30.06.2017 Gloria Ehret

Mit großer Geste

Johann Michael Rottmayr, Paul Troger und Martin Johann Schmidt, den man den „Kremser Schmidt“ nannte, prägten die Barockmalerei in Salzburg. Überall in den Kirchen und Palästen der Stadt stößt man auf sie. Jetzt feiert eine Ausstellung im DomQuartier die drei Künstler

Rottmayr, Troger, Kremser Schmidt, diese drei Heroen der österreichischen Barockmalerei in einer Sonderausstellung in Salzburg zu zeigen heißt Eulen nach Athen tragen. Denn sie sind in der altehrwürdigen fürsterzbischöflichen Residenzstadt vielerorts gegenwärtig: in Kirchen, in der Residenz, in den Museen. Und doch lohnt sich der Besuch der Ausstellung im Domquartier, denn sie bietet dank neuester technischer Möglichkeiten einen erweiterten Blick auf die Bilder. Im vergangenen Winter waren dieselben Gemälde als Teil einer größeren Werkauswahl im Pariser Louvre unter dem Motto „Geste baroque“ zu sehen.

Im 2014 eröffneten DomQuartier, das die erzbischöfliche Residenz mit dem Museum von St. Peter und dem Dom verbindet, sind nun 17 Gemälde der drei Maler im Nordoratorium vereint. Schon der Ort sprengt den Rahmen einer Kabinettausstellung, denn die Abfolge der vier prächtigen, mit schwerem Stuck dekorierten Säle gipfelt in einer veritablen Kapelle, die selbst mit Wand- und Deckenbildern und einem prächtigen Altar aus der Erbauungszeit um 1620 ausgestattet ist.

Im ersten Raum lernen wir die drei Protagonisten kennen. Selbstbewusst blicken sie dem Betrachter von einem Bildschirm direkt in die Augen. Die originalen Selbstbildnisse befinden sich in Wien, Innsbruck und Graz. Für alle drei Maler bedeutete Salzburg eine erfolgreiche Etappe in ihrem künstlerischen Werdegang und landesweiten Wirken. Für Rottmayr gab es eine Verbindung schon durch seinen kongenialen Partner und Freund Johann Bernhard Fischer von Erlach: Der bedeutendste Barockbaumeister Österreichs baute nicht nur in Wien, sondern auch in Salzburg.

Der drastische
Der drastische "Engelssturz" von Johann Michael Rottmayr entstand 1697 (Foto: Slazburg Museum)

Johann Michael Rottmayr (1654–1730), der älteste der drei Maler, wurde in Laufen an der Salzach geboren und ging 1675 für dreizehn Jahre nach Venedig zu Johann Carl Loth. Von 1687 bis 1695 war er in Salzburg tätig, wo er zum fürsterzbischöflichen Hofmaler ernannt wurde. In Wien erhielt er 1704 das kaiserliche Adelsprädikat „von Rosenbrunn“. Neben Großaufträgen schuf Rottmayr auch Porträts und eine Vielzahl von Ölskizzen. Stilistisch gelang ihm eine Synthese italienischer Einflüsse mit dem Rubensstil, die sich in bewegten Figurenszenarien und farblichem Rot-Blau-Akkord ausdrückt. Um 1690 hat er die „Vision des heiligen Eustachius“ gemalt. Eine expressive Szene in diagonaler Komposition. Dramatische Lichtquelle ist eine Christusfigur, die zwischen dem Geweih eines Hirschs aufglüht.

Da sind wir bei einer Besonderheit dieser Schau: Es gibt zu jedem Exponat ein Tablet mit der entsprechenden Abbildung. So kann man Details heranzoomen oder den Auftraggeber erkunden – der in diesem Fall unbekannt ist. In Zeiten, in denen die Bildinhalte und erst recht die christlichen Textquellen immer weniger bekannt sind, ist es hilfreich, sich weiter informieren zu können. Damit erwachen die Gemälde zu neuem Leben und der Untertitel der Ausstellung „Bildgeschichten für Salzburg“ wird eingelöst. Wir erfahren beispielsweise, dass Eustachius (der Standfeste) ein frühchristlicher Märtyrer war. Auf der Jagd zu Pferd erschien ihm ein Hirsch mit einem Kruzifix im Geweih, und eine Stimme fragte, warum er ihn (Christus) verfolge. Eu­s­tachius fiel vom Pferd und wurde bekehrt. Rottmayr lässt einen Putto herbeifliegen, der ihm nicht nur die göttliche Erscheinung weist, sondern auch die Märtyrerpalme bereithält.

 

Paul Trogers bezauberndes
Paul Trogers bezauberndes "Engelskonzert", vor 1747 entstanden, ist der Gemälde­entwurf für ein Deckenfresko in der Jesuitenkirche im ungarischen Györ. Himmlische Musik für ein Bild über der Orgel (Foto: Salzburg Museum)

Knapp vor Mitte des 18. Jahrhunderts malte Paul Troger, 1698 im Pustertal geboren, den Entwurf für ein Fresko in der Jesuitenkirche im ungarischen Györ. Das Deckenbild ist über der Orgelempore platziert, was wäre hier geeigneter als ein „Engelskonzert“? Da man die Decke nur von einer Seite betrachten kann, hat er die handelnden Figuren vor der Himmelsweite geschickt an den Bildrand versetzt.

Auch Troger zog es nach Italien, erst nach Cavalese zu Giuseppe Alberti. Gefördert vom Gurker Fürstbischof, ließ er sich danach in Venedig bei Piazzetta weiter ausbilden. Schließlich verbrachte er drei Jahre in Neapel bei Solimena, in Rom und Bologna. Nach seiner Rückkehr über Gurk kam Troger nach Salzburg. Für die Kajetanerkirche malte er 1727/28 das Hochaltarblatt und freskierte die Kuppel. In Wien stieg er 1754 zum Rektor an der Akademie der bildenden Künste mit einer bedeutenden Schülerschar auf. Seine Malerei wirkt klar gegliedert und klassisch. Die feine Tonabstufung der Farben gipfelt in schärferen Hell-Dunkel-Kontrasten. Darüber hinaus brillierte Troger als Zeichner und Radierer.

In Venedig war auch der Dritte im Bunde, der Bildhauersohn Johann Martin Schmidt, genannt Kremser Schmidt (1718–1801). Ohne akademische Ausbildung brachte er es zum Mitglied der Wiener Akademie und ließ sich für immer in Stein an der Donau nieder, wo er eine umfangreiche Werkstatt betrieb. Von tiefer Frömmigkeit durchdrungen, werden seine Altar- und Andachtsbilder in ihrer gefühlvollen Auffassung oft als vorimpressionistisch bezeichnet. Auch er war ein virtuoser Zeichner und hinterließ von Rembrandt beeinflusste Radierungen. Sein Ausstellungsentrée bildet die dichte, vielfigurige Schilderung des „Martyriums des heiligen Petrus“.

 

Der
Der "Kremser Schmidt" lässt Maria Magdalena im »Noli me tangere« auf Christus als Gärtner mit Strohhut stoßen, gemalt um 1780 (Foto: Salzburg Museum)

Die folgenden Säle sind jeweils einem dieser drei Protagonisten gewidmet. Alle vier präsentierten Rottmayr-Bilder stammen aus dem Jahr 1697. Eines zeigt den „Triumph der Immaculata“ – ein beliebtes Sujet der gegenreformatorischen Kunst, das die ohne Erbsünde geborene Maria verherrlicht. Kanonisch im weißen Gewand mit wehendem, leuchtend blauen Mantel auf der Weltkugel stehend, nimmt sie die rechte Bildhälfte ein. Von links oben schwebt Gottvater herab, der auf die Verdammten im Abgrund weist. Erstaunlich, dass dieses tief religiöse Bild und sein Gegenstück „Christus unter den Schriftgelehrten“ im Auftrag des Fürsterzbischofs Johann Ernst Graf von Thun und Hohenstein für die Ratsstube der Salzburger Residenz bestimmt war.

Thun war es übrigens auch, der Salzburg zur Barockstadt ausbauen ließ, die bis heute bezaubert. Zu den architektonischen Glanzleistungen gehören Fischer von Erlachs Kollegien- und die Dreifaltigkeitskirche. Für Letztere schuf Rottmayr das Kuppelfresko, das jetzt als große Aufnahme unter der Decke des Ausstellungssaales angebracht ist. Auf dem Foto kann man es in Ruhe studieren; in der Kirche selbst ist das weitgehend versagt, denn man kann sich meist nur aus der Vorhalle durch ein schmiedeeisernes Gitter einen oberflächlichen Eindruck von der Malerei verschaffen.

Genauso geht es einem mit Paul Trogers Deckengemälde in der Kajetanerkirche von 1728. Auch da bietet nur das Großfoto in der Schau die Möglichkeit, sich gründlich mit der „Glorie des hl. Kajetan“ auseinanderzusetzen. Ebenfalls für eine Ratsstube, jedoch im bürgerlichen Rathaus, malte Troger 1749 im Auftrag des Salzburger Bürgermeisters Kaspar Wilhelmseder die sogenannten Gerechtigkeitsbilder, zwei miteinander korrespondierende Großformate mit den alttestamentarischen Szenen „Daniel verteidigt Susanne“ und dem „Urteil Salomons“ in spannungsreicher Atmosphäre.

Dem Kremser Schmidt verdanken wir das Hochaltarblatt und eine Reihe weiterer Altarbilder in St. Peter – zwei Entwürfe sind ausgestellt. Diese altehrwürdige Kirche ist übrigens zugänglich, aber die Lichtverhältnisse sind so ungünstig, dass man die originalen Altargemälde kaum mit Genuss betrachten kann. Ein Rechnungs- und ein Tagebuch der Äbte geben Aufschluss über die Aufträge an den Maler und vermerken dessen Tod am 28. Juni 1801. Sein wunderbares, farbstrahlendes Gemälde in der Schau, „Christus als Gärtner begegnet Maria Magdalena“, zeigt den Auferstandenen fast nackt, nur mit einem Umhang unter seinem Strohhut mit dem Spaten in der Hand, wie er der auf die Knie Gesunkenen erscheint. Der Kremser Schmidt versetzt die Begegnung aus dem Neuen Testament um 1780 in einen üppig grünen Garten. Trotz Sarkophag und Grabeshöhle wirkt Maria Magdalena freudig überrascht, war sie doch gekommen, um den vermeintlichen Leichnam zu salben.

Mit Daniel Gran und Franz Anton Maulbertsch, die jedoch nicht mit Salzburg in Verbindung stehen, überwanden diese drei Maler die italienische Vorherrschaft und etablierten einen typisch österreichischen Barockstil in der Malerei. Der Spätbarock geht fließend in den Klassizismus über, ein jubelndes Rokoko wie im benachbarten Bayern prägte sich nicht aus. Doch in dieser um 1780 gemalten, fast genrehaft-farbstrahlenden Gartenidylle schwingt die leichte Sinnlichkeit des Rokoko mit.

Nach dem Besuch der Ausstellung sollte man sich noch aufmachen, um einige der vielen Originale in Salzburg zu erleben. Gleich im Anschluss etwa kann man in der „Langen Galerie“ der Residenz wie auf einer Schnitzeljagd zwei große repräsentative Troger-Gemälde entdecken.

Service

Abbildung ganz oben:

In theatralischer Lichtregie zeigt Paul Troger „Salomons Urteil“, 1749 (Foto: Salzburg Museum)

Ausstellung:

„Troger, Rottmayr, Kremser Schmidt. Bildgeschichten für Salzburg“, DomQuartier, bis 6. November