10.02.2017 Annegret Erhard

Spektakel für die Einlieferer

Kuratoren sind allgegenwärtig und mächtig im Kunstbetrieb. Neuerdings werden selbst Auktionen modisch „kuratiert“. Doch was bringt das?

Neulich gab es Nachwuchs im Berliner Tierpark, in einer Tageszeitung war zu lesen, dass der Eisbärkurator die Öffentlichkeit nun regelmäßig über das Befinden im Gehege informieren werde. Da war sie also, die Ausweitung der Kampfzone für einen außerordentlich beliebten Berufszweig. Oder schleicht sich da lediglich eine Vokabel von einem Begriffsfeld ins andere? Vor zehn Jahren noch standen vergleichsweise wenige freischaffend tätige Experten dem Museumskustos bei der Ausstellungsvorbereitung zur Seite; heute sind all die Biennalen ohne eine Armada von Kuratoren kaum vorstellbar. Dem Zeitgeist verpflichtet, reisen und netzwerken Kuratoren ohne Unterlass. Sie sind die diplomatischen Attachés des Kunstbetriebs. Geschickt, gescheit, diskret, dabei eitel und ehrgeizig genug, um die mit ihrer Tätigkeit verbundenen Strapazen (und Anfechtungen) auszuhalten. Was sie aber besonders auszeichnet, ist die Suggestivkraft, die ihrer Arbeit zugeschrieben wird. Wo sie Hand an- oder auflegen, ist Idee, Vision und Wirksamkeit. Irgendwie.

Von jeher waren die Kojen auf den Kunst- und Antiquitätenmessen kuratiert. Nur hieß das nicht so. Der Händler hat mit seinen kostbaren Objekten ein Ambiente arrangiert, das kultivierte Lebensart auf hohem Niveau simulierte. Heute funktioniert das nicht mehr so richtig. Wirkt auf Jüngere befremdlich, und Ältere sind nur noch schwer zu beeindrucken. Es genügt nicht mehr, Salonatmosphäre herzustellen. Das allerorten und von jedem bemühte respektive geforderte (wegen inflationären Gebrauchs wahrscheinlich bald wieder abgenutzte) Narrativ muss Funken sprühen.

Neuromarketing soll bei den „Curated Sales“ die Entscheidung nun kräftig befeuern.

Schwieriger wird das bei den Messen mit alten Meistern, moderner und zeitgenössischer Kunst. Außer einer Konzentration auf Epochen, Regionen, Motive oder Künstlerdialoge gibt es wenig Spielraum. Umso gelungener war der Coup der Galerie Helly Nahmad auf der Londoner Frieze Masters 2014. Sie verwandelte ihre Koje in ein Bühnenbild mit ziemlich runtergerocktem Sechzigerjahre-Interieur: Bücher- und Zeitungsstapel, Plakate mit sozialistischen Parolen, dazwischen ein Picasso, überquellende Aschenbecher neben der Schreibmaschine, darüber ein Miró, ein Fontana über dem Schwarz-Weiß-Fernseher – die Höhle eines intellektuellen Junggesellen, der gerade raus ist, um sich mit einem Freund auf ein Glas zu treffen. Ach, war das romantisch und so illusionistisch und so wahrhaftig und dabei so falsch (schon in den Sechzigern, mäkelten die Puristen und Märchenhasser unter den Besuchern, war Picasso ganz schön teuer und hätte nie so schlampig irgendwo gehangen). Ob sich die Bilder so besser oder überhaupt verkauft haben, war nicht zu erfahren; auch nicht, ob die Inszenierung den Erkenntnissen des Neuromarketings folgte, um bestimmte ­Gehirnareale des Konsumenten zu aktivieren.Neuromarketing soll bei den „Curated Sales“ die Entscheidung nun kräftig befeuen.

Versteht sich von selbst, dass auch die Auktionshäuser die Synapsen – nein, nicht der Konsumenten, sondern natürlich der kunstsinnigen Sammler – zum Glühen bringen wollen. Hatte es früher genügt, die wirklich hochpreisigen Werke in einer Abendauktion mit ausgewählten Werken zu versteigern und den ganzen großen Rest am nächsten Tag, so stellt man nun in New York diesem Evening Sale noch einen „Curated Sale“ voran. Das Motto des Spektakels ist lyrisch bis kryptisch („Looking Forward to the Past“), die Zusammenstellung der Werke nach Qualität und Taxen exquisit, ansonsten naturgemäß beliebig.

Diese Variante mit höchstens vierzig Losen ist ein aggressiv (auch mit Garantien) geführtes Akquise-Instrument. Mit fantasieberauschtem Gefuchtel, im Gedränge zwischen Exzellenz und Konkurrenz, suggeriert sie den abwägenden Einlieferern eine Sonderbehandlung und höchste Aufmerksamkeit des Markts. Ob die interessierten Käufer später tatsächlich einen gravierenden Entscheidungsschub erleben, sei dahingestellt. Picassos „Femmes d’Alger“ hätte es, das behaupten wir jetzt mal, auch ohne derartige Stimulanz zum Superrekord (knapp 180 Millionen Dollar) geschafft.

Die Auktionshäuser hierzulande könnten sich bei Nachahmungsversuchen schnell verheben. Für eine derart magische Veranstaltung fehlt es einfach an weißen Kaninchen, die sie aus dem Hut zaubern könnten. Ohnehin dürften sich die wenigsten Einlieferer allein mit dem Versprechen, die Offerte klangvoll zu kuratieren, zufriedengeben. Ausschlaggebend sind neben vorteilhaften Vertragsbedingungen immer noch so altmodische Beweggründe wie Vertrauen. Übrigens, auch in London und New York ist man sich nicht sicher, ob ein Versteigerungstermin mit Toplosen, anderntags gefolgt von einem weiteren Termin mit Toplosen, die beste aller Strategien ist. Vielleicht sollte man das Kuratieren jenseits von Ausstellungen und Eisbärgehegen doch eher den Online-Auktionshäusern überlassen. Die können dann eine Architekturfotografie von Axel Hütte mit einem Kinderbild von Margret Hofheinz-Döring und ein paar Designersachen auf dem Bildschirm zusammenpferchen und behaupten, es ginge um „Concrete Love“.