Martin Schongauer im Louvre

Unsterblich schön

Martin Schongauers Schaffen um 1470 prägte viele Künstlergenerationen. Der Louvre bietet nun den bisher umfassendsten Blick auf das epochale Œuvre

Von Peter Kropmanns
24.06.2026

Seit Langem sind seine Werke der Stolz internationaler Museen – ihrer Abteilungen altdeutscher Malerei und ihrer Kupferstichkabinette. Doch europaweit begehrt waren sie schon zu seinen Lebzeiten, von Saragossa bis Krakau. Martin Schongauer, an unbekanntem Datum um 1445 im elsässischen Colmar geboren, avancierte mit seiner Malerei und Grafik schnell zu einem Star der Kunst. Um deren Attraktivität zu bezeichnen, kombinierte man seinen Vornamen je nach Landessprache mit den Etiketten „beau“ oder „hübsch“. Nach seinem Tod – er starb bereits im Jahr 1491, zwanzig Kilometer südöstlich im rechtsrheinischen Breisach – galt Hübsch Martin fortan als immortel oder unsterblich.

Jüngere Kunstschaffende maßen sich an seinem Talent, virtuos Licht und Schatten sowie Volumen herauszuarbeiten und feinfühlig Stimmungen zu erzeugen. Albrecht Dürer erwarb Zeichnungen von ihm, was seine enorme Wertschätzung dokumentiert. Ein Blatt aus der Sammlung des Nürnbergers ist jetzt in der umfassenden Schongauer-Ausstellung des Louvre zu sehen. Das Museum hat einen Großteil der Exponate aus eigenem Bestand beigesteuert. Herausragender Leihgeber der Schau ist das Musée Unterlinden in Colmar, bekannt für den Isenheimer Altar Matthias Grünewalds, aber auch ein Schatzhaus für die Kunst Schongauers. Das Colmarer Museum ist federführender Partner, zumal man dort, an der deutsch-französischen Schnittstelle der Sprachen und Kulturen, die Geschichte der einst zum Heiligen Römischen Reich gehörenden Region und ihrer Kunst aus dem Effeff kennt.

Über Schongauers Werdegang ist wenig bekannt. Im exzellenten Ausstellungskatalog spricht man gar von der „Unmöglichkeit, eine Biografie zu verfassen“. 1465 kann er als Student der Universität Leipzig, später in Basel nachgewiesen werden. Ein Aufenthalt in Nürnberg sowie eine Reise nach Flandern, vielleicht als Bewunderer der Kunst Rogier van der Weydens, der damals für viele das Vorbild war, gelten als wahrscheinlich. Verbürgt ist dagegen, dass er aus einer Augsburger Familie stammte, die vor seiner Geburt vom Lech an den Oberrhein gezogen war. Ihr Markenzeichen war es, ganz der heimatlichen Tradition verpflichtet, exquisite Goldschmiedearbeiten hervorzubringen. Fast alle Mitglieder der Familie beherrschten dieses Metier mit Bravour.

Sohn Martin wandte sich aber der Zeichnung, dem Kupferstich und der Malerei zu. Prunkvolle Metallarbeiten, wie sie seine Familie ziselierte, stellte er manchmal in Kunstwerken dar. So zeigt sein um 1470–1475 entstandener Kupferstich, der ein gotisches Weihrauchgefäß verewigt, beispielhaft seine Hingabe und Liebe zum Detail. Schongauer verband Naturbeobachtung mit Spiritualität, besonders wenn es um biblische Szenen ging, und vermittelte dem Betrachter neben Inhalten, Innigkeit oder Dramatik auch visuelles Vergnügen. Ob Gesichter, Hände, Faltenwürfe von Stoffen oder ein als Pflanzenranke gestalteter Türbeschlag – stets bemühte er sich darum, nah an der Sache zu bleiben. So sind in einem Spalier mit blühenden Rosen, das allerlei heimische Vögel bevölkern, konkret Stieglitz, Rotkehlchen oder Blaumeise erkennbar.

Naturgetreu hält der Stich von Martin Schongauer einen Steinkauz mit Laubwerk fest
Naturgetreu hält der Stich von Martin Schongauer einen Steinkauz mit Laubwerk fest. © Tony Querrec/GrandPalaisRmn (musée du Louvre)

Der Louvre zeigt mit einem an Klarheit nicht zu überbietenden zweigeteilten Parcours einerseits große Teile des nur partiell überlieferten Werks Schongauers und andererseits die Begeisterung von Zeitgenossen und nachfolgenden Generationen für dessen Kunst. Dafür konnte das Museum auch Stücke etwa aus Berlin, London oder Warschau beschaffen – wenige der nur rund zehn Zeichnungen Schongauers, fast sechzig seiner Kupferstiche (bekannt sind gut hundert Blätter) sowie fast alle der raren Andachts- und Altarbilder (ein halbes Dutzend). Nur der Transport eines in Wien aufbewahrten Meisterwerks, wie so vieles auf Holz gemalt, was heikel ist, war nicht zu verantworten.

Clou der Schau ist ein großes Gemälde, das seinen Platz in der Colmarer Dominikanerkirche normalerweise nicht verlässt: Es zeigt eine in Rot gewandete Madonna im Rosenhag, dem besagten Vogelparadies, vor Goldgrund. Der gar nicht mehr so kleine, blondgelockte Jesusknabe sitzt in ihrer Armbeuge und legt einen Arm um ihren Hals. Über beiden schweben zwei Engel mit einer Krone für die Gottesmutter. Zu ihren Füßen reifen Erdbeeren. Das Bild war einst größer; beim Beschnitt könnte eine Signatur verloren gegangen sein. Dagegen hat sich auf der Rückseite die Jahreszahl 1473 erhalten.

Um Schongauers Bedeutung aufzuzeigen, macht die Ausstellung mit heute nicht mehr so geläufigen Vorläufern und Zeitgenossen bekannt. Groß ist auch das Interesse an etwa 30 (von rund tausend) Werken jener Kunstschaffender, die ganze Kompositionen Schongauers kopierten oder ihnen Details entnahmen wie Posen einzelner Figuren. Die Spannbreite reicht von freier Interpretation bis zu originalgetreuer Nachahmung. Dabei konnte aus einem Kupferstich durchaus ein holzgeschnitzter Altar in Südtirol werden, dem die Inspirationsquelle nicht gleich anzusehen ist. Es eröffnet sich damit eine faszinierende Spurensuche, die nicht nur dem Spätmittelalter gilt, sondern bis ins 17. Jahrhundert reicht. 

Service

INFOS ZUR AUSSTELLUNG

„Martin Schongauer. Le bel immortel“,

Louvre, Paris,

bis 20. Juli 2026

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