Paul Cassierer

Passion für die Moderne

Zum 100. Todestag erinnert die Alte Nationalgalerie mit einer Ausstellung an den Berliner Kunsthändler Paul Cassirer

Von Christiane Meixner
26.06.2026
/ Erschienen in Weltkunst Nr. 257

Er brauchte Platz, immer mehr, am liebsten gleich einen ganzen Saal mit Oberlicht: Wenn es um die Kunst ging, war Paul Cassirer geradezu unersättlich. Ein kleines Architekturmodell in der Alten Nationalgalerie veranschaulicht, wie der Berliner Kunsthändler seine Villa im gediegenen Tiergartenviertel an der Wende zum 20. Jahrhundert stetig um Ausstellungsflächen vergrößerte. Auf Kosten des Gartens, der im selben Zeitraum sichtlich schrumpfte.

Als er zusammen mit seinem Cousin 1898 die „Bruno & Paul Cassirer, Kunst- und Verlagsanstalt“ eröffnete, war er gerade einmal 27 Jahre alt. 1901 überwarfen sich die beiden: Bruno Cassirer übernahm den Verlag, Paul den Kunsthandel, im Rahmen dessen er sich weiter der Vermittlung der von ihm geschätzten Malerei widmete, etwa von Max Liebermann, Vincent van Gogh oder Lovis Corinth. Wie erfolgreich und wegweisend er als Kunsthändler und Netzwerker agierte, macht derzeit die Berliner Ausstellung „Cassirer und der Durchbruch des Impressionismus“ zum 100. Todestag des singulären Galeristen sichtbar.

Es ist ein Fest vibrierender Farben und urbaner Themen, die damals durchaus scharfe Kritiker hatten. Unter ihnen: Kaiser Wilhelm II., ein Verächter der Moderne. Dennoch gelang es Hugo von Tschudi als Direktor der Nationalgalerie, unter den strengen Augen des Monarchen diverse umstrittene Gemälde und Skulpturen anzukaufen, die heute als Meisterwerke anerkannt sind.

„Die Orchestermusiker“ (1872) von Edgar Degas, Edouard Manets intime Darstellung der „Familie Monet in ihrem Garten in Argenteuil“ von 1874, ein ganzfiguriges Porträt von Harry Graf Kessler, das Edvard Munch 1906 in Öl auf Leinwand bannte, oder ein Selbstbildnis van Goghs, dem ein Kritiker riet, seine Augen ärztlich untersuchen zu lassen: Was immer in der großzügigen Schau auf der Berliner Museumsinsel zu sehen ist – Cézanne, Renoir, Münter, Kollwitz, Barlach, Slevogt, Kirchner, Beckmann, Kokoschka und viele andere –, ging irgendwann durch die Hände Paul Cassirers.

Ein Pfirsichglas steht auf einer Marmorplatte
Cassirer erkannte früh die Meisterschaft: „Pfirsichglas“ von Claude Monet. © Elke Estel/bpk/Galerie Neue Meister/Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Albertinum

Nicht alle Meisterwerke, die damals im Salon Cassirer gezeigt wurden, konnten jetzt als Leihgaben gewonnen werden. Es fehlen die absoluten Ikonen des Impressionismus, Manets berühmtes „Frühstück im Grünen“ (damals „Frühstück im Grase“ genannt) aus dem Musée d’Orsay und Monets „Impression, soleil levant“ aus dem Pariser Musée Marmottan Monet. Die Cassirers zeigten sie in ihrem Salon, die Werke hätten in Berlin bleiben können, doch die kaufkräftigen Berliner waren noch nicht so weit, die Bilder fanden keine Abnehmer. Hugo von Tschudi konnte durch Paul Cassirer van Goghs „Sonnenblumen“ erwerben – doch mittlerweile war Tschudi in München, das Gemälde ist heute der Stolz der Neuen Pinakothek.

Die aktuelle Schau zeigt Paul Cassirers geniales Gespür für die Avantgarde, doch sie bleibt fragmentarisch. Gerne hätte man mehr über das Milieu der kunstsinnigen, meist jüdischen Sammler und Mäzene seiner Zeit erfahren. Und auch der Mensch Paul Cassirer bleibt blass. Dabei war sein Leben bis zum Schluss filmreif. Es endete 1926, als er sich bei einem Notartermin erschoss, nachdem seine Frau Tilla Durieux die Scheidung eingereicht hatte. 

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„Cassirer und der Durchbruch des Impressionismus“,

Alte Nationalgalerie, Berlin,

bis 27. September 2026

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