Lore Bert in Venedig

Vielfältiges Papier

Die 90-jährige Papierkünstlerin Lore Bert bespielt in Venedig die Kirche San Fantin

Von Sebastian Preuss
13.07.2026
/ Erschienen in Weltkunst Nr.257

Papier aus Japan, Nepal, Korea und China ist für Lore Bert seit Jahrzehnten das bevorzugte Material. Es inspirierte sie zu Collagen, Transparenten, Skulpturen, dreidimensionalen Bildern. In den Achtzigerjahren entwickelte sie erstmals raumfüllende Environments. Die Arrangements von gedrücktem, zerknautschtem Papier, das über dem Boden zu schweben scheint, machten die Künstlerin aus Mainz international bekannt. Zum dritten Mal tritt Lore Bert jetzt zur Venedig-Biennale in Dialog mit einem historischen Bauwerk der Lagunenstadt: 2013 in der Biblioteca Marciana, 2019 in der Kirche San Samuele und jetzt in San Fantin gegenüber dem Teatro la Fenice – ein kubischer Bau mit einem Altarhaus von Jacopo Sansovino, der auch den Markusplatz maßgeblich gestaltete.

In der Renaissancekirche geht es Bert um die Kraft des Lichts, das nicht nur für die Christen ein Symbol für Hoffnung und Zuversicht in Krisenzeiten ist. Durch das Mittelschiff der Kirche hat sie eine breite Bahn aus Bodenplatten gelegt. Dort arrangierte sie Tausende von zusammengedrückten Papierstücken in zwei großen Kreisen. In beiden dieser luftigen Papierzirkel leuchten Neonelemente auf: Eine türkis-weiße Spirale steht für Konzentration wie für Unendlichkeit, so das Konzept der Künstlerin. Rote Vierpässe verweisen auf die vier Kardinaltugenden Weisheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und Mäßigung, zugleich sind sie eine Reminiszenz an die gotische Architektur Venedigs. Die künstlerische Schneise durch die Kirche mündet in einer Neonskulptur im Chor, auch hier geht es Lore Bert um eine Botschaft des Glaubens. Die Zahlen Drei, Sechs und Neun (in arabischer Schreibweise, ein dezentes Plädoyer für mehr Verständigung zwischen den Kulturkreisen?) stehen für Vater, Sohn und den Heiligen Geist. In den Seitenkapellen ergänzen flirrende Papierreliefs mit symbolischen Formen die Installation.

„Towards the Light
Lore Bert, „Towards the Light" in der Renaissancekirche San Fantin. © Galerie Dorothea van der Koelen; Mainz/Venedig

Lore Bert, die im Juli 90 Jahre alt wird, studierte in den Fünfzigern an der Westberliner Kunsthochschule, wo ihr der Bildhauer Hans Uhlmann ein Gefühl für Räumlichkeit vermittelte. Dann heiratete sie und zog zwei Kinder groß, bevor ihre Karriere in den Achtzigern immer rasanter voranging. Sie hat ein enormes Werk geschaffen, das inzwischen in 350 Ausstellungen in 30 Ländern gezeigt wurde. Eine unermüdliche Unterstützerin ist ihre Tochter, die Galeristin Dorothea van der Koelen. Spiritualität und Glaube spielen für Bert immer eine wichtige Rolle. Symbole und Prinzipien der Weltreligionen greift sie in ihren Arbeiten genauso auf wie Elemente aus den Geistes- und Naturwissenschaften, der Literatur und der Philosophie. Aus unterschiedlichen Kontexten der Weltkulturen zitiert sie Worte, bedeutungsbeladene Buchstaben, Zahlen oder Chiffren, geometrische Formen oder Ornamente und integriert sie in ihre sehr geradlinige Ästhetik. Reduktion, Serialität, Systematik, auch der Minimalismus prägen ihr Werk, das auf universal gültige Themen angelegt ist, auf einen für die ganze Menschheit gültigen Humanismus.

Mit kontemplativen Stimmungen, den dezenten formalen Querverbindungen, mit einer abstrakten Sprache aus Licht und Schatten, Form und Farbe, Groß und Klein, Matt und Leuchtend entfalten die Artefakte ihre eindrucksvolle Wirkung. Auch wenn die Botschaften und symbolischen Hinweise sich ohne Hintergrundwissen nicht immer gleich aufschlüsseln lassen. Dafür lässt sich hier viel erfühlen. 

Service

INFOS ZUR AUSSTELLUNG

„Lore Bert. Towards the Light“,

San Fantin,Venedig,

bis 22. Oktober

 

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