert mit Blau und Pink und vielleicht der Frage, ob die Raute ein passendes Symbol dieser dualen Verbindung darstellt. Doch die Berliner Künstlerin, 1989 im afghanischen Kabul geboren und bis 2014 Studentin an der Düsseldorfer Kunstakademie, malt auf Leinwände, die sie schnell überragen. Das Bild „pink new york“, derzeit im Technoclub Berghain ausgestellt, ist zwei Meter hoch, und es will nichts andeuten, sondern behauptet im Raum seine absolute Präsenz.

Ein abstraktes Motiv, das einen unvermittelt anzieht, den Blick einsaugt und festhält. Dabei passiert hier alles an der Ober­fläche, sind der Duktus der extrem breiten Pinsel und der Auftrag der Farben in dünnen Lasuren sofort einsichtig bis hinunter auf die stets ungrundierte Leinwand. Tamina Amadyars oft wolkige oder bewusst unperfekte geometrische Figuren geben keine Geheimnisse preis, wenn man sie länger betrachtet. Oder etwa doch?

Tamina Amadyar Baudach Berghain
Das zwei Meter hohe Werk der Berliner Künstlerin Tamina Amadyar „pink new york“ (2020) ist derzeit im Berghain ausgestellt. © Galerie Guido W. Baudach

Interessant ist, woher die junge, erfolgreiche Malerin ihre Eindrücke nimmt. Denn obwohl sie in der Tradition der amerikanischen Farbfeldmalerei von Morris Louis oder Helen Frankenthaler zu stehen scheint, verzichtet Amadyar keinesfalls auf konkrete Bezüge. Sie sind bloß nicht gleich zu sehen. Was sie großzügig mithilfe reiner Pigmente in Hasenleim verewigt, deren Schichten aus sich heraus zu leuchten scheinen, fängt Momente ein, die sich in ihr Gedächtnis gegraben haben. Das kann ein Muster im Teppich sein oder Licht, das durch Vorhänge schimmert. Ein Stück Wand oder Himmel oder ein Berg in der Abendsonne. Es ist gar nicht so wichtig, aus welcher Situation sich das ein­zelne Motiv rekrutiert. Eher schon, wie nah einem diese Momente selbst auch sind – nur dass die wenigsten sie ohne das Insistieren der Malerin sehen. Dieses Schöne, Lapidare, Elegante einer Situation, in der zwei Farben miteinander reagieren. Sich nicht vermischen, sondern kurz umarmen, während zwischen ihnen Funken springen.

Tamina Amadyar Portrait
Die 1989 in Kabul geborene Künstlerin studierte an der Düsseldorfer Kunstakademie und lebt heute in Berlin. © Galerie Guido W. Baudach

Ihre erste Soloschau hatte Tamina ­Amadyar 2015 in der Berliner Galerie Guido W. Baudach. Seit der zweiten mit dem Titel „10,000 hours“ vor drei Jahren wächst das Interesse an ihren Bildern unaufhaltsam. Seither absolviert die Künstlerin immer mehr Gruppen- und Einzelausstellungen. Und obwohl ihre Malerei wiedererkennbar wirkt, was die Kontrastierung zweier Farben, die Überlappungen im Innern und ­klaren Ränder nach außen anbelangt, bewegt sich die Künstlerin doch kontinuierlich weiter.

Schon während der Zeit an der Akademie reiste sie für mehrere Monate nach Kabul, das sie als Dreijährige mit den Eltern verlassen hatte. Nach ihrer ersten Ausstellung bei Baudach ging Amadyar für ein halbes Jahr nach Los Angeles. Beide Erfahrungen fließen in ihr Werk mit ein, vor allem aber die Frage, ob sich der jahrhundertelangen Geschichte der Malerei überhaupt noch ein Kapitel hinzufügen lässt. Wer vor den Bildern von Tamina Amadyar steht, zweifelt keine ­Sekunde daran.

Service

AUSSTELLUNG

Tamina Amadyar: „out of the blue“

Galerie Guido W. Baudach, Berlin

12. September bis 31. Oktober 2020

 

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